Hausarbeit zum Thema Francesco Petrarca

Francesco Petrarca und „seine“ Laura – Der Dichter und die Muse

Inhalt:

  • 1. Einleitung
  • 2. (Angebliche) Fakten über Laura
  • 3. In vita di Madonna Laura
  • 4. In morte di Madonna Laura
  • 5. Das Verhältnis Petrarcas zu seiner geliebten Laura
  • 6. Fazit

1. Einleitung

Francesco Petrarca ist wohl einer der bekanntesten italienischen Dichter und Geschichtsschreiber. Er lebte vom 20. Juli 1304 bis zum 18. Juli 1374. Sein berühmtestes Werk ist der „Canzoniere“, ein Gedichtzyklus von 366 Gedichten, darunter 317 Sonette. Diese 317 Sonette richten sich hauptsächlich an Laura, eine Frau, der Petrarca angeblich am 6. April 1327 zum ersten Mal begegnet ist. Ob es diese Laura überhaupt gab, oder ob sie nur eine von Petrarca „erfundene“ Figur ist, ist in der Forschung umstritten. Höchstwahrscheinlich ist Laura jedoch keine reale Person, sondern nur eine Quelle der dichterischen Inspiration. Fakt ist allerdings, dass Francesco Petrarca Laura sein Leben lang verehrte und einen Großteil seiner Arbeit allein ihr widmete.


Francesco Petrarca gilt als Mitbegründer des Humanismus. Sein Ziel war es, die Antike als Ganzes wiederzubeleben.
In dieser Hausarbeit soll nun die Figur der Laura genau untersucht werden. Im 2. Kapitel soll geklärt werden, in welcher Form Laura in Petrarcas Dichtungen vorkommt und wer sie gewesen sein könnte, falls sie doch eine reale Person war, sowie wann und unter welchen Umständen Petrarca Laura zum ersten Mal begegnet sein will .
Das dritte Kapitel widmet sich Laura zu ihren „Lebzeiten“. Es soll analysiert werden, wie Petrarca seine Geliebte beschreibt. Im vierten Kapitel, das sich mit Laura nach ihrem Tode befasst, wird untersucht, wie der Dichter Laura dann beschreibt.
Anschließend soll geklärt werden, wie sich Petrarca selber zu Laura verhält. Was von Laura steckt in ihm selbst? Leidet er unter der unerfüllten Liebe oder macht ihn der Erfolg glücklich?
Zum Abschluss wird dann noch ein kurzes Fazit gezogen werden.

2. (Angebliche) Fakten über Laura

Francesco Petrarca will „seiner“ Laura zum ersten Mal an einem Karfreitag, dem 6. April 1327, begegnet sein. Tatsächlich war der 6. April 1327 aber ein Ostermontag. Er sah eine verheiratete Frau, der er den Namen Laura gab. Wer diese Laura war, darüber sind sich die Forscher nicht einig. Die meisten sind zwar der Meinung, dass es Petrarcas Laura nicht wirklich gab, jedoch könnte ein reales Vorbild für diese Figur existiert haben.
Giacomo Colonna, ein Freund Petrarcas, hielt Laura für eine vollständige Erfindung. Doch Francesco Petrarca widersprach ihm und behauptete, dass es sie wirklich gäbe.
Möglicherweise verbirgt sich hinter dem Namen Laura „Laura de Sade“, die eine Vorfahrin des Marquis de Sade war. Diese Laura war die Ehefrau von Ugo de Sade und hatte elf Kinder mit ihm. Die beiden sollen im Jahre 1325 geheiratet haben.
Der gesamte Canzoniere ist ein in sich abgestimmtes Werk. Auch die zahlenkomponistischen Anlagen zeigen, dass Petrarca nichts dem Zufall überlassen hat. Die 366 Gedichte im Canzoniere stehen für Tage in einem Jahr. Im Jahr 1348 soll Laura gestorben sein. Da dies ein Schaltjahr war, könnte sich die Anzahl der Gedichte auf die Jahrestage beziehen.
Die Zahlen, die laut Petrarca mit der Begegnung und dem Leben Lauras zu tun haben, besitzen besonders seit den Kirchenvätern einen christlichen Symbolwert. Am 6. April soll Adam erschaffen worden sein. Und am 6. April soll Jesus Christus gestorben sein. Zwischen dem ersten Treffen von Laura und Francesco Petrarca im Jahre 1327 und Lauras Tod im Jahre 1348 liegen 21 Jahre. 21 ist drei mal sieben und auch die sieben ist eine Zahl, die in der christlichen Lehre viele Bedeutungen hat.
Die gängige italienische Liebeslyrik, die zu Petrarcas Zeiten aktuell war, stellte Frauen meist als idealisierte, abstrakte und engelhafte Figuren dar. Petrarca hingegen schuf etwas Neues, sozusagen einen eigenen, neuen Stil der Liebeslyrik. Die von ihm beschriebene Laura ist nicht in kosmische Fernen entrückt, sie ist eine reale Frau und ein eigenes Individuum. Obwohl es Laura, wie bereits erläutert, nicht wirklich gegeben hat, gibt der Dichter ihr ein unverwechselbares Äußeres und eine eigene Persönlichkeit. Dies wird zum Beispiel im 200. Gedicht deutlich.
“(…) li occhi sereni et le stellanti ciglia
la bella bocca angelica, di perle
piena et di rose et di dolci parole
che fanno altrui tremar di meraviglia
et la fronte, et le chiome, ch´a vederle
di state, amezzo di, vincono il sole.”

Laura bewegt sich im täglichen Leben des Dichters. Sie begegnet dem lyrischen Ich immer wieder. Dies wird im 23. Gedicht besonders deutlich, in dem Laura in einem Fluss badet und dem lyrischen Ich, das sie heimlich beobachtet, Wasser ins Gesicht spritzt.

“(…) stetti a mirala: ond´ ella ebbe vergogna
et per farne vendetta, o per celarse
l`acqua nel visco co le man mi sparse (…)”

So kann sich auch der Leser Laura als reale Person vorstellen. Der Leser nimmt Teil an der Liebe des lyrischen Ichs.
Manche Forscher sprechen von einem regelrechten „Laura-System“. Besonders der Name Laura an sich und der spielerische Umgang mit diesem Namen ist hiermit gemeint. Nur ein einziges Mal kommt der Name „Laura“ im Conzoniere in seiner eigentlichen Form vor. Allerdings kann der Leser zahlreiche Anspielungen auf den Namen entdecken. Zum Beispiel entsteht durch geschickte Artikelsetzung l´aura. Ebenso werden oft ähnliche Worte wie l´auro oder aureo verwendet. Diese Parechesen oder Paronomasien lassen ein Netz von Beziehungen und Assoziationsmöglichkeiten entstehen. Diese verweisen auf verschiedene Motive. Durch diese rhetorische Figur erreicht Petrarca, dass in jedem einzelnen lautähnlichen Wort automatisch auch alle anderen Assoziationen mitgedacht werden. Sie erscheinen dem Leser sogar wie eine natürliche Einheit.
Am häufigsten benutzt Petrarca von all diesen Anspielungen dabei das Wort Lauro, was so viel wie „Lorbeer“ bedeutet. Das Symbol der Lorbeere wird dem Musengott Apollon zugeschrieben. Apollon wacht über die Dichter und sorgt für Erfolg und Ruhm des Künstlers. Die Lorbeere ist außerdem ein Symbol für Unsterblichkeit, denn sie ist eine immergrüne Pflanze die, so sagt man, nicht vom Blitz getroffen werden kann. Vor allem im 23. Kanzone spricht Petrarca von der Lorbeere und spielt damit auf seinen eigenen Dichterruhm und vor allem auch die Unsterblichkeit dieses Ruhmes an. Somit erreicht Petrarca gleich zwei Dinge mit dem Wort Lauro. Einerseits spielt er auf seine ruhmreiche und unsterbliche Dichterkunst an, andererseits auch wieder auf seine geliebte Laura, für die er ja dichtet und der er somit auch den Ruhm verdankt.
Die meisten Petrarca-Forscher sind sich einig, dass er den Namen also aus rein praktischen Gründen absichtlich gewählt hat, um solche „Wortspielereien“ durchführen zu können.
Petrarca benutzt oft das Wort „Lorbeer“ und, wie beiläufig, auch den damit verbundenen Gott Apollon. Die Kette kann so noch weiter geführt werden, denn in Ovids Metamorphosen wird ausführlich geschildert, wie sich Apollon leidenschaftlich in Daphne verliebt. Daphne wiederum flieht vor Apollon und wird in einen Lorbeerbaum verwandelt, damit sie aus ihrer Not erlöst wird. Im Mittelalter wurde dadurch in die Figur der Daphne und in den Lorbeerbaum eine Allegorie für die Keuschheit hineingedeutet.
Allerdings wird dieser Mythos bei Petrarca anders behandelt, ja fast ins Gegenteil verkehrt. Daphne wird in einen Lorbeerbaum verwandelt und kann so Apollon entgehen. Bei Petrarca aber ist Laura eigentlich von Beginn an ungefährdet. Sie entkommt dem leidenschaftlich in Liebe zu ihr entbranntem lyrischen Ich mühelos, denn sie ist das reine und der Liebe abgeneigte Geschöpf. Das lyrische Ich hingegen verwandelt sich dann in den Lorbeer, da es von seinem Begehren nach Laura gejagt wird. Nun ist der eigentliche Jäger der Gejagte, das Ich kann sich nicht gegen seine Leidenschaft wehren und empfindet seine Verwandlung in einen Lorbeerbaum als Erlösung.
Laura allerdings wird so nicht mehr zur aktiven Figur. Sie ist eine Gejagte, eine Fliehende, so lange das lyrische Ich sich noch nicht beherrschen kann. Wenn die Leidenschaft, der Affekt, beim lyrischen Ich über den Verstand siegen würde, würde Laura zum Lorbeerbaum werden. Petrarca schafft dabei seinen eigenen Mythos. Denn durch ihre Verweigerung macht Laura ihn erst zum Dichter. Auch Apollon wurde erst durch Daphnes Verweigerung zum Dichter, so wie Petrarca hier auch.
Nicht nur Lauro wird von Petrarca oft als Assoziation mit Laura benutzt. Um an den Sonnengott und an die aufgehende Sonne zu erinnern, nennt er oft das Wort „L´aurora“. Vom Klang ist auch hier eine deutliche Ähnlichkeit zum Namen der Geliebten zu erkennen.
Petrarca erinnert auch an den Frühling. Im übertragenen Sinne steht „ l `aura soave“ für den Frühling, womit Laura zu einem Symbolnamen für diese Jahreszeit wird, die ja in der Regel auch mit einer Zeit der erwachenden Liebe in Verbindung gebracht wird.
Dabei sollte man diese „Wortspielereien“ nicht nur als Selbstzeugnis für das dichterische Vermögen Petrarcas ansehen. Bei ihm scheint ein Wort eine höhere Bedeutung zu haben, wenn es zahlreiche Analogien hat. In Petrarcas Dichtung hängt alles miteinander zusammen. Die einzelnen Gedichte haben mehrere Deutungsebenen, da er stets viele Assoziationsmöglichkeiten aufwirft. Es macht fast den Eindruck, als wäre ein unsichtbares Band zwischen der Liebe, Laura, der Natur und Petrarca selbst geknüpft.
Gerhard Regn schreibt dazu:
„Dass das Dichten insgeheim Ziel dieser leidträchtigen Liebe ist, dies gibt Petrarca in seinem `Secretum` an einer Stelle unmissverständlich zu erkennen. Dort nämlich heißt es, dass die Liebe zu Laura gerade auch die Liebe zu einem Namen gewesen sei. Wortliebe also. Und in der Tat: Der Kult, den Petrarca um den Namen seiner Dame entspinnt, er wirkt nicht selten wie das verborgene poetische Zentrum dieser Lyrik. Kaum je direkt ausgesprochen, ist der Name der Geliebten doch allgegenwärtig.“1
Petrarca behauptet, dass seine erste Begegnung mit Laura an einem Karfreitag stattgefunden hat. Dieser Tag ist auch der des Mordes an Jesus Christus und wird so zum Tage eines erneuten Sündenfalls.
Immer wieder zieht Petrarca Parallelen zwischen seiner Laura und Jesus. Besonders im vierten Gedicht wird dies deutlich, wenn er Laura als eine Sonne bezeichnet, die in einem kleinen Ort geboren wurde. „(…) ed or di piccolo borgo un sol n´á dato”.
So wie Jesus, der in einem unbedeutenden Stall auf die Welt kam und doch zum Erlöser wurde, hat auch Laura in einem kleinen, unwichtigen Ort das Licht der Welt erblickt. Sowohl Jesus als auch Laura wird Vollkommenheit zugeschrieben. Im vierten Gedicht wird dies in dem Symbol der Sonne zum Ausdruck gebracht. Wenn Laura durch Petrarca in solche Zusammenhänge gebracht wird, wird sie fast selbst zu einer göttlichen Figur.
Die Figur der Laura ist eher ambivalent. Einerseits ist sie die Quelle des Leidens für das lyrische Ich, andererseits ist sie durch ihre eiserne Tugend auch eine Art Heilsbringerin. Sie könnte also auch als Erlöserin, die das lyrische Ich rettet, angesehen werden.
Da Laura gleichzeitig verführt und rettet, hat sie eine doppelt angelegte Identität. Diese kommt durch die Vorstellung und Hoffnung, dass das lyrische Ich diese Aufgaben zu einer Art „Bewährung“ nutzt und auf diese Weise gerettet wird. Sein Begehren könnte man als sündhaft einstufen. Deshalb trägt das lyrische Ich die Strafe und die irdische Qual schon in sich. Allerdings hat es immer noch die Chance, geheilt zu werden.
Im 362. Gedicht des Canzoniere erscheint Laura wie die Jungfrau Maria. Sie erscheint dem lyrischen Ich im Traum, um ihn zu Gott zu führen. Denn so wie sich das lyrische Ich sein Glück vorstellt, ist es auf der Erde nicht mehr zu finden, es muss deshalb zu Gott gehen.
Im letzten Kanzone beschreibt Petrarca das Bild der Maria, die das Tor zur Erlösung markiert. Die Thematik der ersten Sonette kehrt im letzten wieder. So bildet sich eine Kreisstruktur. Das lyrische Ich hofft auf die endgültige Erlösung und auf eine Lösung der eigenen Seelenkonflikte.
Laura wird, wie bereits erwähnt, als individuelle Frau beschrieben. Doch trotzdem lässt Petrarca einige Dinge offen. Vielleicht will er damit die Phantasie des Lesers anregen, da er Platz für die eigenen Vorstellungskraft lässt.
„Verdi panni, sanguigni, oscuri o persi
non vesti donna unquancho
né d´or capelli in bionda treccia attorse (…)”
Petrarca begeht Laura unendlich, doch sie gibt dem nicht nach.
„Gäbe die Dame diesem Begehren nach, ginge sie ihrer Idealität verlustig und damit der Eigenschaft, die sich zu allererst der Liebe würdig macht. So versagt sie sich dem Liebenden; sie wird ihm zur unnahbaren Herrin und in ihrer Unabhängigkeit eben zum Quell des Leidens.“2
Laura ist also nicht dumm. Sie weiß, dass sie dem Liebenden auf keinen Fall nachgeben darf, da sie sonst ihren „Zauber“ verlieren würde.

3. In vita di Madonna Laura

Der erste Abschnitt des Canzoniere, „In vita di Madonna Laura“ handelt von der Geliebten zu ihren Lebzeiten. In diesem Teil idolisiert der Autor seinen Schmerz über die Unerreichbarkeit der Geliebten und das damit verbundene Leiden. Der Canzoniere umfasst vier unterschiedliche Phasen, die aber ineinander übergehen. Zunächst die glückliche Phase der ersten Begegnung mit Laura, darauf folgt Zweifel, ob Laura die Liebe des lyrischen Ichs auch erwidert. In der dritten Phase hat das lyrische Ich die Gewissheit ihrer seelischen Liebe erreicht. Zum Abschluss, in der vierten Phase, wird Laura nach ihrem Tode verherrlicht und über den Verlust geklagt.
Wie erwähnt, beschreibt Petrarca, bzw. das lyrische Ich, die Geliebte für die damaligen Verhältnisse ziemlich genau. „Das im Wind-wehende Haar ist, wie es die Tradition will, von leuchtendem Blond.“3
Die Liebe zu Laura beherrscht das lyrische Ich 31 Jahre lang. Da Laura jedoch zuvor verstorben sein soll, geht diese Liebe sogar noch zehn Jahre über ihren Tod hinaus.
„Im Gedicht Nr. L etwa erfahren wir, dass Amor über die Liebenden nun schon fast 10 Jahre herrscht, in Nr. LXII sind es 11, in Nr. LXXIX 14, in Nr. CXVIII 16, in Nr. CXXII 17, in Nr. CCXXI 20 Jahre usw. Das vorletzte Sonett des Zyklus (Nr. CCCLXIV) schließlich umgrenzt die Gesamtdauer der Laura-Liebe: Diese Liebe habe sich über 31 Jahre erstreckt, und das heißt 10 Jahre über den Tod der Herrin hinaus.“4
Bevor Laura stirbt, spricht das lyrische Ich von Todes-Visionen.
„Struktureller Angelpunkt des äußeren Geschehens ist Lauras Tod. Dieses Ereignis bereitet Petrarca zwar diskret, aber doch konsequent vor. In Gedicht XXXIII wird eine erste Vision vom baldigen Ableben Lauras zwar noch von deren Traumbild selbst dementiert: Das Todesthema aber ist schon angeschlagen; Nr. XCI greift es erneut auf, denn es handelt vom Tod der Dame des Bruders Gherado; in Nr. CLXXXIV erfüllt dann eine Krankheit Lauras den Liebenden mit schlimmen Befürchtungen; in Nr. CCXLVI bedenkt er, was wäre, wenn Laura vor ihm stürbe; Nr. CCXLVII erörtert er mit Blick auf Laura, dass dem Schönen und Guten auf Erden gewöhnlich keine lange Verweildauer beschieden sei; und mit dem nächsten Gedicht, mit Nr. CCXLIX schließlich hebt eine ganze Serie von Sonetten an, in denen meist in Form von Traumgesichten, Todesahnungen aufsteigen, die nun nicht mehr, wie die mit Gedicht Nr. XXXIII dementiert werden, sondern die mit Gedicht Nr. CCLXVII ihre Bestätigung erfahren: Mit `Ach sanfter Blick du, ach ihr schönen Wangen` hebt das Dichten auf die Verstorbene an, ein Dichten, in dem flüchtige, aber trostreiche Traumerscheinungen, inständige Hoffnungen auf ein Wiedersehen im Jenseits, elegische Einsicht in die Hinfälligkeit alles Irdischen.“5
Nicht nur das blonde Haar Lauras wird beschrieben, auch die Augen sollen strahlen und geradezu leuchten. „ché i be´ vostr´occhi, donna, mi legaro”6, schreibt Petrarca in Gedicht III.
Die Augen werden später auch als “süß” bezeichnet. „de´ be´ vostr´ occhi il dolce lume adombra. (Der Augen süßes Licht mir will umschatten.)“7
Immer wieder betont der Dichter die Schönheit der Geliebten. „onde si bella donna al mondo nacque“,8 sagt das lyrische Ich im vierten Gedicht über Laura.
Ihre Haare sollen nicht nur blond, sondern auch lockig sein. Hinzu kommt ihr oft erwähntes, schönes Gesicht. „e ´l suo parlare, e ´l bel viso, et le chiome.”9 Schreibt er in Gedicht XXX.
Weiter heißt es „Non fur giá mai veduti si begli occhi (…) ch´a i rami di diamante, et d´or le chiome.”10
Doch obwohl Laura zunächst im ersten Teil des Canzoniere noch am Leben ist, leidet das lyrische Ich stark. Es bezeichnet Laura als bittere Frucht. „sol per venir al lauro onde si coglie / acerbo frutto, che le piaghe altrui / gustando afflige piu che non conforta.”11
Der Dichter leidet, doch dies ist Fluch und Segen zugleich. Nur durch sein Leiden kann er dichten, hat er Erfolg. Er erreicht also auf eine Art sein Ziel: ein erfolgreicher Dichter zu sein. Doch dabei ist er nicht glücklich.
Das lyrische Ich ist „von Sehnsucht aufgezehrt“ und ständig in tiefe Gedanken versunken. „Mentr´io portava i be´ pensier´ celati / ch´anno la mente desiando morta”12
Auch nach sieben Jahren Bekanntschaft mit Laura ist das lyrische Ich am Boden zerstört. Tief in sich gesunken läuft es seufzend von „Ufer zu Ufer“. „che s´al contar non erro, oggi á sett´anni / Che sospirando vo di riva in riva”.13
In Kanzon LII beobachtet das lyrische Ich die Geliebte nackt badend.
„Non al suo amante piú Diana piacque / quando per tal ventura tutta ignuda / la vide in mezzo de le gelide acque / ch´a me la pastorella alpestra et cruda / posta a bagnar un leggiadretto velo / ch´a l´aura il vago et biondo capel chiuda, / tal che mi fece, or quand´egli arde ´l cielo / tutto tremar d´un amoroso gielo.”14
Doch dies scheint ein „Highlight“ für das lyrische Ich zu sein. Diese Szene stimmt ihn ganz und gar nicht traurig. Auch wenn ihm ein „Liebesfrösteln durch Mark und Bein“ zieht, bedeutet das doch eher etwas Positives. Denn ein „Frösteln“ ist ein angenehmer Schauer, der einem über den Rücken läuft. Ihm ist nicht kalt, sondern wohlig. Das ist schließlich mehr als verständlich. Nach sieben Jahren, die das lyrische Ich nun in Laura verliebt ist, sieht es sie nackt baden. Selbstverständlich empfindet es dies als schön.


Einige Kanzone später, im elften Jahr der Liebe zu Laura, sieht die Welt für das lyrische Ich schon wieder etwas anders aus. „Or volge, Signor mio, l´undecimo anno / ch´i fui sommesso al dispietato giogo / che sopra i piú sogetti è piú feroce. / Miserere del mio non degno affano; reduci i pensier vaghi a miglior luogo; / ramenta lor come oggi fusti in croce.”15
Von “hartem Joch” ist die Rede, von “unverschuldetem Leiden”. Das lyrische Ich meint also, unverschuldet in diese Situation gekommen zu sein. Als wäre es einfach sein Schicksal, das „harte Joch“. Natürlich könnte man, ganz nach dem alten Sprichwort, sagen: „Wo die Liebe hinfällt“. Man kann sich nicht aussuchen, in wen man sich verliebt. Jedoch sind 31 Jahre eine so lange Zeit, in dieser Zeit sollte irgendwann der Verstand über das Herz siegen. Man könnte fast sagen, dass das lyrische Ich sein „Leben“ vergeudet hat, in dem es seiner Laura 31 Jahre unglücklich „hinterhergelaufen“ ist.
Das lyrische Ich bezeichnet Laura als „Engel“. Für ihn ist sie wohl eine Art „göttliches Wesen“. „Non era l´andar suo cosa mortale, / ma d´angelica forma; et le parole / sonavan altro, che pur voce humana. / Uno spirto celeste, un vivo sole / fu quel ch´i´ vidi; et se non fosse or tale, / piagha per allentar d´arco non sana.”16
Ein Engel ist eigentlich ein „gutes“ Wesen, jemand der nichts Böses im Sinn hat und „Heil“ über die Menschen bringt. Deshalb kann Laura eigentlich nicht als Engel bezeichnet werden. Jedenfalls nicht ganz. Denn hier geht es wieder um die ambivalente Rolle, die Laura einnimmt. Sie macht den Dichter unglücklich, weil er in sie verliebt ist, sie aber nicht erreichen kann. Und sie verhilft dem Dichter zu Ruhm, was ihn wiederum glücklich macht.
Auch Laura macht eine Entwicklung durch. In Kanzon CXXVII schreibt Petrarca, wie sie sich vom „Mägdlein“ zum „hohen Weib entfaltet“ hat. „la bella giovenetta, ch´ora è donna; / poi che sormonta riscaldando il sole, / parmi qual esser sóle”. 17
Passend dazu beschreibt das lyrische Ich seine Geliebte als eine „Knospe, von den Jahren aufgeblüht.“18
Es beschreibt Laura auch als „jungfräulich“. „allor allor da vergine man colte“19 Dies ist wohl eine hohe Ehre für die junge Frau. Allerdings würde dies der Vermutung widersprechen, dass die Figur der Laura an „Laura de Sade“ anlehnt, die ja verheiratet war und somit bestimmt keine Jungfrau mehr war. Möglicherweise verhält es sich aber hier mit dem Wort „Jungfrau“ ähnlich wie mit der unglücklichen Übersetzung der „Jungfrau Maria“ in der Bibel, und der Dichter hatte einfach eine „junge Frau“ im Kopf.

4. In morte di Madonna Laura

In Kanzon CCLXVII stirbt Laura, beziehungsweise wird von ihr ab diesem Zeitpunkt als Tote gesprochen. Erneut spricht das lyrische Ich von der Schönheit der Geliebten. In Kanzon CLIX heißt es: „ quel bel viso leggiadro, in ch´ ella volse / mostrar qua giú quanto lassú potea?”20
Auch noch im Tode scheint Lauras Schönheit präsent zu sein. Ihre Schönheit ist nicht vergänglich. „e ´l bel viso veder, ch´altri m´asconde / che sdegno o gelosia celato tiemme; / et le chiome or avolte in perle e ´n gemme, / allora sciolte, et sovra ór terso bionde“21
So sehr das lyrische Ich auch leidet, es kann nicht aufhören vom guten Aussehen der Geliebten zu reden, zu träumen und zu schreiben. Laura ist für ihn die schönste Frau der Welt. „chi vide al mondo mai sí dolci spoglie?”22
Immer häufiger ist nach ihrem Tode auch von Lauras Händen und Füßen die Rede. „Basciale ´l piede, o la man bella et bianca;“23
Laura ist fast noch schöner als im Leben. Und das, obwohl sie sämtlichen Schmuck abgelegt haben soll. „Deposta avea l´usata leggiadria, / le perle et le ghirlande e i panni allegri, / e `l riso e ´l canto e ´l parlar dolce humano”24
Laura ist ohne jeden „Schnickschnack“. Sie ist ganz sie selbst, ohne Perlen, Spangen oder schöne Kleidung. Und doch ist und bleibt sie selbst eine Schönheit für das lyrische Ich.
Dies bringt Petrarca in Kanzon CCLXIII noch einmal auf den Punkt. „L´alta beltá ch´al mondo non á pare / noia t`è, se non quanto il bel thesoro / di castilá par ch´ella adorni et fregi.”25
Auch Anspielungen auf den Namen Laura, wie „Lorbeere“, bleiben nach dem Tod der Geliebten ein fester Bestandteil des Canzonieres. „Rotta é l´alta colonna e ´l verde lauro”26, heißt es in Kanzon CCLXIX.
Von „Auroren” ist in Kanzon CCXCI die Rede. „Quand`io veggio dal ciel scender l´aurora”.27 Weiter spricht das lyrische Ich davon, dass seine Laura jetzt im Himmel ist. „et dico sospirando: Ivi è Laura ora”.28 Eine „Spur nach oben” soll Laura in den Himmel ziehen. „Lei non trov`io: ma suoi santi vestigi”.29 Laura soll nun dort sein, wo sich „die Seelen in Gott versenken.” „ove nel suo factor l´alma s´interna;”30
Im Kanzon CCLXVII beschreibt Petraca zum ersten Mal die nicht mehr lebende Geliebte. „Sonett, das erstmals das Ereignis von Lauras Tod verzeichnet und das dem Anlass entsprechend ein Klagegedicht im (ansonsten meiste gemiedenen) hochpathetischen Stilregister angelegt ist.“31
Das lyrische Ich steigert sich nach Lauras Tod sogar noch mehr in seine Liebe hinein. „Erst nach ihrem Tod kann Laura in der Imagination des lyrischen Ichs mehr und mehr zur Herrin werden, die sich dem Liebenden mitleidsvoll zuwendet und in innige Nähe zu ihm tritt.“32
Andererseits ist Lauras Tod vielleicht auch eine Art Befreiung für den Dichter. Jennifer Petrie schreibt: „It´s Lauras death, in fact, which breaks the deadlock, bringing about a gloomy freedom.“33
Obwohl die Geliebte eine Quelle der Inspiration für Petrarca war, seine Muse, hat es auch Vorteile für ihn, dass Laura nicht mehr lebt. Denn erreichen konnte er sie nie. Er kam nie „wirklich“ mit ihr zusammen. Alles geschah nur „in seinem Kopf“. Und obwohl ihm das als Dichter auch viel Ruhm, Ehre und Erfolg eingebracht hat, war er doch unglücklich, da er Laura nicht erreichen konnte. Nun kann ihr Tod eine Befreiung für ihn sein, in dem er jetzt gar nicht mehr versuchen muss, sie zu erreichen. Es ist jetzt natürlich noch unmöglicher als zuvor. Es gibt sie nicht mehr. Das lyrische Ich ist traurig, es leidet immer noch, nur auf eine andere Art. Aber es kann nun vielleicht ein wenig „entspannter“ sein. Denn die Inspiration ist immer noch da, Laura und seine Trauer um sie kann ihn immer noch zum Schreiben motivieren, ihm Ideen „einflößen“. Aber in seinem „echten“ Leben, dem „Leben“, das nicht nur auf dem Papier stattfindet, kann sich der Dichter „entspannen“. Er muss nicht mehr jemandem „hinterherlaufen“, den er doch nicht bekommen kann. Petrie schreibt weiter:
„Né dal tuo giogo, Amor, l´alma si parte, /
Ma dal suo mal: con che studio tu ´l sai; / non a caso è vertute; anzi è bell´arte. These lines suggest that though he is not free from love, he is now morally free; love does not impede virtue, which nervertheless remains difficult.”34
Weiter schreibt sie dazu:
„ché vo cangiando ´l pelo, /
né cangiar posso l´ostinata voglia: /
cosí in tutto mi spoglia/
di libertá questo crudel ch´i accuso.
This canzone gives a certain ambigous flavour to the end of the Canzoniere. The six poems which follow provide a religious conclusion, and the last three are unmistakably penitential in tone. From one point of view, the poet is now free, and Laura, dead and in heaven, has helped to bring about his freedom; a certain continuity may be seen between the figure of Laura and that of the Virgin in the final canzone. On the other hand, the last three poems seem to involve a complete repudiation of the experience of love. Even after Laura´s death, the `dieci altri anni piangendo` seem to be seen as so much futility.”35
Laut Renate Förster empfindet das lyrische Ich seine Liebe zu Laura als „Sünde“, was auch mit Jennifer Petries Thesen übereinstimmt.
„Trotzdem ist sie nicht das engelhafte Wesen, das wir aus dem `stil novo` kennen, sondern eine wirkliche Frau, deren irdische Schönheit er besingt und die er nicht nur liebt und verehrt, sondern auch begehrt, so das ihm – wie er in seinem Brief an die Nachwelt erwähnt – seine Leidenschaft für Laura als Sünde erscheint. Während die angebeteten Frauen der Stilnovisten vor ewiger Jugend sind, altert Laura zusammen mit dem Dichter und wird schließlich vom Tode dahingerafft. `Sie ist noch keine Einzelpersönlichkeit`, wie De Sanctis sagt, `in ihr verkörpert sich nur erst die Gattung, keine bestimmte Frau, sondern die Frau schlechthin.`“36
Weiter schreibt Förster, dass sich der Dichter in seiner Entwicklung auch von seiner sinnlichen Liebe zu lösen beginnt, weil eben diese als sündhaft empfunden wird.
„Wenn trotzdem eine fortschreitende Entwicklung stattfindet, so liegt das an der Einstellung des Liebenden, der sich allmählich von seiner sinnlichen Liebe zu lösen beginnt, weil diese aufgrund seiner christlichen Einstellung für ihn sündhaft ist. Nach langen inneren Kämpfen geling ihm dies, wofür der zweite Teil des Canzoniere, welcher der toten Laura gewidmet ist, beredtes Zeugnis ablegt.“37
Petrarca ist es gar nicht wirklich um seine Laura gegangen. Er war „verliebt in die Liebe“, wie ein altes Sprichwort sagt. Eigentlich hätte es jede Frau treffen können. Dass „Laura“ die Auserwählte ist, ist fast nur ein Zufall. Wobei man an dieser Stelle natürlich bedenken muss, dass Petrarca Laura zwar so darstellt, als gäbe es sie wirklich, doch eigentlich entspringt sie nur seiner Phantasie, vielleicht seinem Wunschdenken.
„Dies zeigt sich besonders im zweiten Teil des Canzoniere, welcher der toten Laura gewidmet ist, denn über allem liegt – wie ein Schleier – die Trauer des Liebenden, der die ´wahre Liebe´ – eine Verbindung von körperlicher und geistiger Liebe – im Leben nicht gefunden hat und deshalb überzeugt ist, dass sie nur im überirdischen Bereich zu finden ist. Petrarca besingt zwar die körperliche Vollkommenheit seiner Laura, der Idealgestalt einer Frau, doch ist sie nur der Anlass. Der wahre Grund ist die Huldigung auf das Mysterium der Liebe, die Verherrlichung eines Gefühls, das so unvergleichlich ist, dass es dem Alltag entrückt werden muss. Daher verehrt er die geliebte Frau, seine Herrin, nur aus der Ferne; er verklärt sie, weil er befürchtet, das sie sonst zu menschlich-vollkommene Züge annehmen könnte.“38

5. Das Verhältnis Petrarcas zu seiner geliebten Laura

Wie schon erwähnt, hat Laura Petrarca sehr beeinflusst. Dabei spielt es im Grunde keine Rolle, ob es Laura nun wirklich gegeben hat, oder (sehr wahrscheinlich) dass sie nur ein Produkt seiner Phantasie ist. Petrarca litt unter der unerfüllten Liebe. Doch dieses Leid brachte ihm auch Ruhm, Ehre und Erfolg, so wie er es wollte. Es entsteht eine sogenannte „Schmerzliebe“.
„Aus diesem Kontrastschema hat Petrarca sogar ein ganzes Sonett (Nr. 134) heraus entwickelt. In diesem wird das ganze Ausmaß dieser gewollte Schmerzliebe sichtbar. Es geht um die Liebe und das gleichzeitige Aufgeben des eigenen Ichs, es geht um die Kenntnis des Schmerzes und der Liebe, aber doch nicht müde zu werden und es geht darum, Hoffnung zu haben und die Gewissheit, dass dieses Hoffen vergebens ist. Mit diesen Gegensätzen und der dahinter liegenden Thematik entwickelt Petrarca eine Art Dialektik des Schmerzes. Das ist insofern ungewöhnlich für seine Zeit, da die antike Dichtung die Liebe als eine Art Krankheit ansah, die es unbedingt zu heilen galt. (…) Aber das Ich der Laura-Liebe sucht gar keine Heilung.“ 39
Petrarca fühlt sich also eigentlich ganz wohl in seiner Haut. Seine Gefühle sind schon ambivalent, da er zwar leidet, aber andererseits das Leid auch genießt. Doch vermutlich könnte er ohne den Schmerz, ohne das Leiden nicht leben. Er braucht es, um sich, so widersprüchlich das auch klingen mag, wohl zu fühlen.
„Die Lauraliebe ist hauptsächlich Schmerzliebe. Deren hervorstechendstes Merkmal wiederum ist, dass der Liebende sich willfährig seinem Leid überlässt, und zwar bis hin zur lustvollen Zustimmung zu den ärgsten Qualen. Der Leidgenuss beinhaltet vor allem auch ein Auskosten der inneren Unruhe, die den Liebenden erfüllt.“40
Das lyrische Ich ist hin- und hergerissen zwischen Hoffen und Bangen. Es hofft, Laura doch noch für sich zu gewinnen können, bangt aber andererseits auch (berechtigt) darum, dass dieses nie geschehen wird.
„Diese Unruhe ist reich an Schattierungen. Sie resultiert etwa – nur um einiges Wenige zu benennen – aus der unauflöslichen Verschränkung von Hoffen und Bangen, (…)“41
Doch wie bereits erwähnt, leidet der Dichter zwar, zieht aber auch neue Energie aus dem Leid. Nur so kann er überhaupt weitermachen.
„Unermüdlich thematisiert er, wie die melancholische Laura-Liebe in ihm das dichterische Vermögen geweckt und beflügelt habe. Dass das Dichten insgeheim Ziel dieser leidträchtigen Liebe ist, dies gibt Petrarca in seinem `Secretum` an einer Stelle recht unmissverständlich zu erkennen.“42
In eben diesem „Secretum“ gibt Petrarca zu, dass seine unendliche Liebe zu Laura eigentlich nur die Liebe zu einem Namen war, sozusagen „Wortliebe“. Petrarca wollte sich durch seine Dichtung unsterblich machen, dafür wird Laura von ihm nur benutzt.
„Wie schon im `Secretum` meldet sich im `Canzoniere` ein säkularisiertes Unsterblichkeitsstreben zu Wort und überlagert in konfliktträchtiger Weise jene religiös fundierte Ewigkeitshoffnung, die im Mittelalter noch die einzig sanktionierte Form der Sehnsucht nach Immortalität war. Dies Verlangen nach dichterischem Nachruhm, es ist erneut antikisch inspiriert und erneut ein Charakteristikum der Epoche, die mit Petrarca anhebt.“43
Petrarca schuf also etwas Neues. Nicht umsonst gilt er als einer der größten Dichter Italiens. Er war (Mit-)Begründer des Humanismus und wollte die Antike als Ganzes wiederbeleben.


Der Canzoniere prägte die europäische Lyrik der Renaissance sehr stark, und so wurde sogar der „Petrarkismus“ nach ihm benannt.
Man könnte fast sagen, dass Petrarca nur für Laura lebt. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob Laura „echt“ ist oder seiner Phantasie entspringt. Er ist seiner Laura vollkommen ergeben, sein Leben dreht sich nur um die Geliebte. Er ist ihr total verfallen und widmet fast all seine Zeit der unerreichbaren Laura.
Lauras Tod macht Petraca auf eine Art frei. Allerdings gilt Laura, beziehungsweise ihre unendliche Schönheit, für ihn als unsterblich. „His love, it is implied, is based on the illusion of her immortality”44, schreibt Jennifer Petrie. Laura ist nun im Himmel, bei Gott, dem nun ihre Liebe gehört. Der Dichter aber bleibt auf der Erde zurück, nun ohne die Geliebte. Doch wie zu ihren Lebzeiten ist das Verhältnis des lyrischen Ichs zu Laura ambivalent. Einerseits muss er jetzt Laura nicht mehr „hinterher laufen“, nicht mehr versuchen, sie zu erreichen, denn dies ist jetzt, nach ihrem Tode, natürlich völlig unmöglich. Andererseits könnte man denken, fehlt ihm vielleicht nun so etwas wie eine Muse. Doch wahrscheinlich findet er in seiner Trauer über den Tod der Geliebten erneut so viel Inspiration, dass er bis an sein eigenes Lebensende ein erfolgreicher Dichter bleiben kann.
Renate Förster schreibt über Petrarcas Verhältnis zu Laura:
„Vielmehr ist sie ein Medium zur Selbstspiegelung und zeigt seinen Hang zum Zwiespalt, dem Gewissenskonflikt zwischen irdischer Liebe und Frömmigkeit, der schon bei den Troubadouren anklingt. (…) Man hat den Eindruck, als ob Petrarca versucht, Natur und Poesie miteinander zu verbinden (…)“45
Die Liebe ist einseitig. Petrarca gibt „alles“, Laura „nichts“. „Das Besondere am Canzoniere ist, dass es sich nicht um die Schilderung einer leidenschaftlichen Liebe handelt, von der beide erfüllt sind, sondern es ist nur Petrarca, der seine Gefühle offenbart, während die schöne Angebetete stumm bleibt.“46
Die Sonette könnte man fast als eine Art „Seelenanalyse“ des Dichters verstehen. Es geht eigentlich gar nicht um die scheinbare Hauptfigur Laura, sondern in Wirklichkeit um die inneren Gefühle Petrarcas. Der Canzoniere ist „nur“ eine Selbstdarstellung des Dichters.
„(…) denn Petrarca schrieb beinahe fortwährend über sich selbst. Sogar die kritischen Stimmen von Zeitgenossen über seine Person sind nur durch ihn überliefert.“47

6. Fazit

Forscher „streiten“ seit vielen Jahren, ob es Laura wirklich gegeben hat, oder ob Petrarca sie nur erfunden hat. Dieses ist allerdings völlig unwichtig. Wichtig ist, dass Petrarca seine geliebte Laura benutzt. Er „tut so“, als würde er über sie schreiben, aber eigentlich ist es nur eine Selbstdarstellung. Petrarcas Ziel sollte sein, Laura zu erreichen, endlich mit der Geliebten zusammenzukommen. Doch in Wirklichkeit war das gar nicht unbedingt sein Wunsch. Er wollte dichterischen Erfolg haben. Er wollte Ruhm, Ehre und Bekanntheit erlangen. Laura wird dabei nur vorgeschoben. Der Dichter leidet gern. Er ist zwar unglücklich dabei, aber er braucht die Trauer, um schöpferisch tätig zu sein, um kreativ sein zu können. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob Laura noch „lebt“ oder ob sie bereits „verstorben“ ist. Trauer kann der Dichter so oder so empfinden. Und diese Trauer, in die er sich wohlmöglich auch hineinsteigert, hilft ihm zu schreiben und erfolgreich zu sein.
Und um ehrlich zu sein: Es wäre schon ein großer Zufall, wenn die Daten, die uns Petrarca, wie im zweiten Kapitel erläutert, über Laura liefert, wirklich stimmen würden. Laura existierte nicht. Jedenfalls existierte sie nur in Petrarcas Kopf. Doch das reichte ihm aus, mehr brauchte er nicht. Er hat seine Ziele auch so erreicht. Er kam zwar nie an die nicht-existierende Geliebte heran, aber er wurde einer der erfolgreichsten Dichter aller Zeiten.

 

Fußnoten:

1. Petrarca, Francesco: Canzoniere. Mainz: Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung 1987. S. 17-18.
2. Petrarca, Francesco: Canzoniere. Mainz: Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung 1987. S.15.
3. Petrarca, Francesco: Canzoniere. Mainz: Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung 1987. S. 22.
4. Petrarca, Francesco: Canzoniere. Mainz: Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung 1987. S. 24.
5. Petrarca, Francesco: Canzoniere. Mainz: Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung 1987. S. 25.
6. Ebd. S. 42.
7. Ebd. S. 54-55.
8. Ebd. S. 44.
9. Ebd. S. 76.
10. Ebd. S. 76.
11. Petrarca, Francesco: Canzoniere. Mainz: Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung 1987. S. 48.
12. Ebd. S. 54.
13. Ebd. S. 78.
14. Ebd. S. 90.
15. Petrarca, Francesco: Canzoniere. Mainz: Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung 1987. S. 94.
16. Ebd. S. 102.
17. Ebd. S. 112.
18. Ebd. S. 115.
19. Petrarca, Francesco: Canzoniere. Mainz: Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung 1987. S. 116.
20. Ebd. S. 142.
21. Ebd: S. 150.
22. Ebd. S. 154.
23. Ebd. S. 158.
24. Petrarca, Francesco: Canzoniere. Mainz: Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung 1987. S.174.
25. Ebd. S. 180.
26. Ebd. S.198.
27. Ebd. S. 204.
28. Ebd. S. 204.
29. Ebd. S. 206.
30. Ebd. S. 214.
31. Ebd. S. 258.
32. Petrarca, Francesco: Canzoniere. Mainz: Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung 1987. S. 259.
33. Petrie, Jennifer: Petrarch: The Augustan Poets, the Italian Tradition and the Canzoniere. Dublin: Irish Academic Press 1983. S. 107.
34. Petrie, Jennifer: Petrarch: The Augustan Poets, the Italian Tradition and the Canzoniere. Dublin: Irish Academic Press 1983. S.115.
35. Petrie, Jennifer: Petrarch: The Augustan Poets, the Italian Tradition and the Canzoniere. Dublin: Irish Academic Press 1983. S.115.
36. Förster, Renate: Liebe Poesie, Emanzipation, Petrarca und die Dichterinnen der italienischen Renaissance. Frankfurt: Materialis Verlag 1985. S. 67.
37. Ebd. S. 68.
38. Förster, Renate: Liebe Poesie, Emanzipation, Petrarca und die Dichterinnen der italienischen Renaissance. Frankfurt: Materialis Verlag 1985. S. 70.
39. „www.anjejackert.de/petrarca-und-laura-eine-literatische-kostellation/“ vom 20.07.2009
40. Petrarca, Francesco: Canzoniere. Mainz: Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung 1987. S.13-14.
41. Ebd. S. 14.
42. Ebd. S. 17.
43. Petrarca, Francesco: Canzoniere. Mainz: Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung 1987. S. 18-19.
44. Petrie, Jennifer: Petrarch: The Augustan Poets, the Italian Tradition and the Canzoniere. Dublin: Irish Academic Press 1983. S. 114.
45. Förster, Renate: Liebe Poesie, Emanzipation, Petrarca und die Dichterinnen der italienischen Renaissance. Frankfurt: Materialis Verlag 1985. S.66.
46. Förster, Renate: Liebe Poesie, Emanzipation, Petrarca und die Dichterinnen der italienischen Renaissance. Frankfurt: Materialis Verlag 1985. S.68.
47. Petrarca, Francesco: Die Triumphe, auf das Leben und den Tod der Monna Laura. Wien: Im Phaidon-Verlag 1935. S. 8.