Essay zum Thema Todesfuge

Paul Celan: „Todesfuge“

Fragestellung:

Interpretieren Sie des Gedichts „Todesfuge“ von Paul Celan

Paul Celan schrieb das Gedicht „Todesfuge“ im Jahr 1945. 1948 wurde es erstmals in „Der Sand aus den Urnen“ in deutscher Fassung veröffentlicht. Das Hauptthema der „Todesfuge“ ist der Nationalsozialismus und die damit verbundene Judenvernichtung im zweiten Weltkrieg.


Der Titel „Todesfuge“ spielt wahrscheinlich darauf an, dass einzelne sprachliche Bausteine neu zusammengesetzt werden. Eine „Fuge“ gibt es sonst eigentlich nur in der Musik. So wird zum Beispiel das Anfangsmotiv der „schwarzen Milch“ immer wieder weitergedacht. Weitere Gegensatze werden hinzugesponnen. „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends“.

Celan will mit dem Zusammensetzen von  „Frühe“ und „abends“ darauf hinweisen, dass die Nationalsozialisten und die Gefahr, die von ihnen ausgeht, allgegenwärtig sind. Es gibt kein Entrinnen, die Tage und auch die Nächte werden von Angst und dem Gefühl der Schutzlosigkeit bestimmt.

Zudem kann der Zusammenhang von „Fuge“ und „Musik“ auch als Verweis auf die „Todesmusik“ in den Konzentrationslagern angesehen werden. Dort wurden Häftlinge gezwungen, Musik zu spielen, während andere auf ihre Hinrichtung „warteten“.

Außerdem bedeutet „fuga“ im Lateinischen „Flucht“, was als eine Art Flucht in den Tod, oder auch vor dem Tod, zu verstehen sein könnte. Hinzu kommt, dass besonders bei den Nationalasozialisten Fugen von Bach eine große Rolle spielten und diese sehr verehrt wurden. Sie feierten Bach als „größten Künstler aller Zeiten“ und schreckten nicht davor zurück, die Musik des Komponisten in den Konzentrationslagern zu spielen.

Die ersten Worte „schwarze Milch“ sind ein Oxymoron, manche Forscher sind der Meinung, dass Celan damit auf das Alte Testament anspielt. „Ihre Fürsten waren reiner denn Schnee und klarer denn Milch (…) nun ist ihre Gestalt so dunkel von Schwärze.“1

Andere Celan-Forscher halten die „schwarze Milch“ jedoch eher für eine Anspielung auf den Schwarzmarkthandel. Doch beim „trinken“ der „schwarzen Milch“ geht es nicht nur um das Oxymoron, auch das Trinken selbst hat eine Bedeutung.

Fünf mal wird dieses Prädikat wiederholt. Auch wenn man die „schwarze Milch“ außer Acht lässt, wird deutlich, dass ein Zwang hinter dem „Trinken“ steckt. In der Regel wird Milch eher mit positiven Dingen in Verbindung gebracht, wie zum Beispiel die Muttermilch oder auch die Milch der Weisheit. Doch durch die Schwärze, die Farbe des Todes, wird diese Milch hier verdorben.

Ein Mensch muss trinken um zu überleben. Er muss mehrfach am Tag trinken. Doch hier trinkt er nicht etwa Wasser oder „normale“ Milch, er muss „schwarze Milch“ zu sich nehmen. So nimmt er nicht lebensspendendes Wasser in sich auf, er trinkt den Tod, eben die „schwarze Milch“. Dies ist ein deutliches Zeichen, dass der Tod unumgänglich und allzeit präsent ist.

Zudem heißt es „wir“ trinken die „schwarze Milch“. „Wir“, also ein Kollektiv, nicht eine einzelne Person. Das Grauen wird dadurch noch stärker betont, da nicht „nur“ ein Einzelner Opfer ist, sondern ein ganzen Volk.

Das gleiche „Wir“ kommt auch später noch einmal in der Todesfuge vor. „Wir schaufeln ein Grab in den Lüften“. Doch obwohl „wir“ viele sind, können „wir“ uns nicht gegen die Übermacht der grausamen Nationalsozialisten wehren. „Wir“ sind gezwungen die „schwarze Milch“ zu trinken.


Die mehrfach genannten Frauennamen „Margarete“ und „Sulamith“ gelten als Gegenüberstellungen von jüdischer und deutscher Begrifflichkeit. Wobei „Margarete“ nicht nur ein typischer deutscher Name ist, dies könnte auch eine Anspielung auf Goethes „Faust“ sein, in dem „Gretchen“ eine große Rolle spielt. Zudem ist „Faust“ ein großes Werk der deutschen Literatur. Ihr „goldenes Haar“ ist außerdem ein für Arier typisches Bild. Ein blonder, blauäugiger Mensch war das Ideal der Nationalsozialisten.

Im Gegensatz zu „Margarete“ steht „Sulamith“ mit aschenem Haar. Dieser Name ist wahrscheinlich eine Anspielung auf das „Hohe Lied“ aus dem jüdischen Tanach. Außerdem könnte die Asche für die Verbrennung der Juden in den Konzentrationslagern stehen. Hinzu kommt, dass man „Asche“ in der Regel mit Dreck oder Schmutz verbindet. Dies zeigt wie die Nationalsozialisten Sulamith, und somit das jüdische Volk, angesehen haben, als „dreckig“.

Das ganze Gedicht enthält nur einen Reim. „sein Auge ist blau … er trifft dich genau“. In dieser Zeile spielt Celan vermutlich auf seine verstorbene Mutter an, die von Deutschen erschossen wurde. Die blauen Augen sind wieder ein typisches Bild des nordischen Menschen, wieder ein Ideal der Nationalsozialisten.

Normalerweise werden blauen Augen mit etwas Positivem verbunden, zum Beispiel mit dem Blau des Himmels. Doch hier wirken sie kalt und grausam. Blau sind die Augen des Mörders, des Perversen, der Freude an Folter und Tod hat.

Der „Schlangenspieler“ , der wiederholt im Gedicht auftritt, ist wahrscheinlich ein KZ-Kommandant. Er ist im „Haus“ präsent, er wohnt dort, spielt und schreibt, aber er tritt auch, er pfeift und er befielt.

Dies sind zwei Seiten des Schlangenspielers. Er lebt in der Privatheit seines Hauses, er schreibt an seine geliebte Margarete, eine blonde deutsche Frau, die er vergöttert. Im Gegensatz dazu steht Sulamith, eine andere, eine jüdische Frau, die sich eigentlich gar nicht so sehr von seiner ersehnten Margarete unterscheidet. Dennoch verabscheut er Sulamith, er foltert und tötet sie.

Sulamith steht demnach natürlich symbolisch für das jüdische Volk. Er hat die Macht über Sulamith, er „pfeift seine Rüden herbei“, in der dunklen Nacht, unter den gefährlich „blitzenden Sternen“. Auch dies zeigt wieder die uneingeschränkte Präsens der Mörder. Selbst in der Nacht muss die Bevölkerung um ihr Leben fürchten. Nicht einmal in der Nacht wird den Juden Erholung gegönnt.

Mit seinen „Rüden“, anderen Nationalsozialisten, macht er sich auf den Weg um weiter zu töten. Der „Schlangenspieler“ hat die Befehlsgewalt über seine „Mitarbeiter“ und über die Juden. Er lässt sie ihr eigenes Grab schaufeln und befiehlt zum Tanz aufzuspielen. Der Tanz steht wieder in Verbindung zum Titel des Gedichts, zur „Todesfuge“. Die Musik ist eine grausige Untermalung zum „Todestanz“ der Juden.

Die Zeilen „wir schaufeln ein Grab in den Lüften, Da liegt man nicht eng“, verweisen auf die Krematorien, in denen die Juden verbrannt wurden. Fast wie eine Verhöhnung klingt, „da liegt man nicht eng“, so als wäre der Tod eine Erlösung, ein Geschenk.

In den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten hatten die Opfer nur sehr wenig Platz. Dicht an dicht lagen sie in ihren Schlafbaracken. Wenn sie all diese Qualen überstanden hatten, wurde der Rauch der verbrannten Menschen in den Himmel geblasen, dort waren sie frei. Vielleicht sogar bei Gott im Himmel, erfuhren sie nun die Erlösung. Sie waren nicht mehr eingezwängt in den Konzentrationslagern oder in Gräbern in der Erde, sondern in der Luft.

In Zeile 16 heißt es „Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr anderen singet und spielt“. Dieses verweist einerseits wieder auf die Musik, die den Tod der Verfolgten begleitet.

Andererseits wird hier auch der Gegensatz zwischen den Juden, die nun sofort sterben werden, und denen, die für sie Musik spielen müssen, hervorgehoben. Das „Wir“ wird auseinandergesprengt.

Zuvor war wenigstens noch das jüdische Volk eine Gemeinschaft, die sich gegen die Nationalsozialisten stellen konnte, jetzt wird auch diese Gemeinschaft auseinandergerissen. Sie werden vielleicht sogar gegeneinander aufgebracht. All das gehört zum grausamen Plan des „Schlangenspielers“.

Das „Eisen im Gurt“, die Pistole, wird vom Schlangenspieler geschwungen. Dieses Bild wirkt verstörend und abstoßend. Er schwingt „das Eisen“, als wäre die ganze Situation nur ein Spiel, als wäre er ein Kind, das Cowboy spielt. Für ihn selbst ist es wahrscheinlich auch nur eine Art Spiel. Denn er muss nicht um sein Leben fürchten, er hat die Macht über Sulamith und somit über die Juden.


In Zeile 24 heißt es weiter „Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Auch hier wird deutlich, dass der Schlangenspieler das Ganze genießt. Der Tod ist für die Opfer nicht süß. Und wenn, dann nur weil er sie von all den erlittenen Qualen erlöst.

Der „Meister aus Deutschland“ könnte erneut eine Anspielung auf Johann Sebastian Bach sein, den von den Nationalsozialisten so verehrten Komponisten. Neben diesen „wahren“ Meister der Musik tritt ein übermächtiger „Meister“, nämlich der Tod.

Dieser „Meister aus Deutschland“ macht deutlich, wie wenig ernst der Schlangenspieler und seine Gesellen die Situation nehmen. Sie haben Spaß an der Folter anderer und sehen sich selbst als „Meister“ an. Das Deutsche Volk, das Meister wie Goethe und Bach hervorgebracht hat, wird nun zum „Meister der Vernichtung“.

So erscheint die Musik, die die Verfolgten hören müssen, fast wie eine Art Belohnung, verbunden mit dem Versprechen ein „Grab in den Wolken“ zu bekommen, wo sie „nicht eng“ liegen werden.

Celan vereint in der „Todesfuge“ alle vier Elemente. Feuer, Wasser, Luft und Erde werden alle zu Bedrohung, alle vier stehen auf irgendeine Weise für den Tod. Die Juden werden verbrannt (Feuer), ihr Rauch steigt in die Wolken (Luft), sie liegen nicht im engen Grab in der Erde (Erde), und sie müssen schwarze Milch trinken (Wasser).

In Zeile 31 schreibt Celan „er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau“. Hier wird der Leser konkret angeredet. Er kann nun vielleicht sogar noch besser mit den Juden mitfühlen. Die Macht des Schlangenspielers kann jeden treffen, auch den Leser. Es gibt kein Entrinnen, der Schlangenspieler, der „Meister aus Deutschland“, der Tod sind allgegenwärtig.

Zum Ende der „Todesfuge“ träumt der Schlangenspieler. Dies verstärkt den surrealen Eindruck des Gedichts. Es wirkt nun noch verstörender für den Leser. Außerdem wird hier erneut deutlich, dass der Schlangenspieler alles nicht ernst nimmt. Es ist für ihn nur ein Traum und wahrscheinlich sogar ein schöner.

In den nächsten beiden Zeilen werden noch einmal Margarete und Sulamith erwähnt. Margarete von der der Schlangenspieler vielleicht träumt, sein Ideal. Und Sulamith, die er vernichten will.

Celan will mit der „Todesfuge“ deutlich machen, wie absurd das Handeln der Nationalsozialisten war. Dies gelingt ihm vor allem anhand der Figur des Schlangenspielers.

Quellen:

1. Klgl 4,7 f