Essay zum Thema Petrarca

Francesco Petrarca und seine Liebe zu Laura

Francesco Petrarca lebte von 1304 bis 1374. Am 6. April 1327, also mit 23 Jahren traf er das erste Mal auf Laura. Er behauptete stets, es sei ein Karfreitag gewesen, an dem er seiner Muse begegnete, doch wie später herausgefunden wurde, war es in Wirklichkeit ein Ostermontag.

Die berühmt Laura beeindruckte Petrarca derart, dass er sie sein Leben lang verehrte und zahlreiche seiner Werke ihr widmete. Ob es diese Laura nun wirklich gegeben hat, oder ob diese Begegnung nur Petrarcas Phantasie entsprungen ist, ist bis heute nicht eindeutig geklärt.

Fakt ist jedenfalls, dass er in dieser, vielleicht fiktiven, Frauengestalt eine Inspirationsquelle fand, die ihn zu einem berühmten und erfolgreichen Dichter der Liebeslyrik machte.


Besonders sein bekanntes Werk der „Canzoniere“ ist stark von Laura geprägt. Es enthält 366 Gedichte und ist zweigeteilt. Die ersten 263 Gedichte sind Laura zu ihren Lebezeiten gewidmet (In vita di Madonna Laura), die restlichen 103 handeln von der Geliebten nach ihrem Tode (In morte di Madonna Laura). Die Anzahl der Gedichte, übrigens überwiegend Sonette, ist nicht zufällig gewählt. Wahrscheinlich bezieht es sich auf die Tage eines Jahres. Das angebliche Todesjahr Lauras ist 1348, welches ein Schaltjahr war und somit 366 Tage hatte.

Im ersten Teil des „Canzoniere“ beschreibt Patrarca seinen Schmerz über die Unerreichbarkeit der Laura und der Liebe. Im zweiten Teil erfährt der Dichter zutiefst menschliches Leiden nach dem Tode der Geliebten Muse. Somit ist der zweite Teil besonders von Melancholie, Zerrissenheit und Lebensmüdigkeit geprägt.

Auch christliche Demut spielt eine große Rolle. Petrarca wendet sich im zweiten Teil von der Liebe und von Amor ab und zum „wahren Gott“ hin. Denn er war der Meinung, seine Liebe zu Laura würde ihn von der Liebe zu Gott abhalten. Er, beziehungsweise das lyrische Ich, durchlebt im zweiten Teil der Gedichtsammlung alle Phasen, alle Gefühle des ersten Teils noch ein weiteres Mal, jedoch auf einer höheren Seins-Stufe. Es kommt zu einer höheren Vergeistlichung, die ihren Höhepunkt im Sonett 347 hat.

In diesem sitzt die geliebte Laura im Tode neben Gott, so wie sie zu Lebzeiten neben Amor saß. Somit wendet sich Petrarcas Liebe zu Laura, in zunehmendem Alter, zu seiner Liebe zu Gott. Die Laura-Liebe wird zur Gottes-Liebe.

Der Canzoniere ist wie ein Tagebuch geschrieben. Der Rezipient erlebt eine Geschichte zwischen hoffen und bangen. Das lyrische Ich beschreibt seine inneren Konflikte und sein Leid. Petrarca beschreibt sein eigenes subjektives Empfinden und Erleben. Seine unerfüllte Liebe zu Laura bringt ihn hauptsächlich dazu, von sich selbst zu sprechen.

Doch das Konzept der „Schmerz-Liebe“, ein grundlegender Zwiespalt des Liebenden, ist nicht nur ein religiös motivierter Konflikt. Petrarca genießt schon fast das „Lustvolle Leiden“, was ihm schließlich auch zu viel Ruhm verhilft. Er, beziehungsweise das lyrische Ich, sucht gar keine Heilung. Es sieht seine unerfüllte Liebe gar nicht als „Krankheit“ an, sondern als eine Erhöhung der Seele.Seine Muse hat eine sehr starke Wirkung auf ihn und beeinflusst sein ganzes Leben.

Laura selbst wird stets als kaltabweisende Herrin und engelsgleiche Gestalt beschrieben. Sie wird für die damalige Zeit sehr intensiv beschrieben, allerdings für heutige Verhältnisse nicht. Sie ist eine idealisierte, abstakte Figur, dennoch gibt ihr Petrarca für damalige Verhältnisse ein unverwechselbares Äußeres und eine eigene Persönlichkeit.

Er beschreibt in seinen Versen ihre Augen, die wie Sterne leuchten, ihre roten Lippen und ihr blondes Haar. Im 23. Gedicht begegnet sie dem lyrischen Ich sogar. Sie bewegt sich im täglichen Leben des Liebenden.

Obwohl man bis ins 16. Jahrhundert der Meinung war, Laura habe wirklich existiert, zweifeln Forscher heute daran, dass sie eine reale Person war.

Hugo Friedrich schreibt in seinem Aufsatz über Petrarca von einem „Laura-System“, das der Dichter entwickelt habe1. Denn der Name „Laura“ beinhaltet viel mehr, als nur die Geliebte Frau. Im Canzoniere wird der eigentliche Name zwar nur für die Frau verwendet, dennoch gibt es zahlreiche Anspielungen auf den Namen.

So zum Beispiel l´aura, lauro oder aureo. Diese vielen Wortähnlichkeiten veranlassen die Forscher ein Netz von Assoziationsmöglichkeiten zu spinnen. Durch dieses rhetorische Mittel  erreicht Petrarca, dass automatisch alle anderen Assoziationen mitbedacht werden. Die gleichklingenden Worte erscheinen wie eine natürliche Einheit.

Am häufigsten verwendet Petrarca wohl das Wort „Lauro“, als Anspielung auf seine Muse. Lauro bedeutet „Lorbeere“ und diese wiederum wird dem Apollon zugeschrieben. Der Musengott wacht über einen Dichter und führt ihn zu Ruhm. Auch für Unsterblichkeit steht die Lorbeere. Denn sie ist immer grün und kann, so sagt man, nicht vom Blitz getroffen werden.


So kann man also vermuten, dass Petrarca mit diesem Wortspiel auf seinen eigenen Ruhm und dessen Unsterblichkeit verweisen will. Auch Ovids Metamorphosen hängen eng mit Lauro zusammen. Denn dort verliebt sich Apoll leidenschaftlich in Daphne, die daraufhin flieht und vor Apoll gerettet wird, in dem sie in einen Lorbeerbaum verwandelt wird. Im Mittelalter verband man sowohl Daphne, als auch den Lorbeerbaum mit der Keuschheit.

Dennoch stimmt der Mythos von Daphne und Apoll nicht genau mit Petrarcas eigener Liebesgeschichte überein. Denn Daphne muss fliehen um der Entehrung zu entgehen, Laura hingegen ist vollkommen ungefährdet. Sie ist unantastbar, was sie für den Dichter ja gerade so begehrenswert macht. Sie entkommt dem lyrischen Ich ohne große Mühen. Petrarca schafft sich seinen eigenen Mythos, der zwar mit dem des Apollon in einigen Punkten übereinstimmt, dennoch nicht gleich ist.

Eine weitere Anspielung auf den Namen Laura ist „L´aurora“, was Sonnenaufgang bedeutet. Und auch „L´aura soave“ wird von Petrarca benutzt. Dies steht für den Frühling, womit die Geliebte zu einem Symbol für die Jahreszeit wird, die gleichzeitig auf eine Zeit des Liebens verweist.

Die Tatsache, dass Petrarca stets behauptete, er habe Laura an einem Karfreitag getroffen, so meinen Forscher, steht auch für eine Parallele zwischen Laura und Jesus. Denn Karfreitag, der Tag an dem das Leiden Petrarcas begann, ist auch der Tag an dem Jesus gekreuzigt wurde. Und somit wird der Tag der folgenschweren Begegnung zu einem Tag des erneuten Sündenfalls.

Es gibt noch mehr Zusammenhänge zwischen Jesus und der Angebeteten. Im vierten Gedicht des bekannten Werkes „Canzoniere“ wird Laura als Sonne beschrieben, die in einem kleinen Ort das Licht der Welt erblickte. Genauso, wie Jesus, der ebenfalls in einem damals unbedeutenden Ort geboren wurde. Die Sonne ist auch ein Symbol der Vollkommenheit, so wie Jesus.

Laura kann aber auch als eine Erlöserin gesehen werden, die das lyrische Ich rettet. Einerseits ist sie zwar die Ursache für das Leid des Dichters, andererseits kann sie durch ihre Tugenden auch als eine Art Heilsbringerin gelten. Er muss irdische Qualen leiden, wird fast schon bestraft, allerdings besteht in dem Liebenden immer auch die Hoffnung und somit die Chance auf eine Heilung. Diese Heilung kann die Glückseeligkeit im Himmel, nach seinem Tode sein. Petrarca erkennt, dass er sein Glück nicht mehr im Leben und auf dieser Welt finden wird.

In der letzten Kanzone entwickelt Petrarca ein Bild einer Maria, die das Tor zur Erlösung weist. Auch im „wahren Leben“ wendet sich der Dichter später Gott zu. So wie das lyrische Ich, sucht auch Petrarca sein Glück zum Ende hin in der Religion.

Quellen:

Friedrich, Hugo, Epochen der italienischen Lyrik, Frankfurt a. M. 1964.
Schneider, Ulrike, Der weibliche Petrarkismus im Cinquento. Transformation des lyrischen Diskurses bei Vittoria Colonna und Gaspara Stampa, Stuttgard 2007.