Hausarbeit zum Thema Faust

Der Teufel in Thomas Manns „Doktor Faustus“ und Mephistopheles aus Goethes „Faust“ im Vergleich

Inhalt:

  • 1. Einleitung
  • 2.1 Die äußere Erscheinung des Teufels in Thomas Manns Doktor Faustus
  • 2.2 Der Charakter und die Eigenschaften des Teufels in Thomas Manns Doktor Faustus
  • 2.3 Was Thomas Manns Teufel durch den Pakt mit Adrian Leverkühn erreichen will
  • 2.4 Was der Teufel bei Thomas Mann Adrian Leverkühn anbietet
  • 3.1 Die Äußere Erscheinung Mephistopheles in Goethes Faust
  • 3.2 Der Charakter und die Eigenschaften des Mephistopheles in Goethes Faust
  • 3.3 Was Mephistopheles durch den Pakt mit Faust erreichen will
  • 3.4 Was Mephistopheles Faust anbietet
  • 4. Zusammenfassung

 

1. Einleitung

Goethes Faust ist wohl eines der weltweit bekanntesten Bücher. Das im 19. Jahrhundert verfasste Werk wird seit Generationen in der Schule besprochen und ist fast jedem Menschen bekannt. Doch Goethe ist nicht der Einzige, der über den besagten Faust und seinen Pakt mit dem Teufel geschrieben hat. Es gab vor ihm verschiedene Autoren, die diese Geschichte zum Thema ihrer Bücher gemacht haben. Nach Goethe nahm sich Thomas Mann das Thema vor und schrieb 1947 seinen Doktor Faustus. Die grobe Geschichte stimmt mit Goethe überein, dennoch gibt es viele Unterschiede zwischen den beiden Büchern. Beide handeln von einem gebildeten Mann, eben Faust oder auch Doktor Faustus, der einen Pakt mit dem Teufel schließt und ihm seine Seele verkauft. Doch was der Teufel eigentlich will, was genau er anbietet und überhaupt der Teufel als Person, sind durchaus sehr unterschiedlich.


Hier sollen die beiden Teufelsfiguren, also der namenlose Teufel in Thomas Manns Doktor Faustus und Mephistopheles in Goethes Faust, miteinander verglichen werden. Dabei konzentriere ich mich zunächst auf Manns Teufel, anschließend auf Mephisto.
Ich werde die äußere Erscheinung der beiden, den Charakter, was sie durch den Pakt erreichen wollen und was sie anbieten, genau beleuchten.
Danach wird eine kurze Zusammenfassung die Arbeit abschließen.

2.1 Die äußere Erscheinung des Teufels in Thomas Manns Doktor Faustus

Während Adrian gemütlich mit Freunden zusammensitzt und liest, bemerkt er plötzlich, dass jemand auf dem Rosshaarsofa, welches sich mitten im Raum befindet, sitzt. Dieser „Jemand“ sitzt in der Sofaecke und hat die Beine übereinandergeschlagen. Zunächst hält Adrian ihn für einen seiner Freunde, stellt aber dann fest, dass diese merkwürdige Person kleiner ist und „lange so stattlich nicht und überhaupt kein rechter Herr.“ 1
Nachdem die beiden ein paar erste Worte gewechselt haben, schaut sich Adrian seinen Besucher noch mal genauer an. Er beschreibt ihn als einen Mann

„eher spillerig von Figur, längst nicht so groß wie Sch., aber auch kleiner als ich, – eine Sportmütze übers Ohr gezogen, und auf der andern Seite steht darunter rötlich Haar von der Schläfe hinauf; rötliche Wimpern auch an geröteten Augen, käsig das Gesicht, mit etwas schief abgebogener Nasenspitze; über quer gestreiftem Trikothemd eine karierte Jacke mit zu kurzen Ärmeln, aus denen die plumpfingrigen Hände kommen; widrig knapp sitzende Hose und gelbe, vertragene Schuhe, die man nicht länger putzen kann. Ein Strizzi. Ein Ludewig. Und mit der Stimme, der Artikulation eines Schauspielers.“2
Außerdem ist Adrian der Meinung, sein Gegenüber sehe nicht so aus, als sei er je auf einer Universität oder auf einer hohen Schule gewesen. Dies sagt er ihm auch direkt ins Gesicht. Deshalb fragt er sich, woher der Teufel all die Informationen über die Oper und ähnliche Dinge hat.
Etwas später beginnt Adrian sich über seinen Besucher zu ärgern und fängt an, ihn zu beschimpfen:
„Wie ein frecher Abschaum, ein Mannsluder, ein blutiger Ludewig seht Ihr aus, das ist Euer Aussehen, in dem Ihrs für gut befunden habt, mich zu besuchen, – und keines Engels!“3
Zwar spricht wohl auch die Wut aus Adrian, dennoch steckt sicherlich viel Wahrheit in seinen Beschimpfungen. Schon einige Seiten vorher wurde der Teufel nicht besonders positiv beschrieben, wenn auch noch nicht als „Abschaum“. Er selbst behauptet, überhaupt nichts auf sein Äußeres zu geben. Doch kann man dieser Aussage wohl eher wenig Glauben schenken, da er seine Kleidung mehrmals wechselt und stets anders aussieht.
Als sich das Gespräch schon fast dem Ende neigt, muss Adrian über die „Metamorphose“4 des Teufels lachen, obwohl ihm immer noch fast unerträglich kalt ist.
„Es sah wieder anders aus mit dem Kerl vor mit im Sofa, er schien der bebrillte Musikintelligenzler nicht mehr, als der er eine Weile zu mir gesprochen, saß auch nicht mehr recht in seiner Ecke, sondern ritt légérement im Halbsitz auf der gerundeten Seitenlehne des Sofas, die Fingerspitzen im Schoße durcheinander gestreckt und beide Daumen starr davon wegstreckend. Ein geteiltes Bärtchen am Kinn ging ihm beim Reden auf und ab, und überm offenen Munde, drin kleine scharfe Zähne sich sehen ließen, stand ihm das spitzgedrehte Schnurrbärtchen strack dahin.“5
Einige Seiten später verändert er erneut seine Erscheinung.
Er „sitzt nicht mehr auf der Armrolle des Kanapees vor mir im Saal, sondern wieder im Eck als das Mannsluder, der käsige Ludewig in der Kappe, mit roten Augen.“6
Der Autor David J.T. Ball schreibt in seinem Buch über Doktor Faustus und Goethes Faust7, dass es in Thomas Manns „Doktor Faustus“ mehrere verschiedene Teufelsfiguren gibt. So führt er zum Beispiel Eberhard Schleppfuß an, dem das 13. Kapitel gewidmet ist. Da er einen schwarzen Umhang trägt und sich zur Begrüßung mit „ganz ergebener Diener“ vorstellt, vergleicht Ball ihn mit Mephisto, der sagt: „Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden.“ Woraufhin Faust bemerkt „Ein solcher Diener bringt Gefahr ins Haus.“
Auch anderes, was Schleppfuß sagt, ist mit Goethes Faust vergleichbar. So ist er zum Beispiel auch Lehrer. Mephisto gibt sich in einer Szene auch als Lehrer aus und redet mit einem Studenten, während Faust sich umzieht.
Adrians Stadtführer in Leipzig ist, laut Ball, die zweite Manifestation des Teufels. Er meint, Leverkühns erste Erfahrungen mit der Stadt erinnern an die Walpurgisnacht.
Es existieren einige Ähnlichkeiten zwischen dem Führer und Mephisto. Außerdem kommt hinzu, dass der Stadtführer Adrian an Schleppfuß erinnert, was Balls Theorie bestätigt. Beide haben Bärte, beide tragen einen Umhang. Der Fremdenführer wird, wie Schleppfuß, „jener Dienstmann“ genannt.
Die letzte Teufelsfigur ist, laut Ball, Professor Capercailzie, der allerdings niemals selber auftritt und auch niemals wirklich beschrieben wird. Nur Leverkühn selbst erzählt von seinen Reisen, die er in Capercailzies Begleitung angetreten hat. Es gibt verschiedene Gründe, weshalb man Capercailzie mit dem Teufel vergleichen kann. So sind zum Beispiel Reisen immer Bestandteile der Faust-Tradition. Normalerweise begleitet der Teufel den Helden. Außerdem bedeutet „Capercailzie“ übersetzt „Auerhahn“. Bei Goethe nennt Wagner Mephisto einen „Auerhahn“.
An einer anderen Stelle wird er „Cicerone“ genannt, was ein Synonym für „Fremdenführer“ ist und ihn mit der Figur des Stadtführers in Verbindung bringt.
Interessant ist, dass Schleppfuß, der Fremdenführer und der Teufel mehrere Charakteristika gemein haben. So zum Beispiel ihr üppiges Gesichtshaar und die Farbe Rot. Zeitbloom spricht von Schleppfuß´ „geteiltes Bärtchen“ und sagt, er hat eine rote Mütze.
Im 25. Kapitel, also das Kapitel welches das lange Gespräch mit dem Teufel beschreibt, hat dieser rötliches Haar, rötliche Wimpern und auch gerötete Augen.
Neben der eher kleinen und gedrungenen Figur haben alle drei Personen noch eine weitere Gemeinsamkeit. Sie erscheinen für kurze Zeit in Adrians Leben und haben großen Einfluss auf ihn. Doch wenig später verschwinden alle drei auf mysteriöse Weise.
Auch die Ärzte mit denen Adrian zu tun hat, passen in dieses Bild. Dr. Erasmi ist ein Mann „mit rotem Gesicht und schwarzem Spitzbart“. Der zweite Doktor Dr. Zimbalist ist „ein kleiner Mann mit Hornbrille, einer ovalen Glatze, die sich zwischen rötlichem Haar von der Stirn zum Hinterkopf zog, und einem nur unter den Nasenlöchern stehengelassenen Schnurrbärtchen.“8
David J.T. Ball beschreibt ausführlich, wie sich die Figur des Teufels bei Thomas Mann, im Gegensatz zu Goethe äußerlich geändert hat. So wird aus dem „gespaltenen Fuß“ bei Mephisto ein einfaches „leichtes Humpeln“. Die Hörner und der Schwanz verschwinden bei Thomas Mann sogar komplett.

2.2 Der Charakter und die Eigenschaften des Teufels in Thomas Manns Doktor Faustus

Während des ganzen, sich über ca. 30 Seiten hinziehenden Gespräches mit dem Teufel, wird Adrian von eisiger Kälte geplagt. Zum Teil zittert er, wobei er erst nicht genau weiß, ob dies auf Grund der Kälte oder doch etwa wegen seiner Angst geschieht. Er fragt sich, ob der Teufel ihm vormache, dass es kalt sei, damit Adrian zittert und somit von seiner Existenz überzeugt ist. Er bezeichnet den Höllenfürsten als „durchtrieben“9, da er meint, der Teufel halte ihn zum Narren.
Erstaunlich für Adrian ist vor allem, dass die Kälte in diesem „winterwarmen Zimmer“10 von vorn kommt und nicht etwa von den Fenstern, die sich hinter ihm befinden.
Als Adrian noch gar nicht weiß, dass plötzlich der Teufel vor ihm sitzt, sondern nur eine fremde Gestalt wahrnimmt, spricht er ihn erst auf Spanisch an. Doch sein Gegenüber antwortet mit ruhiger und langsamer Stimme. „Eine gleichsam geschulte Stimme mit angenehmer Nasenresonanz“11.
Er fordert Adrian auf, ruhig deutsch zu sprechen, bezeichnet deutsch sogar als seine Lieblingssprache. Außerdem fordert er Adrian auf, sich doch ein Plaid zu holen, da ihm sonst zu kalt wäre. Ähnlich wie bei Goethes Faust, handelt der Teufel nicht so, wie man es von ihm erwarten würde. Normalerweise sollte der Teufel Spaß an dem Leid anderer haben. So überrascht es den Leser, wie freundlich er sich verhält und welche Sorgen er sich macht, dass Adrian sich nicht verkühlt.
Im nächsten Abschnitt wird sein Bemühen um ein freundschaftliches Verhältnis noch deutlicher. Sofort redet er Adrian mit „Du“ an. Als dieser fragt, wer „Du“ zu ihm sage, antwortet der Teufel nur „es ist schon ein Verhältnis mit uns, zum Du sagen“12.
Mit dieser Aussage macht er gleich klar, dass er nicht nur für eine kurze Unterhaltung erschienen ist, sondern von nun an eine wichtige Rolle in Adrians Leben spielen wird.
Ein paar Seiten weiter denkt Adrian, dass er wahrscheinlich „Du“ sagt, da er sich selbst ja auch „Du“ nennt. Adrian weiß also, dass er sich den Teufel nur einbildet.
Er sagt wenig später auch direkt, dass er ja nicht gekommen ist um Adrian zur Gesellschaft zu holen, ihn zu beschmeicheln, sondern um Geschäfte mit ihm zu besprechen. Erneut fordert er ihn auf, sich doch eine Decke zu holen, da beim Zähneklappern kein Reden sei.
Auch Adrian hat sich schnell ein eigenes Bild von dieser merkwürdigen Person gemacht. Er wirft ihm vor, er wolle „mit jedem dritten Wort“13, das er sagt, seine Nichtigkeit bloßstellen.
Kurze Zeit später gibt der Teufel dann auch endlich zu, wer er ist. Wenn er es auch nicht direkt sagt, so besteht weder für Adrian, noch für den Leser Zweifel darüber, dass man es mit dem Teufel zu tun hat. Er meint, Adrian könne sich einen Namen für ihn aussuchen, da es so viele gibt.
Als Adrian anmerkt, er hätte nicht an diesem Ort, also in Italien, mit seinem Erscheinen gerechnet, antwortet dieser gelassen, wie es seine Art ist
„Ich bin zwar deutsch, kerndeutsch meinetwegen, aber doch eben auf alte, bessere Art, nämlich von Herzen kosmopolitisch.“14
Überhaupt ist der Teufel sehr selbstbewusst. Er ist davon überzeugt, dass er „kein ungebetener Gast ist.“15 Er meint, Adrian sei so ungeduldig und beschwere sich nur, weil er es eigentlich gar nicht mehr abwarten kann, noch mehr Informationen zu erhalten. Besonders die Hölle interessiert ihn und er scheint gierig darauf zu brennen, weiteres darüber zu erfahren.
Er meint auch, Adrian hätte nur Theologie studiert um mehr über ihn zu lernen. „Dein Interesse galt – mir. Ich bin dir sehr verbunden.“16
Noch einmal wird betont, wie gebildet der teuflische Gast doch ist. Der Autor Helmut Wiegard ist der Meinung, „der Teufel repräsentiert nicht nur das 16. Jahrhundert und redet altdeutsch, sondern erweist sich auch als der versierte Kulturdiagnostiker, der die Probleme avantgardistischer Musik genauestens kennt.“17
Allgemein kann man sagen, dass er meist auf parodistische Art auftritt. Nicht direkt das was er sagt, sondern eher die Weise, wie er es vorbringt ist fast schon eine besondere Art von Humor, die dieses Buch durchzieht.
Ob es den Teufel im Doktor Faustus nun wirklich gibt, oder nicht, darüber kann man sich natürlich streiten. Einige Autoren sind der festen Überzeugung, er existiere nicht, er sei nur ein Vehikel für Adrians Gedanken. Andere hingegen sind sich nicht sicher und meinen, das könne man auf verschiedene Arten interpretieren.
Ich aber glaube, dass es gar nicht wichtig ist, ob der Teufel nur ein Hirngespinst von Adrian ist oder ob er wirklich auftaucht. Für Adrian ist es Wirklichkeit, und er glaubt an den Pakt mit dem Teufel und lebt auch danach.
Der Autor David J.T. Ball stellt die These auf, die Zahl 25 habe eine besondere Bedeutung, für die Fausterzählungen von Goethe und Mann. Denn bei Thomas Mann tritt der Teufel im 25. Kapitel in seiner konkretesten Form auf. Hier tritt die Zahl 25 in Kontrast zu Goethes Faust. Denn die 25 ist die Quadratzahl von 5, die für das Pentagramm steht, wegen dem Mephisto nicht mehr auf Faust´ Haus heraustreten konnte. Adrians Teufel scheint aber keine Antipathie gegen die Zahl 5 zu hegen.

2.3 Was Thomas Manns Teufel durch den Pakt mit Adrian Leverkühn erreichen
will

Nachdem sich die Beiden nun schon eine Weile unterhalten haben, wird auch klar, weshalb der Teufel eigentlich erschienen ist. Das von Adrian komponierte Lied hat ihn angelockt. Er bezeichnet ihn als „wirklich begabt“18 und meint das „wir“ das schon beizeiten erkannt hätten und sie deshalb schon lange ein Auge auf den Künstler geworfen hätten. Es wird nicht ganz klar wen er mit „wir“ eigentlich meint. Vermutlich ist er doch nicht „der“ Teufel, sondern nur „ein“ Teufel. Er und Seinesgleichen haben Adrian wahrscheinlich schon lange beobachtet. Dann ist er ausgewählt worden, zu ihm zu gehen und ihn für den Pakt zu gewinnen. Er meint, dieser Fall wäre „ganz ausgesprochen der Mühe wert“19.
Interessant ist auch, dass der Teufel während des Gesprächs mit Adrian mehrfach betont, dass er bereits vier Jahre geschwiegen hat. Er kam also erst vier Jahre, nach dem Adrian das verhängnisvolle Stück komponiert hat, zu ihm. Bei Goethes Faust tritt Mephisto bereits einige Tage, nachdem Faust sich an die Geister gewand hat, auf.
Einige Seiten später meint der Teufel, sein Besuch gilt nur der Konfirmation. Denn den eigentlichen Pakt sei Adrian schon vor einiger Zeit, also wohl vor vier Jahren, eingegangen, als er die Dienste der Prostituierten Esmeralda in Anspruch genommen hat.
„Wir sind im Vertrage und im Geschäft, – mit deinem Blut hast du´s bezeugt und dich gegen uns versprochen und bist auf uns getauft – dieser mein Besuch gilt nur der Konfirmation“.20
Doch dann stellt der Teufel seine wichtigste Bedingung: „Du darfst nicht lieben.“21
Adrians Leben soll kalt sein deshalb darf er keinen Menschen lieben. Einen Vorgeschmack auf die Kälte die ihn die nächsten 24 Jahre erwartet, hat er ja schon während des Gesprächs erhalten. Denn immer wieder betont er, wie sehr er doch fröstele. Adrian ist der Meinung, ihm solle nun schon die Hölle auf Erden bereitet werden.
Viel später im Roman stirbt der von Adrian über alles geliebte Sohn seiner Schwester. Der Tod des kleinen Jungen, genannt „Echo“, zerreist ihm förmlich das Herz. Damit ist der Teufelspakt wohl wirklich eingelöst. Adrian kann keine Liebe erleben. Weil er das Kind so abgöttisch liebt, muss es sterben.
Es wird also klar, dass mit dem „Liebesverbot“ keinesfalls nur die Lust, die sexuelle Liebe gemeint ist. Es ist das Ende seiner Liebesfähigkeit schlechthin. Nicht mal mehr ein kleines Kind kann er lieben.
Ein Unterschied zwischen Goethes Faust und Manns Doktor Faustus ist auch, dass Adrian, ganz wie im Volksbuch, wieder vom Teufel geholt wird, beziehungsweise, im Wahnsinn zu Grunde geht. Während Faust ja Mephisto entkommt.

2.4 Was der Teufel bei Thomas Mann Adrian Leverkühn anbietet

Ähnlich wie bei Goethes Faust wird Adrian in diesem Roman vor allem Zeit zugesichert. Um diese Zeit messen zu können, taucht im „Doktor Faustus“ immer wieder das Stundenglas auf.
„Zeit ist das Beste und Eigentliche, das wir geben, und unsere Gabe das Stundenglas, – ist ja so fein, die Enge, durch die der rote Sand rinnt, so haardünn sein Gerinnsel, nimmt für das Auge gar nicht ab im oberen Hohlraum, nur ganz zuletzt, da scheints schnell zu gehen und schnell gegangen zu sein, – aber das ist so lange hin, bei der Enge, dass es der Rede und des Darandenkens nicht wert ist.“22
So ist das Stundenglas eine Metapher für das Leben. Wenn man jung ist, merkt man kaum, wie die Zeit vergeht. Adrian denkt, er hat noch viel, viel Zeit. Doch je älter man wird, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen. Der Teufel versucht Adrian davon zu überzeugen, sich keine Sorgen zu machen. Er will, dass er denkt, wie die meisten jungen Menschen es in der Tat tun. Sie machen sich keine Sorgen über das Alter, weil es ja noch „so lange hin ist, dass es der Rede und des Darandenkens nicht wert ist“. Doch irgendwann ist das Stundenglas nun mal durchgelaufen und Adrian kann seinen Fehler aus der Jugend nicht mehr rückgängig machen.
Etwas später kommt das Gespräch erneut auf das Stundenglas und diesmal sagt der Teufel klar und deutlich, dass er Adrian 24 Jahre anbietet. Er betont, wie lang diese Zeit doch sei und macht fast schon „Werbung“ für seinen Pakt. Auch spricht er offen über die Zeit nach Adrians Tot.
„Nur, das Ende ist unser, am Ende ist er unser, das will ausgemacht sein, und nicht bloß schweigend, so verschwiegen es sonst auch zugehen mag, sondern von Mann zu Mann und ausdrücklich.“23
Als Adrian anschließend ungläubig fragt, ob er ihm Zeit verkaufen wolle, bringt der Teufel sein Hauptargument, dem Adrian schlussendlich nicht widerstehen kann:
„Zeit? Bloß so Zeit? Nein, mein Guter, das ist keine Teufelsware. Dafür verdienen wir nicht den Preis, dass das Ende uns gehöre. Was für ´ne Sorte Zeit, darauf kommts an! Große Zeit, tolle Zeit, ganz verteufelte Zeit, in der es hoch und überhoch hergeht, – und auch wieder ein bisschen miserabel natürlich, sogar tief miserabel, das gebe ich nicht nur zu, ich betone es sogar mit Stolz, denn so ist es ja recht und billig, so ists doch Künstlerart und –natur.“24
Weiter sagte er:
„Aufschwünge liefern wir und Erleuchtungen, Erfahrungen von Enthobenheit und Entfesselung, von Freiheit, Sicherheit, Leichtigkeit, Macht- und Triumphgefühl, dass unser Mann seinen Sinnen nicht traut.“25
Und:
„Er garantiert dir nicht nur, dass gegen das Ende deiner Stundenglas-Jahre das Gefühl deiner Macht und Herrlichkeit die Schmerzen der kleinen Seejungfrau mehr und mehr überwiegen und schließlich zu triumphalstem Wohlsein, zum enthusiastischen Gesundheitsaffekt, zum Wandel eines Gottes sich steigern soll, – das ist nur die subjektive Seite der Sache, ich weiß, es wäre dir nicht genug damit, es würde dir unsolid scheinen. So wisse: Wir stehen dir für die Lebenswirksamkeit dessen, was du mit unserer Hilfe vollbringen wirst. Du wirst führen, du wirst der Zukunft den Marsch schlagen, auf deinen Namen werden die Buben schwören, die dank deiner Tollheit es nicht mehr nötig haben, toll zu sein. Von deiner Tollheit werden sie in Gesundheit zehren, und in ihnen wirst du gesund sein. Verstehst du? Nicht genug, dass du die lähmende Schwierigkeiten der Zeit durchbrechen wirst, – die Zeit selber, die Kulturepoche, will sagen, die Epoche der Kultur und ihres Kultus wirst du durchbrechen und dich der Barbarei erdreisten, die´s zweimal ist, weil sie nach der Humanität, nach der erdenklichen Wurzelbehandlung und bürgerlichen Verfeinerung kommt. Glaube mir!“26
Außerdem sagte der Teufel:
„Wir schaffen nichts Neues – das ist andrer Leute Sache. Wir entbinden nur und setzten frei, wir lassen die Lahm- und Schüchternheit, die keuschen Skrupel und Zweifel zum Teufel gehen. Wir pulvern auf und räumen, bloß durch ein bisschen Reiz-Hyperämie, die Müdigkeit hinweg, – und die große, die private und die der Zeit.“27

3.1 Die Äußere Erscheinung Mephistopheles in Goethes Faust


Während im „Prolog im Himmel“ noch nichts über Mephistos Aussehen gesagt wird, tritt er auf Erden zum ersten Mal in der Form eines schwarzen Pudels auf, welcher durch Saat und Stoppel streift. Faust und Wagner beobachten ihn dabei. Wagner, der seinen Herrn ja sowieso meist nicht versteht, sieht dabei immer nur einen gewöhnlichen Hund. Faust aber erkennt einen Feuerstrudel, den Mephisto hinter sich herzieht.
Nachdem er sich noch eine Weile wie ein echter Pudel benommen hat und sich auf diese Weise in Faust´ Haus einschleichen konnte, fängt Mephisto plötzlich an, sich zu verwandeln.
„Wie wird mein Pudel lang und breit!
Er hebt sich mit Gewalt,
Das ist nicht eines Hundes Gestalt!
Welch ein Gespenst bracht´ ich ins Haus!
Schon sieht er wie ein Nilpferd aus,
Mit feurigen Augen, schrecklichem Gebiss.“28
Und die Verwandlung geht noch weiter. Erst schwillt er auf, mit borstigen Haaren, dann
„Hinter dem Ofen gebannt,
schwillt es wie ein Elefant.
Den ganzen Raum füllt es an,
Es will zum Nebel zerfließen.“29
Als Mephisto dann mit seiner „Show“ aufhört und zum ersten Mal wirklich in Erscheinung tritt, ist er „gekleidet wie ein fahrender Scholastikus.“30 Faust ist fast schon enttäuscht und muss lachen, dass das „des Pudels Kern“ war. Mit dieser Verkleidung hat Mephisto wohl das Kostüm gewählt, in welchem er sich am besten bei Faust als unterwürfiger Diener vorstellen kann.
In der nächsten Szene ändert Mephisto sein Aussehen. Als er ins „Studierzimmer“ kommt hat er sich edel angezogen und verlangt das gleiche von Faust.
„Bin ich als edler Junker hier,
In rotem, goldverbrämtem Kleide,
Das Mäntelchen von starrer Seide,
Die Hahnenfeder auf dem Hut,
Mit einem langen spitzen Degen,
Und rate nun dir, kurz und gut,
Dergleichen gleichfalls anzulegen.“31
Albert Dauer schreibt dazu:
„Der stets Maskierte kommt, da es nunmehr weltmännisch aufzutreten gilt, in neuer Maske, kommt als edler Junker, Faust die Grillen zu verjagen und ihn endlich seiner engen Zelle zu entführen, in die Welt hinaus.“32
Wenig später, aber immer noch im „Studierzimmer“, kleidet sich Mephisto erneut um.
„Komm, gib mir deinen Rock und Mütze;
Die Maske muss mir köstlich stehn.“33
Der Leser merkt, wie viel Spaß Mephisto diese Verkleidungsspiele machen. Denn das ist es ja für ihn, ein Spiel. Er ist nur wegen einer Wette mit Gott auf die Erde gekommen und versucht dabei noch sich eine möglichst lustige Zeit zu machen. Dass es dabei um Faust´ Seele geht, ist ihm egal.
In der „Hexenküche“ wird zum ersten Mal das Äußerer Mephistos ohne eine seiner zahlreichen Verkleidungen beschrieben. Er schreit die Hexe an:
„Hast du vorm roten Wams nicht mehr Respekt?
Kannst du die Hahnenfeder nicht erkennen?“34
Die Hexe antwortet darauf:
„Seh´ ich doch kein Pferdefuß.
Wo sind denn eure beiden Raben?“
An diesen Dingen konnte man ihn wohl früher erkennen. Mephisto meint, dass es zu verzeihen sei, dass sie ihn nicht erkennt, schließlich hätten die beiden sich eine Weile nicht gesehen. Er erklärt, warum er seine Erscheinung geändert hat:
„Auch die Kultur, die alle Welt beleckt,
Hat auf den Teufel sich erstreckt;
Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen;
Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen?
Und was den Fuß betrifft, den ich nicht missen kann,
Der würde mir bei Leuten schaden;
Darum bedien´ ich mich, wie mancher junge Mann,
Seit vielen Jahren falscher Waden.“35
Den Namen, den ihm die Hexe zunächst gibt „Junker Satan“, hört Mephisto allerdings gar nicht gern. Lieber möchte er „Herr Baron“ genannt werden.
Bei der „Walpurgisnacht“ aber, möchte Mephisto dann doch auf den ersten Blick erkannt werden. Dort behält er seinen Pferdefuß und ist stolz darauf.
„Zwar bin ich sehr gewohnt, inkognito zu gehn,
Doch lässt am Galatag man seinen Orden sehn.
Ein Knieband zeichnet mich nicht aus,
Doch ist der Pferdefuß hier ehrenvoll zu Haus.“36

3.2 Der Charakter und die Eigenschaften des Mephistopheles in Goethes Faust

Schon wenn Mephisto das erste Mal auftritt, nämlich im „Prolog im Himmel“ wird gleich klar, wie sehr der Teufel von sich überzeugt ist. Sofort beginnt er seine Späße mit Gott zu machen und meint, dass er diesen gewiss zum lachen bringen könne, hätte er sich nicht das Lachen abgewöhnt. Er meint, mit Gott gleichberechtigt zu sein, doch ist es nur Einbildung. Er kritisiert den Allmächtigen
„Ein wenig besser würd´ er leben,
hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben.“ 37
und meint, er könne sich so etwas erlauben.
Auf der Erde findet Mephisto es „herzlich schlecht“.38 Sogar er, also der Teufel, hat keine Lust die Menschen zu plagen. Dennoch nimmt er die Wette mit Gott an. Er meint, er hätte eine Chance, dass Gott viel mächtiger ist als er, erkennt er nicht. Erneut wird deutlich wie selbstbewusst Mephisto ist.
„Erlaubt Ihr mir Triumph aus voller Brust.
Staub soll er fressen, und mit Lust.“39
Gott selber bezeichnet ihn etwas später als „Schalk“, meint aber, dass ihm dieser noch „am wenigsten zur Last“40 sei.
Als Mephisto wenig später auf der Erde ist und sich Faust vorstellt, merkt man erneut, wie verhasst ihm doch die Menschen sind.
„Denn alles, was entsteht,
Ist wert, dass es zugrunde geht;
Drum besser wär´s wenn nichts entstünde.“41
In diesem Gespräch verhält er sich also ganz so, wie wir es vom Teufel erwarten würden. Er ist böse und will zerstören. Wenn er das auch auf immer noch recht nette Art erklärt und uns trotz des eigentlich erschreckenden Inhaltes seiner Rede sehr sympathisch ist.
Im weiteren Verlauf des Gesprächs versucht er Faust zu erklären, wer er eigentlich ist. Dabei bezeichnet er sich als „Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar“.42 Es ist interessant, dass das Licht für Gott steht, das Dunkle allerdings erst das Licht geschaffen hat. Auch jetzt glaubt Mephisto also immer noch, dass er mindestens so mächtig ist, wie Gott.
„Und wenn Mephisto im „Faust“ zu den Füßen des Herrn sitzt, so heißt das, dass das Böse nur geduldet ist, in einer dienenden Rolle und um des Guten willen.“43
schreibt der Autor Bernhard Blume dazu.
Im Gegensatz zu Thomas Manns Teufel, der keinerlei Probleme mit irgendwelchen Zeichen, oder der Zahl fünf hat, kann Mephisto Faust´ Haus nicht mehr verlassen, da sich ein Pentagramm auf der Türschwelle befindet. „Der Teufel kann nicht aus dem Haus.“ Denn „´s ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster: Wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus.“44
Wie schon erwähnt, ist Mephisto eher „verspielt“ und nimmt kaum etwas ernst. Dazu passt auch, dass er aus Auerbachs Keller auf einem Fass hinausreitet.
Doch so mächtig, wie er meint, ist Mephisto nicht. Zwar tritt er in der „Hexenküche“ überaus selbstbewusst auf, fährt die Hexe an, warum sie ihn nicht erkenne und zerstört Teile ihrer Einrichtung, jedoch muss Mephisto zugeben, dass nur die Hexe den von ihm gewünschten Zaubertrank brauen kann. „Allein der Teufel kann´s nicht machen.“45
Als er, nach einiger Diskussion mit der Hexe, eine „unanständige Gebärde“ macht, lacht die Hexe und meint: „Das ist in Eurer Art! Ihr seid ein Schelm, wie Ihr nur immer wart!“ Der Leser erkennt auch hier, den übermütigen Charakter Mephistos. Überall ist er bekannt für seine Späße.
Passend dazu schreibt Bernhard Blume:
„Die Element des Parodistischen ist auch Goethes Drama keineswegs fremd. Dem stofflichen des Volksbuches gegenüber wahrt Goethe ironischen Abstand; er spielt auf geistreiche Art, mit den Requisiten der Sage; der Teufel, mit dem der Herr so menschlich spricht, vergisst selbst nie, dass er auf dem Theater ist, noch vergisst es sein Dichter, um mit Ausnahme der Gretchentragödie ist der ganze Faust, vom Prolog bis zum Epilog im Himmel, von der romantischen bis zur klassischen Walpurgisnacht ein erhaben – scherzhaftes Spiel mit den großen Mythen der Menschheit, von denen keiner mehr wörtlich genommen ist.“ 46
Auch Marthe, Gretchens Nachbarin, erkennt nach einer Weile, dass Mephisto sich über sie lustig macht und seine Späße mit ihr treibt. „O es beliebt dem Herrn, zu scherzen!“47
Faust hingegen hat langsam genug von Mephistos Art, denn er hat sich mittlerweile wirklich in Gretchen verliebt. Für ihn ist die Sache ernst geworden. Deshalb beschimpft Faust ihn „Du bist und bleibst ein Lügner, ein Sophiste.“48
Während der Walpurgisnacht geht alles drunter und drüber. Um sich überhaupt einen Weg durch die wirren Hexen bahnen zu können, benutzt Mephisto wieder sein Selbstbewusstsein und gibt sich als Teufel zu erkennen.
„Da werd´ ich Hausrecht brauchen müssen.
Platz! Junker Voland kommt,
Platz! süßer Pöbel, Platz!“49

3.3 Was Mephistopheles durch den Pakt mit Faust erreichen will

Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei Mephistos Versuchen an Faust´ Seele zu gelangen, um eine Wette. Nur wegen dieser, aus einer Laune heraus geschlossenen, Wette mit Gott begibt sich Mephisto überhaupt auf die Erde und tritt in Faust´ Leben. Es kommt ihm dabei wohl gar nicht so sehr auf die Seele an, sondern mehr darauf, Gott zu beweisen, dass er ihm ebenbürtig ist.
Schon im ersten Gespräch, das Mephisto mit Faust führt, spricht Faust von ganz allein einen Pakt an.
„Die Hölle selbst hat ihre Rechte?
Das find´ ich gut, da ließe sich ein Pakt,
Und sicher wohl, mit euch, ihr Herren, schließen?“50
Mephisto ist sehr zufrieden, dieses Wort von ihm zu hören. So wird es ihm leicht fallen, den Pakt mit ihm zu schließen und es wird nicht nötig sein, Faust erst umständlich zu überzeugen.
Als die beiden wenig später geklärt haben, was der Pakt beinhalten soll, ist es Mephisto sehr wichtig, den Vertrag schriftlich festzuhalten. „Nur eins! – Um Lebens oder Sterbens willen / Bitt´ ich mir ein paar Zeilen aus.“51
Nachdem Faust aber zunächst nicht bereit ist, einen Vertrag zu unterzeichnen, da er meint, sein Wort sei genug, einigen sich die beiden auf „ein Tröpfchen Blut“. Denn „Blut ist ein ganz besondrer Saft.“52
Der Autor Albert Dauer schreibt dazu umständlich, aber treffend:
„Faust fragt: `Und was soll ich dagegen dir erfüllen?` Kühl und überlegen klingt das, als prüfe er, was zu erwarten sei. Und als Mephisto ihm für die Bezahlung seiner Rechnung lange Frist in Aussicht stellt und damit auszuweichen sucht, will er die Kosten jetzt schon wissen, weil der Teufel nicht um Gottes Willen einem Menschen nützt. Denn Faust, nicht ahnend mit so leichter Wendung an des Herrn gewichtiges Wort rührend, weiß nicht, dass Gott gerade dieses will. Und nun gibt ihm Mephisto die Bedingungen für den Pakt bekannt, da hier, als klammer sich das Hauptmotiv der Sage jener alte Volksglaube vom Teufelsbund, erhielt, auf dieses Bündnis hin, das später unterschrieben wird mit Blut: ich hier, du drüben; bin ich hier in Deinem Dienste tätig, sollst du drüben mit das Gleiche tun. Jedoch dieses „Drüben“ bleibt ganz ungewiss und Schemenhaft. „Wenn wir uns drüben wieder finden“, „Wenn“ hat, nach Mephistos Sprechart tief ironisch, ungewissen Sinn, weil er sich auf die Zeit wie auf die Möglichkeit des Wiederfindens – da Mephisto ja auch seine eigene Existenz ironisiert, beziehen kann; auch wird der anscheinen doch höchstwichtige Satz nur eben hingesprochen, ohne eine Andeutung des Dienstes, der im Drüben fällig würde, und vor allem: ohne dass sich Faust auch nur für einen Augenblick bedächte, er vermöge in des Teufels Hölle „Dienst“ zu tun, in irgendeiner Form. Er schiebt vielmehr dies Drüben, das, wie vor dem Herrn im Himmel einst die Wette, ganz und gar des Teufels ist, nach dessen Plan, nach seiner Vorstellung gedacht und von ihm eingesetzt, mit einer Handbewegung von sich weg: Das Drüben kann mich wenig kümmern.“53
Wie gesagt, möchte Mephisto, dass Faust ein wildes und, seiner Meinung nach, erfülltes Leben hat. Er will das er etwas erlebt. Das ist auch der Grund, weshalb er Faust zur Walpurgisnacht mitnimmt. Dort will Mephisto ihm zeigen, wie schön Gold und materielle Dinge sein können. Doch sein Plan misslingt. Faust wird nicht von der Sucht gepackt, er sieht zwar die Schätze, die alle ihm gehören könnten, nimmt all das Gold und Silber wahr, bleibt aber unverführt.

3.4 Was Mephistopheles Faust anbietet

Im „Studierzimmer“ spricht Mephisto das erste Mal darüber, warum er überhaupt zu Faust gekommen ist und was er ihm innerhalb des Paktes anbietet. Er will für Faust da sein und im stets dienen.
„So will ich mich gern bequemen,
Dein zu sein, auf der Stelle.
Ich bin dein Geselle,
Und mach´ ich dir´s recht,
Bin ich dein Diener,
bin dein Knecht!“54
Mephisto versucht Faust´ Fragen auszuweichen, was er denn nach seinem Tode, also auf „der anderen Seite“ für ihn tun soll. Stattdessen beharrt der Teufel auf seiner Dienerschaft und sagt
„Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden,
Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn;
Wenn wir uns drüben wiederfinden,
So sollst du mir das gleiche tun.“55
Er will, dass Faust ein schönes Leben hat und möglichst viel erlebt. Dafür wird Mephisto alles in seiner Macht stehende tun.
„In diesem Sinne kannst du´s wagen.
Verbinde dich; du sollst, in diesen Tagen,
Mit Freuden meine Künste sehn,
Ich gebe dir, was noch kein Mensch gesehn.“56
Faust zählt Dinge auf, von denen er meint, dass die Menschen sie sich in seiner Situation wünschen würden. Mit Gold, Spiel, Mädchen und ähnlichen Dingen versucht er Mephisto herauszufordern. Doch dieser bleibt gelassen. „Ein solcher Auftrag schreckt mich nicht, Mit solchen Schätzen kann ich dienen.“57
Doch sobald Faust tot ist, so sagt er selbst, ist Mephisto von seinem Dienst befreit.


Mephisto hat es wenig später geschafft, und der Vertrag ist unter Dach und Fach. Sie machen sich nun, auf Mephistos Zaubermantel fliegend, auf den Weg zu Auerbachs Keller in Leipzig. Mephisto ist froh, dass er Faust nun endlich zeigen kann, was „Leben bedeutet“ und was er bis jetzt, seiner Meinung nach, verpasst hat. „Ich gratuliere dir zum neuen Lebenslauf.“58 sagt Mephisto zu Faust und versichert ihm damit, dass es von nun an, wie auch auf dem Mantel, steil bergauf geht und somit alles besser wird.
In Auerbachs Keller angekommen spricht Mephisto dies sogar deutlich aus
„Ich muss dich nun vor allen Dingen
In lustige Gesellschaft bringen,
Damit du siehst, wie leicht sich´s leben lässt.“59
Albert Dauer bringt den Pakt den die beiden abschließen, sowie die Folgen, wieder auf den Punkt:
„Doch damit schleicht er sich nicht nur von dem ihm Gewohnten, sondern auch von dem, was jeden Menschen bindet: vom Natürlichen, und fällt im ungestümen Drang, alles, was verlockt, und jeder Einbildung; die ihn mehr als jede frühere verführt: dem Wahne, er vermöge sich von dem zu lösen, was wie jedes Leben so auch seiner bewegt, verfällt auf dieser Flucht von dem Verführungen gerade dem Verführer. Ihm gesellt er sich durch seinen Fluch: durch dieses Nein zu seiner Welt, gesellt er sich dem Lügenmeister zu. An dessen Seite wird er seine Ohnmacht los, wird aber nicht den Lockungen eines Lebens ohne Sorge, ohne Hemmungen und Pflichten; und als erfahre er nun erst die ihm bisher verhüllte wahre Wirklichkeit, wie sie der Erde eigen ist, wird er sie rastlos zu durchschreiten suchen, aber immer wieder wie bisher an seine Grenzen stoßen, ins Misslingen stürzen, bis zu jenem Augenblick, wo ihm die Sorge, die er jetzt in allen ihren Formen und Gestalten fortgeflucht hat, wiedernahen wird, dann, wenn es zu der letzten Probe kommt.“60
Mephisto lässt von seiner Bekannten der Hexe einen Trank für Faust anfertigen, der ihn wieder jünger aussehen lässt. Gleichzeitig kommt er in der „Hexenküche“ zum ersten Mal mit der Liebe in Verbindung. In dem Zauberspiegel der Hexe sieht er Helena, „das Muster aller Frauen.“61 Mephisto meint, dass Faust aber von nun an, dank des Zaubertranks, in jeder Frau Helena sehen wird. Nur so, meint Mephisto, kann Faust das Leben wirklich genießen.
Es geht in Goethes Faust also schon sehr früh um Sex. Das Bild welches Faust im Zauberspiegel sieht, eine nackte Frau, wollüstig hingestreckt, soll ihn verführen. Mephisto will so die Begierde in ihm wecken. Aber auch dies klappt nicht. Faust nimmt es als die Verkörperung der Schönheit auf.
„Denn die selbsttätige Seele formt, was vor sie kommt, und macht es sich zu eigen; sie bestimmt den Sinn, nicht das, was ihr gespiegelt wird.“62
Wie gesagt, nimmt Mephisto die Dinge nicht ernst. Obwohl Faust sich nun ernsthaft in Gretchen verliebt hat, will er ihn überreden, sie zu vergessen und sich neuen Sachen zuzuwenden. „Es ist wohl gut, dass man´s einmal probiert; Dann aber wieder zu was Neuen!“63 Seit Mephisto in Faust´ Leben getreten ist, soll dieser sich wie ein Halbgott fühlen.
„Seine freigewordene selbst vom Natürlichen nicht mehr beschränkte Übermenschenmacht, durch die er das Bestehende zertrümmern und sich eine neue Welt, wie er sich wünscht, erschaffen kann, obwohl es doch nur Worte eines Maßlosen gewesen sind, die sie als weltumwälzend große Tat besingen und an die sie die blasphemische Verlockung jenes Wiederaufbaus setzen, ihrer Wirkung schon voraus gewiss.“64

4. Zusammenfassung

Wenn man sich nun intensiver mit dem Thema „Teufel“ in Goethes Faust und in Thomas Manns Doktor Faustus auseinandergesetzt hat, kann man deutlich erkennen, dass die beiden Teufel doch sehr unterschiedlich sind. Natürlich haben sie auch viele Gemeinsamkeiten, schließlich wird ja im Groben die gleiche Geschichte erzählt.
So wechseln beide öfter ihr Aussehen und sind eher sympathische Personen, obwohl sie doch eigentlich das Böse schlechthin sind.
Dennoch geht es in den Pakten um verschiedene Dinge. Während Mephisto hauptsächlich will, dass Faust ein schönes Leben hat, viele Liebschaften genießt und eben viel erlebt, darf Adrian Leverkühn gar nicht lieben.
Er will hauptsächlich an Kreativität gelangen und mit seiner musikalischen Arbeit erfolgreich sein.
Zwar werden beide Pakte mit Hilfe von Körperflüssigkeiten unterzeichnet, aber Adrian wird dadurch krank, bekommt die Syphilis. Adrian will zu durch diese Krankheit Höchstleistungen erreichen. Denn wer schon reich und auch gesund ist, würde nicht auf die Idee kommen, große Kunstwerke zu schaffen.
Bei Goethe ist es sicher, dass Mephisto wirklich da ist. Bei Mann wird nie wirklich deutlich, ob Adrian sich den Teufel nur einbildet, oder nicht. Allerdings ist das auch nicht wichtig.
So kann man also sagen, dass die beiden Figuren zwar den Teufel darstellen und dies ja auch in einer sehr ähnlichen Geschichte. Dennoch sind sie sehr unterschiedlich, sowohl vom Äußeren her, als auch vom Charakter und den Inhalten der Pakte.

Fußnoten:

1. Mann, Thomas: Doktor Faustus. Die Entstehung des Doktor Faustus. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1967. S. 297-298.
2. Ebd. S. 298.
3. Ebd. S. 304.
4. Ebd. S. 325.
5. Ebd. S. 325.
6. Ebd. S. 330.
7. Ball, David J.T.: Thomas Mann´s Recantation of Faust: Doktor Faustus in the context of Mann´s Relationship to Goethe. Stuttgart: Akademischer Verlag 1986. S. 121-148.
8. Ball, David J.T.: Thomas Mann´s Recantation of Faust: Doktor Faustus in the context of Mann´s Relationship to Goethe. Stuttgart: Akademischer Verlag 1986. S. 131.
9. Mann, Thomas: Doktor Faustus. Die Entstehung des Doktor Faustus. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1967. S. 296.
10. Ebd. S. 297.
11. Ebd. S. 298.
12. Ebd. S. 298.
13. Ebd. S. 300.
14. Ebd. S. 302.
15. Ebd. S. 311.
16. Ebd. S. 311.
17. Wiegard, Helmut: Thomas Manns Doktor Faustus als zeitgeschichtlicher Roman – Eine Studie über die historischen Dimensionen in Thomas Manns Spätwerk. Frankfurt am Main: R.G. Fischer Verlag 1982. S. 58.
18. Mann, Thomas: Doktor Faustus. Die Entstehung des Doktor Faustus. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1967. S. 305.
19. Ebd. S. 305.
20. Ebd. S. 330.
21. Ebd. S. 330.
22. Ebd. S. 303.
23. Ebd. S. 307.
24. Ebd. S. 307.
25. Ebd. S. 307.
26. Ebd. S. 324.
27. Ebd. S. 307.
28. Goethe: Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil, Urfaust. Hrsg. von Erich Trunz. München: C.H. Beck 1996. S. 45.
29. Ebd. S. 46.
30. Ebd. S. 46.
31. Ebd. S. 52.
32. Dauer, Albert: Faust und der Teufel. Heidelberg: Universitätsverlag 1950. S. 57.
33. Goethe: Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil, Urfaust. Hrsg. von Erich Trunz. München: C.H. Beck 1996. S.61.
34. Ebd. S. 80.
35. Ebd. S. 81.
36. Ebd. S. 127.
37. Goethe: Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil, Urfaust. Hrsg. von Erich Trunz. München: C.H. Beck 1996. S.17.
38. Ebd. S. 17.
39. Ebd. S. 18.
40. Ebd. S. 19.
41. Ebd. S. 47.
42. Ebd. S. 47.
43. Blume, Bernhard: Thomas Mann und Goethe. Bern: A. Francke AG Verlag 1949. S. 118.
44. Goethe: Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil, Urfaust. Hrsg. von Erich Trunz. München: C.H. Beck 1996. S. 49.
45. Ebd. S. 77.
46. Blume, Bernhard: Thomas Mann und Goethe. Bern: A. Francke AG Verlag 1949. S. 130.
47. Goethe: Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil, Urfaust. Hrsg. von Erich Trunz. München: C.H. Beck 1996. S. 96.
48. Ebd. S. 97.
49. Ebd. S. 126.
50. Ebd. S. 49.
51. Ebd. S. 57.
52. Ebd. S. 58.
53. Daur, Albert: Faust und der Teufel. Heidelberg: Universitätsverlag 1950. S. 61.
54. Goethe: Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil, Urfaust. Hrsg. von Erich Trunz. München: C.H. Beck 1996. S. 55.
55. Ebd. S. 56.
56. Ebd. S. 56.
57. Ebd. S. 56.
58. Ebd. S. 67.
59. Ebd. S. 69.
60. Dauer, Albert: Faust und der Teufel. Heidelberg: Universitätsverlag 1950. S. 59.
61. Goethe: Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil, Urfaust. Hrsg. von Erich Trunz. München: C.H. Beck 1996. S. 84.
62. Dauer, Albert: Faust und der Teufel. Heidelberg: Universitätsverlag 1950. S. 80.
63. Goethe: Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil, Urfaust. Hrsg. von Erich Trunz. München: C.H. Beck 1996. S. 104.
64. Dauer, Albert: Faust und der Teufel. Heidelberg: Universitätsverlag 1950. S. 60.