Essay zum Thema Kleidung

Marshall McLuhans „Die magischen Kanäle“

Fragestellung:

Inwiefern hat Marshall McLuhan Recht, wenn er behauptet, Kleidung stufe Menschen gesellschaftlich ein? Und inwiefern wirkt sich die Kleidung eines Menschen diesbezüglich auf seinen Alltag aus?

In meinem Essay werde ich mich mit dem Thema Kleidung beschäftigen. Ich werde dabei auf zwei Thesen eingehen, die Marshall McLuhan in seinem Buch aufgestellt hat. Anschließend werde ich untersuchen, inwiefern sich die Kleidung eines Menschen auf seinen Alltag auswirkt oder ob es vielleicht eher andersherum geschieht.


Marshall McLuhan behandelt im 12. Kapitel seines Buches „Die magischen Kanäle“ das Thema Kleidung. Er sieht dabei die Kleidung des Menschen als eine Art „Ausweitung“ der Haut an, die nicht nur genutzt wird um sich vor Kälte zu schützen, sondern auch um sich „gesellschaftlich einzustufen“.

In diesem Punkt stimme ich Marshall McLuhan vollkommen zu. Dabei spreche ich, wie wohl auch McLuhan, nicht von sogenannten „Dritte-Welt-Ländern“, in denen die Menschen, provokant ausgedrückt, mehr oder weniger „froh sein können, wenn sie überhaupt etwas zum Anziehen haben“. Ich spreche von, wie McLuhan es nennt, „modernen Gesellschaften“, in denen die Menschen ganz frei entscheiden können wie sie sich kleiden.

Man muss natürlich bedenken, dass nicht alle die nötigen finanziellen Voraussetzungen mitbringen, um sich in Designerkleidung hüllen zu können. Beispielsweise wird es einem Hartz IV-Empfänger in der Regel kaum möglich sein, jede Saison die neuesten Modelle von Dolce & Gabbana oder Gucci zu kaufen.

Aber genau das meint McLuhan ja. Kleidung stuft den Menschen gesellschaftlich ein, ob sie es wollen oder nicht. Man kann anhand der Kleidung eines Menschen sehen, in welcher Gesellschaftsschicht er lebt. Manchmal sieht man es sofort, manchmal muss man erst genauer hinschauen. Aber in der Regel kann man es mehr oder weniger erkennen.

Man kann allerdings versuchen, eine höhere gesellschaftliche Stufe vorzutäuschen. Denn ohne auf das Etikett zu schauen, kann auch der Vogue-Abonnent kaum unterscheiden, ob das T-Shirt von H&M oder von Aigner ist.

Ohne nun in den Stil eines Mode-Ratgebers verfallen zu wollen, meine ich allerdings, dass sich in der heutigen Zeit und in unserer Gesellschaft eigentlich jeder modisch kleiden kann. Denn, wie bereits erwähnt, bieten auch preiswerte Ladenketten Kleidung an, die den Träger beziehungsweise die Trägerin gut aussehen lässt.

Eben so, als hätte diese eigentlich mehr Geld für das T-Shirt bezahlt und würde dadurch gesellschaftlich auf einer höheren Stufe stehen als sie es wirklich tut.

Auch kann man mit gepflegter Kleidung eine Menge ausgleichen. Denn schließlich erweckt ein sauberes T-Shirt einer billigen Marke immer noch einen besseren Eindruck als ein schmutziger Boss-Anzug.

Dies führt mich zu McLuhans nächster These. Er behauptet, dass die Europäer am Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine „Verbraucherrevolution“ durchmachten.

Zu diesem Zeitpunkt, so McLuhan, „wurde es bei den oberen Gesellschaftsschichten modern, teure, vornehme Kleidung zugunsten einfacher Stoffe aufzugeben“ (S. 131). In diesem Punkt stimme ich McLuhan nicht zu.

Denn wie ich eben schon erwähnt habe, gibt es schließlich preiswerte Ladenketten wie H&M, C&A und so weiter. Auf der anderen Seite gibt es aber immer noch die teuren Designermarken. Auch wenn man, wie gesagt, auf den ersten Blick nur schwer einen Unterschied feststellen kann, bin ich trotzdem der Meinung, dass gerade die „oberen Gesellschaftsschichten“ gerne Designermode tragen.

Vielleicht gab es am Ende des neunzehnten Jahrhunderts wirklich eine „Bewegung“ in den „höheren Gesellschaftsschichten“, welche dazu führte, dass auch die Menschen, die sich teurere Kleidung leisten konnten, lieber auf preiswertere zurückgriffen.

Heutzutage ist dieses jedoch sicherlich nicht mehr der Fall. Die Designermarken könnten sich ja gar nicht auf dem Markt halten, wenn es nicht genügend Käufer gäbe.


Und auch wenn es heutzutage möglich ist, nicht immer den vollen Preis für ein Designerstück bezahlen zu müssen (Secondhand, Outlet-Center, Internet usw.), sind die meisten Stücke doch teurer als in billigeren Ladenketten. Deshalb zeigt ja, wie bereits am Anfang gesagt, die Kleidung die gesellschaftliche Stufe an.

Allerdings gilt dies alles nicht nur für die Kleidung. Das gesamte Aussehen einer Person ordnet diese in eine gesellschaftliche Schicht ein. Zwar entspricht das wahrscheinlich nicht immer der Wahrheit, aber man macht sich doch ein Bild von einer Person und „steckt sie in eine Schublade“.

Zum Äußeren gehören eben nicht nur Kleidung sondern auch Dinge wie Frisur, Make up oder Fingernägel. Dennoch will ich mich in meinem Essay weiterhin nur auf die Kleidung konzentrieren.

Es gibt natürlich noch die Art von Menschen, denen ihre Kleidung mehr oder weniger gleichgültig ist. Doch trifft dies wahrscheinlich nur auf einen sehr kleinen Anteil der Menschen zu. Denn wirklich egal ist es wohl kaum jemandem, was er trägt.

Eher im Gegenteil. Viele, gerade auch junge Menschen, versuchen auch durch besonders schlechte Kleidung aufzufallen, ihren Standpunkt deutlich zu machen und zu einer bestimmten Gruppe dazu zugehören. Dabei denke ich vor allem an Punks, Gothics und ähnliche Bewegungen. Sie kleiden sich dementsprechend, um zu ihrer Gruppierung zu gehören und sich andererseits von „der Gesellschaft“ abzugrenzen.

So schreibt ja auch McLuhan im 12. Kapitel seines Buches, dass schon zu Zeiten der Französischen Revolution die Kleidung ein „wortloses Manifest politischer Auflehnung“ war.

Dies gilt natürlich nicht nur für politische Gruppen, sondern auch für Jugendliche, die provozieren wollen. Oft genug sieht man sehr junge Mädchen mit sehr kurzen Röcken, Löchern in den Hosen und so weiter. Ich denke, dass sie diese weniger tragen, weil sie es wirklich schön finden, sondern dass viele „sehr außergewöhnliche Modelle“ schlichtweg aus Provokation getragen werden.

Ein weiterer Grund ist sicherlich, sich von „der Gesellschaft“ abzugrenzen. „Die Gesellschaft“ wären dann in diesem Fall wohl Eltern, Lehrer und so weiter. Denn diese tragen ja in den Augen der pubertierenden Jugendlichen ordentliche, teure und somit „spießige“ Kleidung. Ob diese Kleidung nun „spießig“ ist oder nicht, möchte ich hier nicht weiter diskutieren (vertiefen).

Jedoch glaube ich nicht, dass man sagen kann, dass die „oberen  Gesellschaftsschichten“ teurere Kleidung ablehnen und preiswertere bevorzugen. Ob dieses „damals“ der Fall war, kann ich spontan nicht beurteilen. Heute ist es in der Regel aber bestimmt nicht mehr so.

Man kann sich fragen, ob die Kleidung eines Menschen zur Gestaltung seines Alltages beiträgt. Oder ob die meisten Menschen sich so kleiden, wie der Alltag beziehungsweise die Gesellschaft es von ihnen verlangt.

Ich denke, dass beides zutrifft. Es ist schon so, dass kaum jemand sich wirklich unpassend kleidet. So sieht man doch relativ selten jemanden in einem Abendkleid oder einem Badeanzug durch die Stadt laufen.

Die meisten Menschen tragen relativ ähnliche Kleidung und meistens auch ihrem Beruf entsprechend. So trägt ein Anwalt oder ein Bankangestellter fast immer einen Anzug oder als weiblichen Pendant einen Hosenanzug oder ein Kostüm.

Ich will in meinem Essay allerdings von „richtiger“ Arbeitskleidung absehen. Dass ein Polizist eine Uniform trägt und ein Müllmann einen Neonorangen-Anzug ist normal, und er wird sich nur schwer dagegen wehren können. In manchen Berufen ist die Kleidung vorgegeben und der Kreativität starke Grenzen gesetzt.

Ein Bankangestellter hingegen kann etwas freier entscheiden, was er trägt. Zumindest die Farbe seines Hemdes oder seiner Krawatte ist nicht vorgegeben. Dennoch muss er sich dem Dresscode, der von seinem Arbeitgeber erstellt wurde, anpassen. Ansonsten dürfte er Probleme bekommen, am Ende könnte er sogar gekündigt werden.

Ich finde, gerade ein Anzug ist ein gutes Beispiel dafür, dass Kleidung zu beiden Seiten hin wirkt. Wie eben erläutert, passte sich der Anzugträger in den meisten Fällen der Gesellschaft an, trägt ihn, weil er es mehr oder weniger muss.


Andersherum reagiert „die Gesellschaft“, sprich die Menschen, mit denen er zu tun hat, auch anders auf ihn. Ich denke, dass kaum jemand abstreiten würde, dass er, wenn auch unbewusst, einem Anzugträger andere Eigenschaften zuordnet, als einem Mann in abgewetzter Jeans und altem T-Shirt. Automatisch verbinden wir den Anzugträger mit Geld, Arbeit, Fleiß und schenken ihm Vertrauen. Von dem schlechtgekleideten Mann haben wir nicht eine solch hohe Meinung.Der alte Spruch „Kleider machen Leute“ ist also wahr, ob wir es wollen oder nicht.

Vermutlich liegt es mehr oder weniger an der Oberflächlichkeit unserer Gesellschaft, dass jemand, der unpassend gekleidet ist, also nicht der Norm entsprechend gekleidet ist, sanktioniert wird. Ihm werden „böse Blicke“ zugeworfen, vielleicht wird er sogar beschimpft oder ähnliches. Dies geschieht im Beruf oder sogar in der Freizeit.

Wer zu einem Vorstellungsgespräch nachlässig gekleidet erscheint, hat eher schlechte Chancen, den Job zu bekommen. Verkäuferinnen, die selber nicht dem Stil ihres Geschäftes entsprechen, werden weniger verkaufen.

Aber auch in der Freizeit entstehen immer häufiger Dresscodes. In viele Discotheken, Clubs etc. wird man nur eingelassen, wenn der Türsteher die Kleidung für angemessen hält. Je nach Club sind diese Vorgaben mehr oder weniger streng. So reicht es manchmal schon, die richtigen Schuhe zu tragen. Ein anderes Mal sollte der Gast von Kopf bis Fuß dem, meist subjektiv vom Türsteher, vorgegebenen Stil des Clubs entsprechen. Es ist oft also nicht möglich, abends auszugehen ohne sich ausführliche Gedanken über die Kleidung und den Style im allgemeinen zu machen.

Kleidung ist gerade in unserer heutigen Gesellschaft sehr wichtig geworden. Wie McLuhan schon sagt, stuft sie die Menschen gesellschaftlich ein. Man kann eigentlich nirgendwo hingehen und nichts tun, ohne dass genau das geschieht.

Selbst beim Kauf neuer Kleidung wird man danach beurteilt, was man momentan trägt. Wenn eine ausgesprochen schlecht gekleidete Person eine Designer-Boutique betritt wird sie anders, beziehungsweise schlechter behandelt, als wenn sie schon eine Gucci-Tasche über der Schulter hängen hat.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Kleidung für jeden Menschen extrem wichtig ist. Dies trifft auch zu, wenn man sich dessen gar nicht bewusst ist. Jeder setzt Statements mit seiner Kleidung, ob er will oder nicht.

Kleidung stuft uns ein. Man kann versuchen, eine höhere Stufe vorzutäuschen, indem man vorgibt, mehr Geld oder mehr Bildung zu besitzen als man wirklich tut. Ob man jedoch Erfolg hat, hängt wohl von der jeweiligen Situation ab.

So traurig es auch ist, Fakt ist, dass die Äußerlichkeiten eines Menschen mindestens so viel zählen wie die inneren Werte. Kleidung ist ein großer Teil der Äußerlichkeiten und prägt den Eindruck, den man von jemandem bekommt, enorm.