Essay zum Thema Wolf

Der Wolf im interkulturellen Kontext

Der Mensch hat seit jeher eine ambivalente Einstellung gegenüber dem Wolf. Zum einen verehrt der Mensch ihn und hält ihn für ein überlegendes und sehr starkes Tier. Andererseits ruft er Ängste hervor und wird als aggressiv angesehen.

In der Mythologie, in Sagen, in Märchen, in der Kunst und auch in der Literatur spielt des „Motiv Wolf“ oft eine große Rolle. Eine der bekanntesten Sagen zum Thema Wolf ist wohl die Gründung Roms, das angeblich von Romulus und Remus gegründet wurde. Diese Zwillinge sind, der Sage nach, von einer Wölfin großgezogen worden.


Doch diese Sage beruht vermutlich auf einem einfachen Missverständnis. Denn das lateinische Wort „Lupa“ bedeutet nicht nur „Wolf“, sondern auch „Hure“. Mit „Hure“ war hier zunächst Larentia, die Frau des Hirten Faustulus gemeint, die einen leichten Lebenswandel führte. Ähnliche Mythen gibt es zum Beispiel auch im indischen Raum. Oder auch in Persien, wo der Gründer des altpersischen Reiches angeblich von Wölfen großgezogen worden sein soll.

Auch zum Beispiel bei den Chinesen war der Wolf ein Symbol für Grausamkeit, Gefräßigkeit und Gier. Auch schon in der Bibel spielt der Wolf eine Rolle. Zum Beispiel in Gen 49,27, Joh 10,12 und Jer 5,6 wird er als gefährlich und als Bedrohung dargestellt. In der Bibel „liegt der Wolf“ zum Teil „beim Lamme“, was für eine Verbindung von Ungleichem stehen soll. Es ist vermutlich ein Gleichnis für den Umgang zwischen Sündern und Gerechten. Oder auch eine Metapher für den Beginn des Reiches Gottes, da das Bild des Wolfes der „entspannt“ beim Lamme liegt doch sehr utopisch ist.

In der griechischen Mythologie wurde die Göttin Hekate oft zusammen mit drei Wölfen gezeigt. Sie wurde auch mit schwarzer Magie und Hexerei in Verbindung gebracht.

Der Wolf ist ebenfalls für die amerikanischen Indianer nicht unwichtig. Zum Beispiel beim Stamm der Tlinkit stellt der Wolf ein Totem dar. Ebenso bei den Irokesen und bei den Tukinenen. Bei den Türken ist die Wölfin angeblich sogar die Urmutter des ganzen Volkes.

Nicht unerwähnt bleiben sollte hier auch der gefürchtete Werwolf. Gerade unter dem Einfluss des Christentums erlebte diese Vorstellung einen Höhepunkt. Im Mittelalter glaubte man fest an die Existenz von sogenannten Werwölfen. Man, beziehungsweise viele Menschen, waren überzeugt, dass die Werwölfe im Wolfsfell steckende Menschen seien die, ähnlich wie Vampire, andere Menschen anfielen und töteten. Man wusste einerseits nicht genau, ob sie nun wirkliche Menschen oder Wölfe waren, andererseits glaubt man oft auch bei „normalen Wolfsüberfällen“ an die berüchtigten Werwölfe.

Auf mittelalterlichen Darstellungen sind die Wölfe meistens schwarz dargestellt. Jedoch gibt es in Europa eigentlich keine schwarzen Wölfe. Wahrscheinlich wurde dies verwechselt.


Schon in der Antike war der Glauben an Wolfsmenschen verbreitet. Schon Herodot erzählt im 5. Jahrhundert vor Christus, dass die Neuren, die nördlich der Skythen wohnen, sich einige Tage im Jahr in Wölfe verwandeln können. Später überlegte man, ob dies vielleicht ebenfalls ein Missverständnis war, das daher kam, dass die Neuren „südländische Augen“ hatten und für Herodot ungewohnte Kleidung aus Pelzen trugen.

Im antiken Griechenland wurde, der Sage nach, Lycaon, der König der Arkachier, von Zeus in einen Wolf verwandelt. Dies geschah zur Strafe, auf Grund seiner unmenschlichen Grausamkeiten. Von nun an wanderte Lycaon angeblich als Wolf ruhelos durch die Wälder.

Natürlich ist der Wolf auch für die Literatur wichtig. Gerade in antiken Fabeln, wie zum Beispiel bei Jean de Lafontaine und Gotthold Ephraim Lessing, wird er als habgierig, streitlustig und heimtückisch dargestellt. Als ein Tier, das gern Intrigen spinnt. Bekannte Fabeln sind unter anderem „Der Wolf und das Lamm“, in der der Wolf mit aller Macht einen Vorwand sucht, um das mit ihm am Fluss trinkende Lamm zu zerreißen.

Auch im Märchen taucht der Wolf sehr oft auf. Dabei eigentlich immer als negative und bösartige Figur. So zum Beispiel in „Rotkäppchen“ oder in „Der Wolf und der Mensch“, oder auch in der Geschichte der drei kleinen Schweinchen. Jedoch müssen die Wölfe im Märchen für ihre Habgier und ihre Aggressionen stets büßen. Sie werden am Ende meist selbst Opfer der List ihrer Feinde.