Hausarbeit zum Thema David Lynch

Eifersucht als stereotypes Motiv in David Lynchs „Lost Highway“, „Mulholland Drive“ und „Inland Empire“

Inhalt:

  • 1. Einleitung
  • 2. Lost Highway
  • 2.1. Wen betrifft die Eifersucht?
  • 2.2. Wie äußert sich das Gefühl der Eifersucht bei Fred, Pete und Mr. Eddy?
  • 2.3. Was sind die Konsequenzen der Eifersucht?
  • 2.4. Struktur des Urmythos
  • 3. Mulholland Drive
  • 3.1. Wen betrifft die Eifersucht?
  • 3.2. Wie äußert sich das Gefühl der Eifersucht bei Betty / Diane?
  • 3.3. Was sind die Konsequenzen der Eifersucht?
  • 3.4. Struktur des Urmythos
  • 4. Inland Empire
  • 4.1. Wen betrifft die Eifersucht?
  • 4.2. Wie äußert sich das Gefühl der Eifersucht bei Nickys Ehemann und Devons Frau?
  • 4.3. Was sind die Konsequenzen der Eifersucht?
  • 4.4. Struktur des Urmythos
  • 5. Vergleich der drei Filme bzw. wiederholte Eifersuchtsgeschichte in stereotyper Form
  • 6. Schluss

 

1. Einleitung

Diese Hausarbeit befasst sich mit den drei Filmen „Lost Highway“, „Mulholland Drive“ und „Inland Empire“ des Kultregisseurs David Lynch. Dabei soll besonders auf das Thema Eifersucht in seiner stereotypen Darstellung eingegangen werden.


Wie es für David Lynch typisch ist, bleiben in seinen Filmen viele Fragen offen. Die Filme sind stets recht verwirrend und oft auch verstörend. Da der Regisseur selbst kaum Erklärungen zu seinen Werken gibt, bleibt es dem Zuschauer überlassen, eine Lösung zu finden. Dass sich die Rezipienten dabei meist überhaupt nicht einig sind, bleibt nicht aus. Wenn man sich Filmkritiken oder Internetforen zum Thema Lynch ansieht, wird schnell deutlich, dass kaum jemand einen Lynch-Film auf die gleiche Weise versteht wie jemand anderes. Die Meinungen und Deutungen gehen immer stark auseinander. Doch genau das will Lynch wahrscheinlich auch erreichen. Er will, dass der Zuschauer sich auf sein Gefühl verlässt und seinen Film auf seine eigene Art versteht. Eine „offizielle“ Deutung gibt es nicht. Diese Hausarbeit kann deshalb kaum objektiv sein. Da es kein „richtig oder falsch“ geben kann, kann ich nur versuchen die Filme so zu deuten, wie ich es sehe und dies möglichst anhand von Beispielen zu belegen.
„Lynch ist unfähig oder nicht willens (in welchem Verhältnis, darüber kann man spekulieren) den Film zu analysieren, weil er weiß, dass sein Traum namens Mulholland Drive sterben würde, wenn die Wahrheit ans Licht käme,“1 meint schon Chris Rodley über „Mulholland Drive“. Dass diese Aussage nicht nur für „Mulholland Drive“, sondern für fast alle Lynch-Filme gilt, muss klar sein, wenn man sich mit dem Regisseur und seinen Werken befasst.
Auch die Autorin Anne Jerslev kommt zum gleichen Schluss:
„David Lynchs Filme sind dicht, voll von Bedeutung, von Zweideutigkeiten und Widersprüchen, die sich nie aufzulösen scheinen. Obwohl der Autor sie gut im Zaum und der Erzählstrang sie immer zusammenhält, ist ihr Universum – innerhalb dieses Rahmens – doch grenzenlos. Die Filme gestalten einen Raum, in dem es keine festen Verankerungspunkte, keine eindeutige Grenze zwischen Gut und Böse und keine eindeutige Wahrheit gibt.“2
Alle drei Filme kann man als eine Art Trilogie ansehen, da sie im Grunde von der selben Sache handeln: nämlich von Eifersucht. Zwar wird die Eifersucht nicht immer auf die gleiche Art und Weise dargestellt und führt auch zu unterschiedlichen Ergebnissen, dennoch würde keiner der Filme ohne dieses Gefühl funktionieren.
Ich werde im Folgenden die Filme nacheinander analysieren und jedes Mal die Fragen stellen, wer eifersüchtig ist, auf welche Art er dies ist und wohin es im jeweiligen Film führt. Dann werde ich noch den „Urmythos“ im jeweiligen Film aufzeigen. Ich ordne die Filme nach dem Erscheinungsdatum und beginne mit dem ältesten, „Lost Highway“ aus dem Jahre 1997. Anschließend werde ich „Mulholland Drive“ aus dem Jahre 2001 besprechen und dann mit „Inland Empire“, dem neuesten Film von David Lynch aus dem Jahre 2006, abschließen.

2. Lost Highway
2.1. Wen betrifft die Eifersucht?

Lost Highway ist, typisch für Lynch, ein sehr verwirrender Film. Wenn man ihn allerdings genauer betrachtet, kann man eine Art „Faust-Erzählung“ erkennen.
Die eifersüchtige Person ist in erster Linie der Protagonist Fred. Doch auch sein Alter Ego Pete ist von Eifersucht geplagt, ebenso wie Mr. Eddy bzw. Dick Laurent, wie dieser eigentlich heißt.
Alle drei Männer haben auch einen Grund zur Eifersucht. Fred ist mit Renee verheiratet. Diese betrügt ihn sehr wahrscheinlich mit Andy, einem alten Freund. Als Fred am Abend in einen Club geht um dort Saxophon zu spielen, will Renee ihn nicht begleiten. Sie will zu Hause bleiben und gibt vor, lesen zu wollen. Dass sie nicht liest, ist Fred sofort klar. Als er seine Frau aus dem Club aus anrufen will, ist sie nicht zu Hause. Aber er sieht sie im Club, in Begleitung von Andy. Als er nach seinem Auftritt nach Hause kommt, findet er Renee schlafend im Bett. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass sie wirklich den Abend daheim verbracht hat und schläft, als ihr Mann anruft. Doch dies würde bedeuten, dass Fred schon zu Beginn einer Art Wahnsinn verfallen ist, und der ganze Film würde weniger Sinn ergeben.
Etwas später besuchen Fred und Renee eine Party von Renees Freund und angeblichem Liebhaber Andy. Dort flirtet Renee heftig mit ihm. Dies könnte nur ein harmloser Flirt sein, und Fred könnte sich die Affäre nur einbilden. Wie immer bei Lynch bleibt dies dem Zuschauer überlassen. Der Zuschauer soll entscheiden, ob die Affäre real ist oder nur eingebildet. Meiner Meinung nach spricht wenig dafür, dass die Liebschaft nur in Freds Kopf stattfindet. Die für Lynch typische, düstere Atmosphäre und die Entfremdung der beiden Eheleute sprechen eher für eine Affäre.
Im zweiten Teil des Films hat Pete viel eindeutiger Grund zur Eifersucht. Er hat eine Affäre mit Alice, die eine Art Alter Ego von Renee ist. Alice ist eigentlich Mr. Eddys Freundin. Somit betrügt sie beide Männer. Und beide Männer sind eifersüchtig. Doch zusätzlich ist Pete auch noch auf Andy eifersüchtig. Denn dieser „bezahlt Mädchen damit sie mit ihm rummachen“ und nutzt auch Alice für seine dunklen Machenschaften in der Pornobranche. Mr. Eddy hingegen weiß von Alice „Nebenverdienst“ als Pornodarstellerin. Er ist der Verantwortliche dafür und hat Alice, gemeinsam mit Andy, dazu gebracht. Deshalb ist es merkwürdig, dass Mr. Eddy nicht auf Andy eifersüchtig ist, sondern nur auf Pete. Möglicherweise trennt Mr. Eddy an dieser Stelle zwischen Liebe und Sex. Alice hat in seinen Augen „nur Sex“ mit Andy, während er vielleicht Liebe zwischen Alice und Pete erkennen will. Dass dies aber nicht der Fall ist, dass Alice einerseits Spaß am Sex mit Andy hat und andererseits Pete nicht liebt, wird wohl nur dem Zuschauer bewusst.

2.2. Wie äußert sich das Gefühl der Eifersucht bei Fred, Pete und Mr. Eddy?

„Die erste Stunde von Lost Highway erzählt vom Zweifel, der sich ganz langsam in das Verhältnis eines Mannes zu seiner Frau einfrisst, Zweifel an ihrer Treue, Zweifel an ihrer Liebe, Zweifel zunächst an ihrer, dann an seiner eigenen Identität, letztlich an seinem Verstand: eine Fahrt zur Hölle, kaschiert als Ehedrama. Jazz-Saxophonist Fred Madison (Bill Pullman) lebt mit seiner Frau Renee (eine brünette Patricia Aquette) in den Hügeln von Los Angeles in einem modernen Haus, dessen schmale, vertikale Fenster wie Schießscharten wirken: aus Freds Sicht bestimmt eine Festung der Zweisamkeit, aus Renees Sicht möglicherweise ein Gefängnis. Es gibt Ecken, Flure und Gänge in diesem Haus und Schattenbereiche, die die Personen gänzlich verschlucken können; die beiden Bewohner bewegen sich fließend, fast wie in Trance, sie scheinen mit der seltsamen Architektur zu verschwimmen, anwesend zu sein, auch wenn sie nicht im Zimmer sind, und abwesend, wenn sie neben einem stehen.“3
Das schreibt Robert Fischer über „Lost Highway“. Und das ist es auch genau, was Fred durchmacht, eine Höllenfahrt. Fred ist praktisch vom Beginn des Filmes an eifersüchtig. Er unterdrückt seine Gefühle allerdings. Er spricht nicht mit Renee über seine Ängste und seine Eifersucht. Wie sehr die beiden sich entfremdet haben, kann man an verschiedenen Stellen erkennen. Auffällig sind zum Beispiel die Positionen, in denen sie auf dem Sofa sitzen, während sie das Video anschauen. Renee sitzt ganz links, Fred ganz rechts. Weiter von einander entfernt könnten sie kaum auf dem Sofa sitzen. Natürlich ist auch die Art, wie sie miteinander schlafen ein eindeutiges Zeichen für Entfremdung. Ruhig, ohne Emotionen scheinen sie beide den Sex nicht zu genießen. Selbst beim Orgasmus kann der Zuschauer kaum eine Regung in Freds Gesicht erkennen. Er lässt sich nicht fallen, lebt seine Gefühle nicht aus. Da aber der Körper irgendwo ein Ventil für die unterdrückten Gefühle finden muss, verfällt Fred dem Wahnsinn und bricht aus, in dem er Renee tötet. Wenn man „Lost Highway“ als „Faust-Erzählung“ sehen will, wird Fred natürlich nicht auf die gleiche Art wahnsinnig. Aber dennoch macht dies an dieser Stelle kaum einen Unterschied.
Freds unterdrückte Gefühle „müssen raus“, er kann sie nicht länger in sich „hineinfressen“. Es gibt nun keine andere Möglichkeit für ihn, als zum brutalen Mörder zu werden.
„An der Oberfläche ist Lost Highway die Geschichte eines Mannes, der seine Frau umbringt, weil sie ihn betrügt. Auf tieferen Ebenen handelt der Film von der zersplitternden Persönlichkeit des Mörders und deckt eine ganze Palette von Emotionen und Motivationen ab: Wut, Angst, Trauer und Erniedrigung, die sich alle verbinden, um zu zeigen, mit welcher Kraft der Verstand sich selbst betrügen kann. Der Verstand zieht sich zurück, wen der Horror des Lebens und der Horror der eigenen Taten unerträglich werden,“4 sagt auch Robert Fischer zu dem Thema.
„Diese äußerlich sichtbare Entfremdung zwischen den beiden ist wiederum nichts anderes als das, was allein in Fred geschieht, eine äußerliche Spiegelung seiner Schizophrenie und speziell des Phänomens der Depersonalisation.“5 So Eckard Pabst. Pabst hat recht, in Fred geschieht das Schreckliche. Fred kämpft mit sich selbst, er unterdrückt seine Gefühle, die anderswo einen Ausweg suchen.
„Der Wahnsinn zeigt sich bei Lynch als eine innere Wahrheit des Menschen, die in der modernen Gesellschaft verdrängt und ausgegrenzt worden ist,“6 schreibt Pabst weiter. Fred ist wahrscheinlich kein sehr erfolgreicher Mensch. Und nicht einmal in seiner Ehe ist er erfolgreich. Er weiß nicht mehr, wohin mit seinen Gefühlen und verfällt dem Wahnsinn.
Pete hingegen kann seine Gefühle schon eher ausleben. Er hat „lauten“, emotionsgeladeneren Sex. Mit seiner eigentlichen Freundin und vor allem mit Alice. Man könnte fast sagen, dass Pete, sehr einfach ausgedrückt, auf „normale“ Art und Weise eifersüchtig ist. Er kann nicht damit leben, dass seine Geliebte einen anderen Mann liebt. Dabei stört Pete weniger Alice Beziehung mit Mr. Eddy, wahrscheinlich weil er davon von Anfang an wusste. Mehr zu schaffen macht ihm Alice „arbeiten“ in der Pornobranche. Er hasst es, dass sie dort mit anderen Männern schläft und geht, wahrscheinlich zu recht, davon aus, dass es ihr auch noch gefällt. Dies ist eine durch und durch verständliche Reaktion. Vermutlich würde fast jeder Mann so fühlen wie Pete. Obwohl ihm natürlich bewusst sein sollte, dass Alice keine aufrichtige Person ist, denn sie betrügt ja auch Mr. Eddy, warum soll sie nicht auch Pete betrügen?
Mr. Eddy ist eine Art Mafia-Boss. Er ist ebenfalls eifersüchtig, allerdings auch auf recht „normale“ Art. Mr Eddy ist zwar auf irgendeine Weise der Drahtzieher im Hintergrund der „Pornogeschichte“, dennoch spielt er eigentlich keine große Rolle. Er ist selbstverständlich eifersüchtig als er herausfindet, oder auch nur ahnt, dass Alice ihn mit Pete betrügt. Aber er bedroht Pete nur und ist am Ende des Films sogar das Opfer, wenn Fred und der Mystery Man ihn töten. Auch seine Art der Eifersucht, würde ich als „normal“ bezeichnen, damit meine ich keinen Wahnsinn und keine Selbstzerstörung.

2.3. Was sind die Konsequenzen der Eifersucht?

Ebenso wie in „Mulholland Drive“ und in „Inland Empire“ führt die Eifersucht auch in „Lost Highway“ zum Tod mehrer Menschen. Wie bereits erwähnt, muss Fred irgendwo ein Ventil für seine unterdrückten Gefühle finden. Er bricht aus, indem er seine Frau umbringt. Dass dies die denkbar schlechteste Art ist, mit seinen Gefühlen umzugehen, ist keine Frage. Dennoch sieht Fred wohl keine andere Möglichkeit, er hat wahrscheinlich auch keine andere Wahl. Er kann nicht mehr selbst entscheiden, was er tut. Das erkennt der Zuschauer vor allem daran, dass Fred sich später nicht mehr erinnern kann, Renee getötet zu haben. Sein Körper oder auch sein Unterbewusstsein entscheidet nun für ihn. Zusammengefasst kann man also sagen, dass die schmerzende Eifersucht bei Fred zu einer Art Wahnsinn führt und ihn schlussendlich zum Mörder macht. Zum zweifachen Mörder sogar, denn am Ende des Films tötet Fred, gemeinsam mit dem Mystery Man, auch noch Mr. Eddy.
Mr. Eddy ist auch eifersüchtig. Auch er kann es nicht ertragen, dass seine Geliebte eine Affäre mit einem anderen Mann hat. Doch, ohne einen Beweis zu haben, wenn man sich einfach nur auf sein Gefühl verlässt, entsteht beim Zuschauer der Eindruck, dass es Mr. Eddy gar nicht wirklich um Alice geht. Er ist ein einflussreicher Mafia-Boss. Er kann viele Freundinnen haben und hat sie wahrscheinlich auch. Ihm geht es darum, dass Pete sich etwas nimmt, was Mr. Eddy gehört. Er will keinen Konkurrenten. Er will Pete zeigen, wie mächtig er ist und dass Pete sich nicht mit ihm anlegen soll. Mr. Eddy geht es nicht um Alice selbst, sie ist für ihn nur eine Trophäe, auch wenn er sagt, dass ihm viel an Alice liegt ist das doch eher unwahrscheinlich.
Pete ist, wie gesagt, auf eine eher „normale“ oder auch „gesunde“ Art eifersüchtig. Er kann es nicht ertragen, dass seine Freundin Sex mit anderen Männern hat. Dass ihn dies am Ende ebenfalls zum Mörder macht, ist eigentlich nur ein dummer Zufall. Pete lässt sich von Alice anstacheln, Andy auszurauben. Töten will er ihn nicht. Pete hat einfach nur Pech. Als Mr. Eddy von Petes Affäre mit Alice erfährt, muss Pete um sein Leben fürchten. Er hat sich zu sehr von seinen Gefühlen leiten lassen, ganz im Gegensatz zu Fred, der seine Gefühle stets unterdrückt hat. Bei Pete hat sich „der Verstand ausgeschaltet“. Er ist so verliebt in Alice, dass er alles tut um bei ihr zu sein, auch sein Leben zu riskieren. Durch Pech, anders kann man es kaum sagen, wird dann auch Pete zum Mörder. Zu spät erkennt er, dass Alice ihn nur ausgenutzt hat. Pete gerät immer tiefer in die dunklen Machenschaften von Alice und Mr. Eddy. Pete ist eigentlich ein „ganz normaler Junge“, er lebt in einer Vorstadt und hat liebende Eltern. Doch dadurch, dass er seine Gefühle nicht unterdrücken kann, beginnt sein Untergang. Er kann plötzlich nicht mehr zurück, gerät immer tiefer in einen Strudel von Gewalt und Verbrechen und wird dadurch, unabsichtlich, auch zum Mörder.

2.4. Struktur des Urmythos

Die Eifersuchtsgeschichte ist in „Lost Highway“ schnell erzählt. Es geht um eine Ehe in der sich die Partner entfremdet haben. Um die Ehe steht es nicht gut. Dazu kommt, dass Fred, also der Ehemann, glaubt, dass seine Frau ihn betrügt. Dies tut sie wahrscheinlich wirklich, allerdings spielt es hier keine Rolle, ob Fred recht hat. Er ist eifersüchtig und steigert sich so sehr in dieses negative Gefühl hinein, dass er seine Frau umbringt.

3. Mulholland Drive
3.1. Wen betrifft die Eifersucht?


Mulholland Drive ist die Geschichte der jungen Schauspielerin Betty, gespielt von Naomi Watts, die nach Hollywood kommt, um „ein Star oder besser noch eine große Schauspielerin“ zu werden. Sie kommt aus einer Kleinstadt in Kanada und obwohl sie, wie sich im Laufe des Filmes herausstellt, wirklich Talent hat, ist sie doch ganz und gar nicht auf die „Traumstadt“ Los Angeles vorbereitet. Sie geht eine lesbische Beziehung zu der bereits erfolgreichen Schauspielerin Rita ein. Diese Beziehung wird ihr zum Verhängnis. Denn nach einer glücklichen aber kurzen Zeit mit Rita verliebt sich diese in den Regisseur Adam Kesher und lässt Betty fallen. Schlimmer noch, sie demütigt sie sogar und stellt sie auf einer Party bloß, in dem Rita einerseits verkündet, dass sie Adam heiraten wird, andererseits aber eine andere Frau (Camilla Rodes) küsst, um Betty klar zu machen, dass sie zwar immer noch an Frauen interessiert ist, jedoch nicht mehr an Betty.
Betty, die im zweiten Teil des Filmes den Namen Diane trägt, kommt mit der Situation nicht klar und engagiert einen Auftragsmörder um Rita, die im zweiten Teil des Filmes Camilla heißt, zu töten. Sie ist beherrscht von ihrer Eifersucht. Es kommt ihr nicht mehr darauf an, was mit ihr geschieht. Sie sieht nur noch Rita und ihre unerfüllte Liebe zu ihr.

3.2. Wie äußert sich das Gefühl der Eifersucht bei Betty / Diane?

Betty hat ihr Leben in ihrer sicheren Kleinstadt in Kanada aufgegeben und sich aufgemacht, um in Hollywood eine Karriere zu beginnen. Sie lässt alles hinter sich und stürzt sich in die oberflächliche und gefährliche Großstadt. Sie wohnt zunächst in der Wohnung ihrer Tante Ruth, die, wie sich erst später herausstellt, bereits verstorben ist. Sie ist nun vollkommen auf sich allein gestellt, was dazu führt, dass Betty sich in ihrem Bemühen Anschluss zu finden, auf Rita „stürzt“. Rita verkörpert all das, was Betty nicht ist, aber gern sein würde. Betty ist „das Mädchen von nebenan“. Sie ist blond, nett und hilfsbereit. Sie verkörpert das „all american girl“, das Kleinstadtmädchen, vielleicht etwas naiv, aber durch und durch gut. Rita hingegen ist der „Vamp“. Sie hat dunkles Haar und dunkel lackierte Nägel sowie dunklen Lippenstift. Ganz im Gegensatz zu Betty nimmt Rita sich das, was sie will. Sie ist egoistischer als die liebe Betty und kann ihren Willen durchsetzen.
Betty wäre sicherlich gern wie Rita. Sie freut sich, „Detektiv spielen“ zu können, um Ritas wahre Identität herauszufinden. Sie will Abenteuer erleben und sich in Gefahr begeben. Sie ist es, die Rita anstiftet, in Diane Selwyns Wohnung einzubrechen, da sie ausbrechen möchte, aus ihrer Kleinstadtidylle und ihr Leben spannender gestalten will. Genau so wie Betty wird aber auch der Zuschauer zu einer Art Detektiv.
„Der Film macht uns alle zu Detektiven, aber ebenso wie Special Agent Dale Cooper müssen wir bereit sein, nicht nur unseren Verstand, sondern auch unsere spirituellen und intuitiven Kräfte zu nutzen, wenn wir einen logischen Kern in Mulholland Drive `erfühlen` wollen, der für uns einen Sinn ergibt.“7
Obwohl sie sich bei ihrem Abenteuer auf der Suche nach Ritas Identität in Gefahr begibt, ist dies eine glückliche Zeit für Betty. Endlich „passiert etwas in ihrem Leben“, endlich ist Aufregung da. Doch so schnell und plötzlich wie dieses Abenteuer begann, ist es für Betty auch wieder beendet. Rita verliebt sich in den erfolgreichen Regisseur Adam Kesher und will ihn sogar heiraten.
Dies ist eine Katastrophe für Betty. Sie hat sich hundertprozentig in ihre Beziehung mit Rita gestürzt. Für sie hat es alles bedeutet. Sie hat Rita mehrmals gesagt, dass sie in sie verliebt ist. Doch ihre Liebesgeständnisse blieben unbeantwortet. Schon da hätte Betty auffallen sollen, dass die Affäre für Rita nichts bedeutet. Betty war nur Spaß für Rita. Vielleicht hat Rita Betty sogar nur ausgenutzt, um ihr zu helfen. Die beiden Frauen hatten vollkommen unterschiedliche Einstellungen zu ihrer Liebesbeziehung.
Betty kommt mit dieser Situation nicht klar. Ihr ganzes Leben, das sie sich gerade erst aufgebaut hat, zerbricht. Sie kann allerdings auch nicht mehr zurück in ihr altes Leben in Kanada. Sie hat inzwischen zu viel erlebt und würde in der Kleinstadt jämmerlich zugrunde gehen. Doch was soll sie nun tun?
„Dieses Mädchen – Diane – sieht Sachen, die sie haben will, aber sie kann sie einfach nicht bekommen. Es gibt alles im Überfluss – die Party zum Beispiel – aber sie ist nicht eingeladen. Und das macht sie fertig. Man könnte es Schicksal nennen – wenn es einem nicht hold ist, kann man nichts dagegen machen. Man kann das größte Talent und die besten Ideen haben, aber wenn diese eine Tür nicht aufgeht, dann hat man eben Pech gehabt.“8
Anstatt Rita offen zu sagen, was sie fühlt, hält sie sich zurück. Als Betty Rita und Adam beim Dreh eines Filmes beobachtet, wie sie sich leidenschaftlich küssen, steht Betty nur daneben. Anstatt einzuschreiten, sagt sie nichts. Zwar weint sie, allerdings leise und unauffällig. In ihren Augen kann man einerseits unendliche Traurigkeit erkennen, andererseits blanken Hass sowohl auf Adam als auch auf Rita.
Am Ende des Filmes treffen sich alle Darsteller auf einer Party am Mulholland Drive. Wie bereits erwähnt, wird Betty hier nun noch einmal bloßgestellt und „fertig gemacht“. Betty begibt sich in die „Opferrolle“. Sie zeigt nicht, wie verletzt sie ist. Dadurch, dass sie sich sogar noch verschämt für ihr Zuspätkommen entschuldigt, wird sie noch mehr zum Opfer. Doch wieder wehrt sie sich nicht. Sie ist zu schüchtern um eine Szene zu machen. Man kann sich natürlich fragen, wie sinnvoll eine „Szene“ hier überhaupt wäre. Wahrscheinlich würde Betty sich dadurch nur noch mehr blamieren als es sowieso schon der Fall ist. Aber dennoch wäre es für ihren eigenen „Seelenfrieden“ bestimmt besser, ihre Emotionen „herauszulassen“ und Rita endlich zu sagen, wie verletzt sie ist. Ob dies nun auf der Party geschieht oder eventuell in einem Streit danach, wäre im Prinzip egal. Doch bis auf den kurzen Streit in Bettys Wohnung, bei dem Betty schreit „Du willst, dass ich es dir einfach mache? Das werde ich nicht tun!“ behält Betty ihre Gefühle weitgehend für sich.

3.3. Was sind die Konsequenzen der Eifersucht?

Betty kommt mit ihren Gefühlen nicht mehr klar. Als sie in Los Angeles ankam, war alles so einfach für sie. Alles lief perfekt. Das begann schon am Flughafen. Sie verstand sich gut mit dem alten Ehepaar, die Sonne schien und ihr Gepäck wurde unaufgefordert in ein Taxi verladen. Doch später, man kann nur schwer einschätzen wie viel Zeit vergangen ist, haben sich die Dinge geändert. Betty ist am Ende. Die Eifersucht und der Schmerz, den sie spürt, „fressen sie auf“. War sie zu Beginn des Films noch strahlend schön und frisch, ist sie am Ende nur noch ein Schatten ihrer selbst. Dunkle Ringe unter den Augen, ungewaschene, strähnige Haare und ungeschminkt, fristet sie ihr nun düster gewordenes Leben. Hollywood hat sie verschlungen. Betty kam mit so vielen Hoffnungen und Träumen in die „Traumstadt“, doch ihre Träume haben sich nicht erfüllt, sie sind zu Albträumen geworden.
Nach Tagen oder sogar Wochen unendlicher innerlicher Qual kann Betty nur noch eine Lösung erkennen, sie heuert einen Killer an, der Rita töten soll. Betty hat genug von der Situation und meint wahrscheinlich, „wenn ich Rita nicht haben kann, soll sie niemand haben“. Rita ist jetzt mit Adam zusammen, doch Betty gönnt den beiden ihr Glück nicht. Betty bezahlt den Auftragskiller und weiß, dass es nun kein zurück mehr gibt. Doch wie in einer anderen Szene gezeigt wird, stellt sich der Mörder nicht gerade geschickt an. Für den Unfall auf dem Mulholland Drive ist er zwar nicht verantwortlich, aber wie auch immer, der Mordanschlag misslingt, Rita überlebt.
Der Versuch, Rita töten zu lassen war eine Aktion des Selbstschutzes für Betty. Sie wollte ein neues Leben beginnen ohne Rita. Sie hat sich vorgestellt, dass ihre Eifersucht beendet ist, wenn Rita nicht mehr lebt. Ohne die Eifersucht, die an Betty nagt und sie fertig macht, hätte sie es vielleicht wirklich geschafft, sich wieder aufzuraffen und ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Doch als Rita überlebt, weiß Betty, dass es so für sie nicht weitergeht. Verzweifelt greift sie zur letzten, ihr bleibenden Lösung und erschießt sich.
Bevor sie Selbstmord begeht, sieht sie das alte Ehepaar vom Flughafen wieder. Dies geschieht aber wahrscheinlich nur in ihrer Phantasie. Die beiden betreten die Wohnung, indem sie als Winzlinge unter der Tür herlaufen. Dann bekommen sie wieder Normalgröße und jagen Betty schreiend und lachend durch die Wohnung. Die beiden alten Menschen waren die ersten, die Betty in Hollywood freundlich begegnet sind. Vielleicht denkt Betty, sie habe sie enttäuscht. Möglicherweise ist das alte Ehepaar ein Symbol für den Zuschauer. Den typischen amerikanischen Zuschauer, der Betty im Kino bewundern würde, wenn sie es geschafft hätte, ihren Traum zu verwirklichen und eine erfolgreiche Karriere als Schauspielerin zu haben. „Ich werde nach Ihnen Ausschau halten, auf der Leinwand“ sagt die alte Dame beim Abschied zu Betty. Doch Betty bekommt keine Hauptrolle, wahrscheinlich auch deshalb, weil sie zu sehr von ihrer Beziehung zu Rita abgelenkt wird. Als das alte Ehepaar sie am Ende des Films durch die Wohnung jagt, sieht sie wahrscheinlich ihren Traum zerbrechen. Sie erkennt, dass nichts von all dem, was sie sich erträumt und gewünscht hat, in Erfüllung gegangen ist. Sie verfällt vielleicht sogar dem Wahnsinn. Denn dass die beiden Alten nicht wirklich unter der Tür durchgehen können, ist klar. Betty erkennt, dass sie versagt hat und erschießt sich. Sie gibt auf.
Anne Jerslev beschreibt Bettys Zustand sehr treffend. Allerdings passt die nachfolgende Aussage Jerslevs auch auf viele andere Figuren in Lynchs Filmen:
„Wir sehen Akteure, die von ihren dunklen Seiten getrieben sind und unter der Gewalt ihrer perversen Triebe stehen, Personen, die sich andauernd ändern und sich schlimmstenfalls in einem schizophrenen Zustand befinden.“9

3.4. Struktur des Urmythos

Die Struktur der Eifersuchtsgeschichte in „Mulholland Drive“ ist ebenso einfach wie in „Lost Highway“. Dass es hier um eine lesbische Beziehung geht, spielt keine Rolle. Eine Frau verliebt sich in eine andere Frau, diese aber beginnt eine Beziehung mit jemand anderem. Die erste Frau ist sehr eifersüchtig und steigert sich so sehr in dieses Gefühl hinein, dass sie versucht, ihre Geliebte töten zu lassen. Der Mordanschlag misslingt jedoch, und die erste Frau begeht darauf hin Selbstmord.

4. Inland Empire
4.1. Wen betrifft die Eifersucht?

Inland Empire ist wohl der verwirrendste und verstörendste der drei hier behandelten Filme. So hat die erste Stunde noch eine „richtige Handlung“. Danach erscheint es so, als hätte Lynch nur noch Szenen wirr aneinander gereiht. Obwohl der Film wirklich anstrengend anzuschauen ist, kann man bei genauerem Hinsehen fast durchgehend eine Handlung ausmachen. In erster Linie geht es um einen Film im Film, und darum, dass die Grenze zwischen Realität und Fiktion für die Hauptdarstellerin des Filmes verwischt wird. Deshalb muss man bei Inland Empire stets zwei Ebenen im Kopf behalten. Nicky Grace und Devon Berk sind die Protagonisten von Inland Empire. Auf der zweiten Ebene, nämlich dem innerhalb von Inland Empire gedrehte Film „One high in blue tomorrows“ heißen die Protagonisten Billy und Susan.
Auf beiden Ebenen geht es um Eifersucht. Beide Male ist Nickys, beziehungsweise Susans Mann eifersüchtig auf Devon beziehungsweise Billy. Denn in beiden Fällen haben die beiden ein Verhältnis. Schon die merkwürdige alte Dame, die Nicky zu Beginn des Filmes besucht, und die vielleicht als eine Art Orakel gesehen werden könnte, sagt, dass Nickys neuer Film von der Ehe handelt und auch ihr Mann beteiligt ist. Und das, obwohl Nicky noch gar nichts davon weiß. Die alte Nachbarin prophezeit auch, dass es im Film einen „verfickt brutalen Mord“ geben wird, was Nicky allerdings noch abstreitet.
Und auch in der kurz darauf folgenden Talkshow, in der Nicky und Devon Gäste sind, wird den Beiden ein Verhältnis nachgesagt. Noch bevor die Schauspieler selbst etwas davon ahnen, wissen alle anderen, dass sie ein Verhältnis beginnen werden. Sie haben fast keine andere Wahl. Auf beiden Ebenen bleibt die Affäre nicht unentdeckt. Nickys Mann Piotrek, findet es heraus. Das Verhältnis, ihr Mann und vielleicht auch das schlechte Gewissen treiben Nicky in den Wahnsinn. Sie kann nicht mehr unterscheiden, was Film und was ihr Leben ist.
Piotrek ist also vor allem die eifersüchtige Person in Inland Empire.
Doch auch Devons Ehefrau ist von Eifersucht getrieben, als sie herausfindet, dass ihr Mann ein Verhältnis hat. Auch Devons Ehefrau ist auf beiden Ebenen vorhanden und spielt eine wichtige Rolle. Denn sie ist es, die Susan am Ende von „One high in blue tomorrows“ ersticht.

4.2. Wie äußert sich das Gefühl der Eifersucht bei Nickys Ehemann und Devons Frau?

Obwohl beide Personen in „Inland Empire“ eifersüchtig sind, sind sie es auf ganz unterschiedliche Weise. Nickys Ehemann ist sehr dominant und aktiv, er bedroht Devon sogar. Devons Frau hingegen tötet zwar am Ende Nicky. Jedoch nur, weil sie hypnotisiert wurde. Sie macht eher den Eindruck, passiv und zurückhaltend zu sein. Fast schon schüchtern.
Im Film werden viele Andeutungen gemacht, dass Nickys Mann eine wichtige und einflussreiche Person in der Filmbranche ist. „Er weiß alles und wenn er etwas nicht weiß, findet er es raus,“ sagt Devons Manager und warnt ihn damit, kein Verhältnis mit Nicky zu beginnen.
Als Devon eines Abends in Nickys Haus zu Gast ist, beobachtet sie, wie ihr Mann ein Gespräch mit Devon führt. Er legt seinen Arm auf Devons Schulter und sagt, dass seine Frau nicht tun kann, was sie will und dass jede Tat ihre Konsequenzen hat. Dies ist eine eindeutige Drohung. Jedoch lässt Devon sich davon offenbar nicht beeindrucken. Er beginnt eine Affäre mit Nicky. Bei dem Gespräch wird schon alleine durch die Körpergröße deutlich, wie mächtig Nickys Mann ist. Er ist viel größer als Devon, was besonders in dieser Szene zu erkennen ist. Dadurch wirkt er noch bedrohlicher.
Überhaupt wirkt Nickys Haus sehr bedrohlich. Bis auf die erste Szene, in der sie von der polnischen Nachbarin besucht wird, ist es stets dunkel im Haus. Mit dem Besuch der alten Dame beginnt Nickys „Untergang“. Zuvor war „ihre Welt noch in Ordnung“ und ihr Haus hell.
Doch die polnische Frau ist offenbar der Auslöser für alle folgenden Ereignisse. Ähnlich wie in „Lost Highway“ spiegelt das Haus den Zustand der Ehe wider. Nicky wirkt verloren in ihrem eigenen, dunklen Zuhause. Das Haus wirkt, ähnlich wie ihr Ehemann, übermächtig und bedrohlich. Fast so, als könnte es sie verschlingen.
Auf der zweiten Ebene, also in „One blue in high tomorrows“ ist die Rolle von Nickys Ehemann viel undurchsichtiger. Er knüpft Kontakt zu einer Gruppe polnischer Zirkusleute und geht nach Polen, um sich um die Tiere zu kümmern. Warum genau er diesen Entschluss fasst, ob er es wirklich will, ob er Susan einfach nur verlassen will oder ob vielleicht auch er hypnotisiert wurde, bleibt offen.
Der Zuschauer kann sich auch hier wieder nur auf sein Gefühl verlassen. Wie bereits erwähnt, gibt es in Lynchs Filmen keine „richtige“ Auflösung.
„Ich bin ziemlich schlecht darin, Dinge mit Worten zu beschreiben. Wenn ich mich hinsetze, um einen Film zu machen, dann beschließe ich nicht, einen Film über ein bestimmtes Thema zu machen, denn ich weiß meistens noch nicht einmal, was das für ein Thema sein könnte. Ich handle nach Gefühl. Es geht darum, Dinge sehen zu wollen. Von da an gehe ich einfach meinen Gefühlen für verschiedene Situationen nach – wenn sie aufregend für mich werden, dann weiß ich, ich bin etwas auf der Spur; und wenn sie langweilig werden, weiß ich, ich bin´s nicht. Es ist ganz einfach.“10 Sagt Lynch selbst in einem Interview über seine Art zu drehen. Er verlässt sich auf seine Gefühle und möchte, dass dies auch der Zuschauer tut.
„Ich weiß nicht, was ich dem Publikum sagen will. Ich zeige auf der Leinwand Gedanken und Vorstellungen, die mich beschäftigen. Ich kann einfach nicht verstehen, weshalb die Leute um jeden Preis einen Sinn in der Kunst finden wollen, während sie sich längst damit abgefunden haben, dass es ihn im Leben nicht gibt.“11 Diese Äußerungen Lynchs sollte man stets im Hinterkopf behalten, wenn man sich mit seinen Filmen und deren Interpretationen beschäftigt.
In der verwirrenden Szene, in der Nicky als Susan am Set ihres eigenen Filmes zwei Mal auftaucht und sich selbst sieht, wird sie von ihrem Mann beobachtet. Anscheinend ist er es, der sie durch seine Kontrolle und Eifersucht in den Wahnsinn treibt.
Auch als Nicky zum ersten Mal mit Devon schläft, werden die beiden von ihrem Mann beobachtet. Nicky und Devon lieben sich auf einem Bett in der Dunkelheit. Auffällig ist, dass Nickys Mann von noch mehr Dunkelheit umgeben ist. Wenn man die Dunkelheit mit Unrecht, Bosheit und bösen Machenschaften gleichsetzt, bedeutet dies, dass Nicky und Devon zwar Unrecht tun, ihr Mann aber noch boshafter ist. Nicky verfällt Devon, es ist Leidenschaft zwischen ihnen. Sie kann sich nicht gegen seine Anziehungskraft wehren. Ihr Mann hingegen, handelt zwar aus Eifersucht, was ja auch eine Art Leidenschaft ist, allerdings könnte er ja Nicky auch einfach zur Rede stellen. Stattdessen bleibt er in der Dunkelheit und zieht aus dem Hintergrund die Fäden.


In einer weiteren Szene in „One high in blue tomorrows“ gesteht Susan ihrem Mann, dass sie schwanger ist. Er reagiert nicht wie sie es sich erhofft hatte, sondern ist gereizt und glaubt ihr zunächst nicht. Später erfährt der Zuschauer, warum er auf diese Weise reagiert hat. Er kann keine Kinder zeugen, was bedeutet, dass seine Frau ihn betrogen haben muss. Obwohl man durchaus nachvollziehen kann, dass er wütend ist, natürlich will niemand von seinem Partner betrogen werden, und obwohl er damit eigentlich im Recht ist, bekommt der Zuschauer das Gefühl, dass er „der Böse“ ist und nicht seine betrügende Ehefrau. Dies mag daran liegen, dass Nicky die Protagonistin von „Inland Empire“ und auch von „One high in blue tomorrows“ ist, und der Rezipient meist automatisch auf der Seite des Hauptdarstellers ist. Es könnte aber auch deshalb sein, weil der Zuschauer schlicht das Gefühl hat, dass ihr Mann ein schlechter Mensch ist. Es sind kleine Dinge, die dieses Gefühl aufkommen lassen. Lynch will ja auch keine objektive „Lösung“ für seine Filme geben. Er will, dass sich die Rezipienten auf ihre Gefühle verlassen.
„Wenn es zu konkret wird, stirbt die Phantasie. Manchmal passieren Dinge, die einem plötzlich eine Tür öffnen, man schwebt hinaus und wird Größeres gewahr,“12 sagt Lynch in einem Interview über seine Arbeitsweise und die Art, mit der der Rezipient an seine Filme herangehen soll.
Devons Frau hingegen weiß lange nichts von der Affäre ihres Mannes. Erst als Nicky in sein Haus kommt und sich selbst verrät, in dem sie ihm vor seiner Frau und seinem Kind ihre Liebe gesteht, erkennt Devons Frau die Situation. Sie schlägt Nicky ins Gesicht und befiehlt ihr aufzuhören. Doch trotz der Schläge macht sie nicht solch einen aggressiven Eindruck wie Nickys Ehemann. Obwohl sie es ist, die Susan in „One high in blue tomorrows“ sogar tötet, ist man als Zuschauer auf ihrer Seite. Dies mag daran liegen, dass sie nicht, wie Nickys Ehemann aus dem Hintergrund und der Dunkelheit heraus ihren Mann beobachtet. Sie ist einfach nur die betrogene Ehefrau, ohne Selbstverschuldung. Sie bedroht niemanden und ist viel sympathischer als Nickys Mann. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass sie eine Frau ist und man in der Regel eher Mitleid mit Frauen hat, aber wenn man als Zuschauer, ganz in Lynchs Sinne, seinen Gefühlen vertraut, ist Devons Frau viel sympathischer als Nickys Mann.

4.3. Was sind die Konsequenzen der Eifersucht?

Devon oder Billy ist eigentlich gar nicht von der Eifersucht betroffen. Obwohl Nickys Mann ihn bedroht und obwohl seine eigene Ehefrau die Affäre entdeckt, geschieht nichts mit ihm. Weder verfällt er dem Wahnsinn, noch wird er getötet. Nicky ist es, die die Eifersucht der Betrogenen mit voller Wucht trifft. Auffällig ist auch, dass sie nur in „One high in blue tomorrows“ mit ihrem Mann redet. Im „echten“ Leben wechselt sie kein einziges Wort mit ihm. Aber ihr ist bewusst, dass er weiß, dass sie eine Affäre hat. Dies treibt sie in eine Art Wahnsinn. Sie ist in einem Albtraum gefangen und kann sich nicht befreien.
Sie ist nicht nur einige Zeit bei Prostituierten, die sie weiter „nach unten ziehen“, sie wird auch von ihrem Ehemann verprügelt und am Ende sogar von Billys hypnotisierter Frau getötet. Der Höhepunkt ihres Wahnsinns ist ihr Ausruf auf dem Straßenstich „Ich bin ein Freak!“ Kurz darauf läuft Billys Frau vorbei und rammt ihr einen Schraubenzieher in den Bauch, der sie einige Minuten später tötet.
In „One high in blue tomorrows“ führt die Eifersucht also sogar zum Tode von Susan. In ihrem „echten Leben“ kommt es nicht ganz so schlimm für sie. Nachdem sie im Film auf der Straße gestorben ist, steht sie auf und taumelt aus dem Studio. Gerade beim ersten Anschauen von „Inland Empire“ ist dies für den Zuschauer sehr überraschend. Wenn man mit dem ganzen Film und auch den Namen der Personen noch nicht vertraut ist, nimmt man automatisch an, dass die Sterbende Nicky ist und nicht Susan.
Doch obwohl Nicky überlebt hat, kann sie sich noch nicht wirklich von „One high in blue tomorrows“ lösen. Sie ist noch nicht aus dem Albtraum erwacht. Sie sieht sich selbst auf der Leinwand in einem Kinosaal und kann offenbar immer noch nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden. Als dann in einem düsteren Gang auch noch „das Phantom“, wie der polnische Hypnotiseur genannt wird, auftaucht, fühlt Nicky sich (zu Recht?) bedroht und erschieß ihn. Nachdem sie den Schuss abgefeuert hat, kann man ihr eigenes, verzerrtes Gesicht im Gesicht des „Phantoms“ erkennen. Dieses verzerrt sich anschließend weiter und wird zu einer gruselig anzusehenden Fratze. Da sie in dieser Situation ihr eigenes Gesicht sieht, kann man sich als Zuschauer fragen, ob „das Phantom“ überhaupt existiert oder ob es nur eine Reflexion Nickys eigener Gefühle darstellt und sie ihn sich nur eingebildet hat. Doch wie es für David Lynch typisch ist, bleibt diese Frage offen und ist vielleicht sogar nur eine Überinterpretation.
Jedenfalls wird Nicky nun zur Mörderin. Ob dieser Mord nun ein Selbstmord ist und sie sich selbst erschießt oder ob es schlicht ein Mord am „Phantom“ ist, kann nicht beantwortet werden. Wobei der Name „Phantom“ ja eher auf einen Selbstmord schließen lässt.
Wenn man davon ausgehen möchte, dass es ein Selbstmord ist, wäre dies eine klare Parallele zu „Mulholland Drive“. Denn „Mulholland Drive“ endet schließlich ebenfalls mit dem Selbstmord der Hauptdarstellerin, in den Wahnsinn getrieben von Eifersucht. Allerdings sollte man bei dieser Theorie nicht außer Acht lassen, dass Betty in „Mulholland Drive“ die eifersüchtige Person ist, in „Inland Empire“ Nicky nur ein Opfer der Eifersucht anderer ist.
Aber wie auch immer man „Inland Empire“ deuten möchte, Fakt ist, auch hier führt die Eifersucht zum Tode mindestens einer Person. Susan stirbt in „One high in blue tomorrows“ und Nicky oder auch „das Phantom“ sterben in „Inland Empire“.

4.4. Struktur des Urmythos

In „Inland Empire“ geht es, ebenso wie in „Lost Highway“, um die Ehe. Ein Mann ist eifersüchtig, weil seine Frau ihn betrügt. Er versucht die Affäre zu beenden, in dem er seinen Nebenbuhler bedroht. Doch er kann nicht eingreifen, seine Frau begeht trotzdem einen Seitensprung.

5. Vergleich der drei Filme bzw. wiederholte Eifersuchtsgeschichte in stereotyper Form

Klar ist, dass alle drei Filme ohne das „Problem Eifersucht“ überhaupt nicht funktionieren würden. Dennoch sind die Darsteller zum Teil auf unterschiedliche Art eifersüchtig. Gleichzeitig gibt es viele Parallelen in der Art der Eifersucht.
Eine Gemeinsamkeit ist wohl der Wahnsinn, der sowohl Fred als auch Betty und Nicky befällt. Natürlich kann man bei Lynch immer sagen, dass es nicht klar ist, ob diese drei Personen wirklich „wahnsinnig“ sind. Vielleicht macht man es sich sogar ein wenig zu einfach, wenn man all die Reaktionen und Handlungen der Personen mit „Wahnsinn“ erklärt. Dennoch gehe ich davon aus, dass sowohl mit Fred, mit Betty und mit Nicky, einfach ausgedrückt, „etwas nicht stimmt“. Etwas passiert mit oder in ihnen. „Wahnsinn“ ist möglicherweise ein zu weit gefasster oder zu oberflächlicher Begriff für das, was in ihnen geschieht.
Fakt ist jedenfalls, dass alle eifersüchtigen Personen mit ihrer Eifersucht nicht mehr klarkommen. Sie leiden stark und suchen einen Ausweg aus ihren Gefühlen. Da dies in der Realität nicht immer so sein muss, zeigt, dass die Eifersucht in Lynchs Filmen auf sehr überspitzte und stereotype Weise dargestellt wird. Nicht jeder eifersüchtige Mensch leidet so sehr, dass nur der Tod ein Ausweg sein kann. Viele Menschen sind oft sehr eifersüchtig, nicht nur, aber besonders in Liebesbeziehungen. Dennoch kommt es eher selten vor, dass sich jemand umbringt oder seinen Nebenbuhler töten lässt, nur um den eigenen Gefühlen aus dem Weg zu gehen. Natürlich liest man von solchen Schicksalen ab und zu in Zeitungen oder sieht solche Geschichten in den Nachrichten. Aber dies sind nur Einzelfälle. Dies soll jedoch keine Kritik an Lynch sein. Es ist klar, dass Filme nicht immer realistisch sein müssen. Filme handeln von außergewöhnlichen Dingen, es werden Geschichten erzählt, um das Publikum zu unterhalten. Wäre zum Beispiel Betty nur eifersüchtig und würde diese unterdrücken können, wäre „Mulholland Drive“ ein vollkommen langweiliger Film, den sich niemand anschauen würde. In Filmen passieren nun mal außergewöhnliche Dinge. Filme sind da, um die Menschen zu unterhalten. Dennoch ändert das nichts daran, dass Lynch auf Stereotypen zurückgreift.
Eine weitere Gemeinsamkeit der drei Filme ist die Wohnsituation der Paare. Dies wird bei „Inland Empire“ und bei „Lost Highway“ am deutlichsten. Aber auch bei „Mulholland Drive“ sagt die Wohnung etwas über die Beziehung aus. Bei „Lost Highway“ kann man gerade zu Beginn des Filmes klar sehen, dass die Eheleute sich entfremdet haben. Wie oben bereits beschrieben ist das Haus groß, steril eingerichtet, verwirrend und dunkel. Es „verschluckt“ die Bewohner. Genauso steril wie das Haus, ist auch die Beziehung von Fred und Renee. Kalt und emotionslos wohnen und lieben sie.
In „Inland Empire“ ist das Haus ebenfalls sehr groß. Zu Beginn erscheint es in warmen Farben und strahlt Geborgenheit aus. Aber nachdem die polnische Nachbarin zu Besuch war, mit der ja „das Unglück beginnt“, wirkt das Haus dunkel und verlassen. Nicky wirkt verloren in ihrem eigenen Haus. Es scheint, ebenso wie ihr Ehemann, übermächtig, düster und undurchsichtig. Auch Nicky und ihr Mann haben sich entfremdet. Er bedroht Devon, ebenso wie das Haus sehr bedrohlich wirkt.
In „Mulholland Drive“ ist ein Zusammenhang zwischen Bettys und Ritas Beziehung und der Wohnung etwas schwerer auszumachen. Dennoch fällt auf, dass die Wohnung von Bettys Tante gemütlich ist, ganz in warmen Farben gehalten. Zu diesem Zeitpunkt ist auch die Liebesbeziehung noch in Ordnung. Doch am Ende, wenn Rita mit Adam zusammen ist und die Eifersucht Betty regelrecht „auffrisst“,
sieht die Wohnung anders aus. Eher kalt und ein wenig heruntergekommen. Besonders in der Szene, in der Betty (oder da schon Diane) in der Küche steht und Kaffee zubereitet, wirkt die Wohnung kalt und leer. Auch der Ton trägt dazu bei Diane einsam wirken zu lassen. Diese Zusammenhänge kann man kaum wirklich beschreiben. Der Zuschauer muss sich auf sein Gefühl verlassen, ganz so wie Lynch es auch geplant hat.
Alle drei Filme erzählen eine klischeehafte Hollywood-Geschichte. Die Protagonisten verlieben sich, es kommt zum Betrug, dies führt zu Eifersucht und anschließend zum Mord. Diese „alte Geschichte“ wurde wahrscheinlich schon tausende von Malen erzählt. Dennoch schafft Lynch es, sie auf neue Art zu erzählen. Die Eifersucht führt bei Lynch zu einem Albtraum, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Schon die „Zuschauerin“ in „Inland Empire“ sagt „Erlöse mich aus diesem Albtraum“. Doch gerade in „Inland Empire“ wird deutlich, dass es eben kein Entkommen gibt. Wenn Nicky in „One high in blue tomorrows“ stirbt und nach dem „Schnitt“ wieder erwacht, erwartet man, dass der Albtraum vorbei ist. Doch dies ist er nicht. Obwohl Nicky wieder in der „Realität“ angekommen ist, nicht mehr einen Film dreht, ist der dunkle Albtraum noch nicht vorbei. Er beginnt nun eigentlich erst richtig, in dem Nicky „das Phantom“ erschießt.
Interessant ist auch, dass alle drei Frauen, die am Ende der Filme zu Täterinnen werden, immer wieder als Opfer dargestellt werden. Betty fügt sich, wie bereits erwähnt, auf der Party in die Opferrolle. Nicky wird zum Opfer ihres Mannes und leidet in einem Albtraum. Und auch Renee wirkt klein und verletzlich, wenn sie zwischen ihrem Mann und den Polizisten auf dem Sofa sitzt. Alle drei Frauen sind zum Teil Opfer, zum Teil Täterinnen. Auch dies zeigt wieder auf klischeehafte Weise, dass es nie nur eine Art gibt, die Dinge zu betrachten. Dies bedeutet allerdings, dass Lynch nicht nur auf Stereotypen zurückgreift. Er malt nicht nur „schwarz und weiß“. Oft wird, gerade in Hollywoodfilmen, eine Person entweder als Opfer oder als Täter dargestellt. In den gängigen „Blockbustern“ aus Hollywood, in die viel Geld investiert wird und die wieder viel Geld einspielen sollen, sind die „Helden“ meist einfach nur „gut“. Diese „Helden“ haben meist wiederum einen Gegenspieler, der „böse“ ist. Die Rollen sind fast immer klar verteilt. Ein „Held“, der auch eine schlechte Seite hat, kommt zwar auch dann und wann vor, ist aber im Großen und Ganzen eher selten. Dass Lynch bei seinen Protagonistinnen zwei Seiten aufzeigt, ist also nicht ganz so klischeehaft, wie man es bei oberflächlicher Betrachtung der Filme zunächst annimmt. Alle drei Frauen begehen Morde und Selbstmorde. Aber sie sind nicht nur Täterinnen, auch Opfer. Alle drei haben eine positive und eine negative Seite.
Das Wichtige in den drei Filmen ist, dass man als Zuschauer zwar durch die komplexe Erzählweise verwirrt ist, ja oft ein wenig den Überblick verliert, aber dem stets eine simple Eifersuchtsgeschichten gegenübersteht. An diese kann der Rezipient sich „klammern“, diese versteht er sofort. Die schon erwähnte simple Struktur der Eifersuchtsgeschichten, kennt jeder. Entweder aus dem Fernsehen, aus Büchern oder sogar aus dem eigenen Leben.
Auch Jörg Schweinitz schreibt, dass der Zuschauer solche Stereotypen Erzählungen leicht verstehen kann. Eben weil er sie schon aus anderen Filmen kennt:
„Das Publikum hat all das kaum durch das Erleben in der a-medialen Dimension des eigenen Alltags (soweit man davon überhaupt noch sprechen kann) gelernt, sondern im Laufe langjähriger Rezeption im intertextuellen Raum filmischer Imagination. Die so erworbenen latenten Kenntnisse gehören in den Bereich dessen, was man gern als Medienkompetenz bezeichnet. Die dahinter stehenden Stereotype formieren und strukturieren die intersubjektive Imaginationswelt unserer Tage. Die Stereotype des populären Film avancieren daher zugleich zu kulturellen Zeichen.“13 Diese einfache Struktur ersetzt in allen drei Filmen das Erzählen. Eine unkomplizierte Geschichte wird auf irrationale Art erzählt. Schwierig wird es für den Zuschauer nur durch die unterschiedlichen Zeitebenen und die Schizophrenie der Charaktere. Wie bereits erwähnt, soll der Zuschauer sich bei Lynch auf die eigenen Gefühle verlassen. Emotionen sind die Strategie des Zuschauers. Durch die stereotypen Eifersuchtsgeschichten kann der Rezipient auch mit der, zum Teil sehr ungewohnten und komplizierten Art Lynchs seine Filme zu gestalten, klarkommen. Der Zuschauer „blickt trotzdem durch“ und versteht, mit Hilfe seiner eigenen Emotionen, die Filme.
Schweinitz ist ebenfalls der Meinung, dass der Zuschauer, solche Stereotypen braucht, um die Handlung verstehen zu können:
„Als Ausgangspunkt diente Lippmann die Funktionalisierung von Stereotypen als stabilisierte kognitive Systeme der Individuen. In Anlehnung an John Dewey erschien auch ihm die Welt als ein `großes, blühendes, summendes Durcheinander`, das für die menschliche Wahrnehmungs- und Denkfähigkeit zu komplex und zu dynamisch sei. Sollen diese Dinge Bedeutung gewinnen – so zitiert er Dewey – `(…) so müssen 1. Eindeutigkeit und `Verschiedenheit` und 2. Beständigkeit (Konsistenz) oder Festigkeit (Stabilität) in die Objekte eingeführt werden, die sonst unbestimmt und flimmrig bleiben.` Eben solche Eindeutigkeiten und Beständigkeiten in die Wahrnehmungswelt einzuführen, dazu trügen die Stereotypen wesentlich bei.14
Genau das ist es, womit Lynch arbeitet. Die Stereotypen bilden eine Stabilität und Festigkeit für den Rezipienten.
„Stereotype bieten spontan Selbstvergewisserung, nicht Verfremdung und Irritation,“15 sagt Schweinitz.

6. Schluss

Man kann also sagen, dass Lynch sowohl in „Lost Highway“ und „Mulholland Drive“ als auch in „Inland Empire“ auf eine meist klischeehafte Darstellung von Eifersucht zurückgreift. Die meisten Szenen und Geschichten wurden schon unzählige Male zuvor so gezeigt. Dennoch setzt Lynch die Geschichten zum Teil in ein neues Licht. Er greift nicht nur auf Stereotype zurück, auch wenn man das vielleicht zunächst annimmt. David Lynch ist ein beliebter und erfolgreicher Regisseur. Wenn er nichts Neues zeigen würde, wenn er das Publikum nicht immer wieder begeistern würde, wäre er wohl nicht solch ein Kultregisseur. Er schafft es, alten Geschichten eine neue Wendung zu geben oder sie auf neue Art zu erzählen. Dies wird wohl besonders bei „Lost Highway“ deutlich. Die Faust-Geschichte gibt es schließlich schon sehr lange. Lynch greift sie auf und gibt ihr einen neuen Anstrich. Die alte Erzählung, die jeder kennt, wird neu erzählt.
Eifersucht gibt es wohl schon so lange wie es Menschen gibt. Auch dies ist eine alte Geschichte, man sollte meinen, das Thema wäre erschöpft. Doch auch wenn Lynch in seinen Filmen zum Teil auf eine klischeehafte Darstellung der Eifersucht nicht verzichten kann, sind die Filme interessant. Eifersucht ist so alltäglich, es gibt kaum eine Möglichkeit, nicht auf Stereotypen zurückzugreifen. Die Kunst ist es, die Filme trotzdem interessant zu Gestalten. Und dies schafft David Lynch in seinen Werken ganz eindeutig.

 

Fußnoten:

1. Lynch, David: Lynch über Lynch. Hrsg. von Chris Rodley. Frankfurt am Main: Verlag der Autoren 2006.
S. 353.
2. Jerslev, Anne: Mentale Landschaften. Wien: Passagen Verlag Ges.m.b.H. 1996. S. 28-29.
3. Fischer, Robert: David Lynch. Die dunkle Seite der Seele. München: Wilhelm Heyne Verlag 1997. S. 274-275.
4. Fischer, Robert: David Lynch. Die dunkle Seite der Seele. München: Wilhelm Heyne Verlag 1997. S. 282.
5. Pabst, Eckard: A Strange World. Das Universum des David Lynch. Kiel: Ludwig Verlag 1999. S. 69.
6. Ebd. S. 87.
7. Lynch, David: Lynch über Lynch. Hrsg. von Chris Rodley. Frankfurt am Main: Verlag der Autoren 2006. S. 357.
8. Lynch, David: Lynch über Lynch. Hrsg. von Chris Rodley. Frankfurt am Main: Verlag der Autoren 2006. S. 362.
9. Jerslev, Anne: Mentale Landschaften. Wien: Passagen Verlag Ges.m.b.H. 1996. S. 29.
10. Fischer, Robert: David Lynch. Die dunkle Seite der Seele. München. Wilhelm Heyne Verlag. 1997. S.296.
11. Ebd. S. 308-309.
12. Lynch, David. Lynch über Lynch. Hrsg. von Chris Rodley. Frankfurt am Main: Verlag der Autoren 2006. S. 299.
13. Schweinitz, Jörg. Film und Stereotyp. Eine Herausforderung für das Kino und die Filmtheorie. Zur Geschichte eines Mediendiskurses: Berlin. Akademie Verlag GmbH. 2006. S.12.
14. Schweinitz, Jörg. Film und Stereotyp. Eine Herausforderung für das Kino und die Filmtheorie. Zur Geschichte eines Mediendiskurses: Berlin. Akademie Verlag GmbH. 2006. S. 6.
15. Ebd. S. 105.