Hausarbeit zum Thema Hemingway

Ist Lady Brett Ashley in Ernest Hemingways Roman „Fiesta“ eine für Hemingway typische Frauenfigur?

Inhalt:

  • 1. Einleitung
  • 2. Beschreibung einer klassischen Frauenrolle in Ernest Hemingways Erzählungen
  • 3. Beschreibung von Lady Brett Ashley
  • 4. Wie beeinflusst Lady Brett Ashley die Männer in ihrer Umgebung?
  • 5. Ist Lady Brett Ashley wirklich eine, für Ernest Hemingway typische Frauen-Figur?
  • 6. Fazit

1. Einleitung

Ernest Hemingway hat zahlreiche Romane und Kurzgeschichten geschrieben. Die Protagonisten seiner Erzählungen sind eigentlich immer Männer. Frauen spielen mehr oder weniger nur eine Nebenrolle. Allerdings kann man ein Muster hinter den Figurenkonstellationen erkennen. Während die Männer zwar einerseits die „Helden“ sind, sind sie andererseits doch auch „Versager“. Auch die Frauen haben meist ähnliche Charakterzüge und es fällt ihnen die gleiche Art von Rolle zu.


In dieser Hausarbeit soll der Roman „Fiesta“1, der im Jahre 1926 erstmalig unter dem Titel „The Sun Also Rises“ erschienen ist, untersucht werden. Dabei wird vor allem auf Lady Brett Ashley, die weibliche Hauptrolle des Romans, eingegangen werden. Es soll herausgearbeitet werden, ob Lady Brett Ashley ebenfalls eine „typische Hemingway-Frau“ darstellt.
Um diese Frage zu klären soll in Kapitel 2 zunächst eine klassische „Hemingway-Frau“ beschrieben werden. Es wird darauf eingegangen, welche Charaktereigenschaften Frauen in Hemingways Romanen auszeichnen, und ein mögliches Muster, ein Zusammenhang zwischen seinen Protagonistinnen, wird deutlich gemacht.
Im dritten Kapitel wird Lady Brett Ashley genauer analysiert. Wie sieht sie aus? Wie verhält sie sich? Wie kann man ihren Charakter beschreiben?
In Kapitel 4 soll vor allem darauf eingegangen werden, wie Brett Ashley die Männer um sich herum beeinflusst. Was tun diese Männer für sie? Was geschieht alles nur für und wegen Lady Brett?
Im fünften Kapitel soll geklärt werden, ob Brett eine typische „Hemingway-Frau“ ist oder nicht. Ähnelt sie den anderen Frauen in seinen Romanen?
Abschließend wird in Kapitel 6 noch ein kurzes Fazit gezogen.

2. Beschreibung einer klassischen Frauenrolle in Ernest Hemingways Erzählungen

Bei Hemingway geht es fast immer um problematische Beziehungen zwischen Männern und Frauen. In der Kurzgeschichte „Schnee auf dem Kilimandscharo“ spielt zum Beispiel ein Paar die Hauptrolle, das verlassen und in Todesangst, über seine Beziehung reflektiert und noch so kurz vor dem Tode kaum etwas anderes tut, als sich zu streiten. Es geht, wie oft bei Hemingway, um das Thema Liebe und um das, was „das Leben zu bieten hat“. In „Fiesta“, wie auch in „Schnee auf dem Kilimandscharo“ hat der männliche Protagonist ein gestörtes Verhältnis zu Frauen. Auch in „In einem andern Land“ ist die Beziehung zwischen Catherine und Frederic Henry ähnlich.
Der männliche Hauptdarsteller in „Fiesta“, Jake Barnes, ist impotent. Dadurch kann er kein „normales“ Verhältnis zu Frauen aufbauen, da die sexuelle Komponente vollkommen ausgeklammert werden muss. Auch in „Schnee auf dem Kilimandscharo“ hat der Protagonist Harry kein normales Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Er ist eine Art Gigolo und lässt sich von Frauen aushalten, wirklich geliebt hat er zuvor noch nie.
In „In einem andern Land“ ist Catherine hauptberuflich Krankenschwester. Auch in „Schnee auf dem Kilimandscharo“ verbringt Helen die letzten gemeinsamen Stunden, die ihr mit dem Protagonisten bleiben, damit eine Art Krankenschwester zu sein und ihn zu pflegen. Auch in „Fiesta“ fällt Brett zum Teil eine Krankenschwesterfunktion zu. Gegen Ende des Romans pflegt sie den Stierkämpfer Romero gesund. Und in allen drei Geschichten verliebt sich der Held in die Krankenschwester, die ihn pflegt.
Überhaupt sind bei Hemingway die Geschlechterrollen meist klar verteilt. Es sind die klassischen Rollen, die vor einigen Jahrzehnten noch „normal“ waren und gegen die sich viele Feministinnen heute wehren. Die Frau ist bei Hemingway nicht wirklich emanzipiert, sie ist scheinbar mehr das „Heimchen am Herd“ und wird eher unterdrückt. Der Mann hingegen „zieht durch die Welt“ und erlebt die „großen Abenteuer“. Nicht umsonst wird Hemingway von einigen Feministinnen als „chauvinistisches Schwein“ bezeichnet.
So ist zum Beispiel bei Hemingway der Mann der mehr oder weniger große Jäger, während die Frau im Wagen sitzt und zuschaut.
Doch andererseits sind die Frauen gar nicht immer so hilflos, wie man auf den ersten Blick meinen könnte. Gerade in der Kurzgeschichte „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“2, in der es hauptsächlich um die Jagt geht, wird dieses deutlich. Margaret gibt sich nicht mit der „Heimchen“-Rolle zufrieden. Als ihr Mann wieder einmal versagt, als sich herausstellt, dass er ein Feigling ist, betrügt sie ihn. Sie geht mit einem „richtigen“ Mann ins Bett, einem Großwildjäger, der keine Angst vor dem Tod hat. Dieses stört die Beziehung des Ehepaars allerdings nicht wirklich. Er weiß, dass sie ihn nicht verlassen wird weil er zu reich ist, und sie weiß, dass er sie nicht verlassen wird weil sie zu schön ist.
Am Ende von „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“ erschießt Margaret ihren Mann sogar. Zwar könnte man den kritischen Feministinnen zu Gute halten, dass nicht ganz klar ist, ob Margaret ihren Francis wirklich erschießt, oder ob es nur ein Unfall ist, dennoch halten die meisten Hemingway-Forscher den Mord für äußerst wahrscheinlich.
In „Schnee auf dem Kilimandscharo“3 beleidigt Harry seine Freundin Helen zwar, und sie lässt es sich gefallen, dennoch ist es eigentlich sie, die die Macht besitzt. Sie ist eine vermögende Frau, sie besitzt Geld, während er im Grunde nur ein Gigolo ist. Er lässt sich von ihr aushalten. Helen ist, wie eigentlich alle Hemingway-Frauen, nicht so machtlos, wie es auf den ersten Blick scheint.
Die „Hemingway-Frauen“ verstehen es sehr gut, ihr Macht einzusetzen. Ernest Hemingways Erzählungen wurden in einer Zeit geschrieben, in der Frauen offiziell noch nicht sehr viel Macht besaßen. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts hatten Frauen noch nicht einmal seit langem das Wahlrecht. Doch schon immer wussten sie sich „im kleinen“ zu helfen. Durch Intrigen, Ränkespielchen und durch geschicktes Handeln haben Frauen es schon immer geschafft, das zu bekommen was sie wollten. Und vor allem mehr Macht zu haben, als man es auf den ersten Blick vermutet.
Genau so ist auch die „typische Hemingway-Frau“. Hemingway ist kein „chauvinistisches Schwein“, Feministinnen, die dies behaupten, haben ihn nur nicht richtig gelesen. Jake Barnes als impotenter Liebender, der Brett aber nicht haben kann auf der einen Seite, und Brett, die vielleicht auch nicht ganz glücklich ist, sich jedoch nimmt, was sie will und wen sie will, auf der anderen Seite. Wer ist nun freier? Wer hat mehr Macht?
Wie später im vierten Kapitel noch ausführlich erläutert werden wird, beeinflusst Brett alle um sie herum. Teilweise prügeln sich die Männer um sie und machen sich lächerlich, weil sie so verliebt in sie sind.
Nur auf den ersten Blick scheinen die Rollen so klar und klassisch verteilt zu sein.
Die „typische Hemingway-Frau“ ist meist eine Spiegelung des männlichen Protagonisten in der jeweiligen Geschichte. Sie spiegelt ihn wider. Dieses ist allerdings kein Phänomen, das es nur bei Hemingway gibt. Auch den Gender Studies ist es bekannt. So schreibt Franziska Schößler:
„Er erscheint sich selbst in den glänzenden Augen als Ganzheit. Die Frau ist ein Screen und lediglich das, was der Mann in ihr sieht. Im Verlauft der Erzählung stellt sich heraus, dass die Begehrte, Paquita, zugleich die Geliebte des Schwester von Henri ist. Paquita ist entsprechend fasziniert von der Ähnlichkeit Henris mit seiner Frau (seiner Schwester), das heißt sie sieht den Mann als Metapher der Frau – eine Umkehrung, die die Frau zum Eigentlichen, den Mann zum ähnlichen Substitut werden lässt. In beiden Fällen jedoch wird das andere Geschlecht nach Maßgabe des eigenen wahrgenommen, so dass eine Erfahrung von Differenz nicht möglich ist.“4
Schößler schreibt weiter, dass diese Spiegelung meist nicht „gut“ für die Helden ausgeht.
„Friedrich Schlegels Entwicklungsroman Lucinde (1799) beispielsweise legt die narzisstische Struktur dieses Vorganges frei. Der Protagonist spiegelt sich in der Frau und erscheint sich auf diese Weise selbst als schönes Bild: `In diesem Spiegel (in dir) scheue ich mich nicht, mich selbst zu bewundern und zu lieben`(Schlegel 1919, S 11). Das statische Frauenbild fungiert als Spiegel des Mannes, der sich in dieser Reflexion wie im literarischen Schaffensprozess überhaupt als perfektes Selbst im Sinne Lancans imaginiert. Auch Theodor Fontanes Roman Cécile (1887) demonstriert knapp hundert Jahre später die projektive Herstellung von (Frauen-)Bildern. Der Text handelt allem voran von dem Wunsch (der Männer), das Geheimnis, Cécile zu durchdringen, die eigenen `Mutmaßungen` über die schöne Fürstengeliebte bestätigt zu sehen. Doch diese Sehnsucht generiert einzig und allein `Bilder und immer wieder Bilder` (Stephan 1983, S. 15), deren Realitätsferne noch dazu tödliche Folgen hat.“5
Und in der Tat hat das abnorme Mann-Frau-Verhältnis bei Hemingway oft tödliche Folgen für den Mann. Zum Beispiel in „Schnee auf dem Kilimandscharo“ und in „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“ stirbt der Protagonist am Ende der Geschichte. Der Mann, der sich für so stark und überlegen gehalten hat, verliert am Ende alles, sogar sein Leben.
Die Krankenschwester ist ein Klischee, ein stereotypes Bild von einer Frau. Dass ein Patient sich in seine Pflegerin verliebt, ist eine uralte Situation, die immer wieder in der Literatur vorkommt. Sehr häufig sogar in Trivialliteratur.
„Auch literarische Texte stellen weibliche Figuren mit Vorliebe in statischen Bildern still und entziehen sie so jeglicher Entwicklung bzw. dem historischen Wandel. Weiblichkeit erscheint vielfach als zeitloses Bild, als Portrait, als Statue etc., als ahistorische Form, die ein recht begrenztes Repertoire an Stereotypen variiert (Hure, Heilige, Mutter, Engel etc.)“6, schreibt Schößler.
Dennoch sind die weiblichen Figuren in Hemingways Geschichten nicht immer nur Klischees. Gerade Lady Brett Ashley sieht zum Beispiel nicht wie eine klassische Krankenschwester aus. Sie hat kurze Haare und ist eher burschikos. Doch das hält die Männer nicht davon ab, sich in sie zu verlieben, sie geradezu anzubeten.
Die Frauen bei Hemingway machen den Eindruck „gesellschaftlich Unsichtbar“ zu sein. Nicht sie sind auf den ersten Blick die Helden, die durch die Welt streifen und Abenteuer erleben. Sie sind nur das Beiwerkt, der Mann nimmt sie mit auf seine Reisen, geplant und organisiert hat er diese Reisen jedoch. Ob in „Fiesta“, „Schnee auf dem Kilimandscharo“ oder in „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“, die Frauen reisen mehr oder weniger zufällig mit. Außer vielleicht in „Schnee auf dem Kilimandscharo“, in dem Helen die Reise finanziert hat, hätte der männliche Protagonist diese Abenteuer auch ohne die Frau unternommen. Doch wie erwähnt, die Frauen sind die „heimlichen Helden“ bei Hemingway. Die männlichen Hauptdarsteller sterben zum Teil, oder gehen an den Frauen zugrunde, wie in „Fiesta“.

3. Beschreibung von Lady Brett Ashley

Brett sieht nicht wie ein klassisches „Heimchen am Herd“ aus. Sie ist emanzipiert, trägt kurze Haare, trinkt und raucht. Doch trotz dieser eigentlich „unweiblichen“ Eigenschaften ist sie sehr hübsch.
„Brett sah verdammt gut aus. Sie trug einen Pullover zum Übernkopfziehen und einen wollnen Rock. Ihr Haar war wie das eines Jungen glatt zurückgebürstet. Sie hatte all dies hier erst in Mode gebracht. Sie hatte Wölbungen wie eine Rennjacht, und es entging einem nichts unter dem wollenen Jersey.“7
Jake beschreibt Bretts Figur machohaft „wie eine Rennjacht“. Er versucht sich selbst nach außen hin möglichst männlich darzustellen. Der Ich-Erzähler Jake Barnes erwähnt nur am Rande, dass er selbst impotent ist. Denn das würde ihn „kleiner“ machen, ihn herabwürdigen. Das „offizielle“ Machtverhältnis würde sich verschieben, dann wäre es offensichtlich, dass Brett mehr Macht besitzt, als er.
Lady Brett ist eigentlich den ganzen Roman über unglücklich. Immer wieder sagt sie das ihrem Vertrauten Jake direkt. „Das Taxi fuhr mit einem Ruck los. `Ach, Liebling, ich war so unglücklich` sagte Brett.“8
Doch woher kommt dieses innere Gefühl des Unglücklichseins? Brett hat scheinbar ein gutes Leben. Sie ist frei, sie geht jeden Abend aus, trifft sich mit Bekannten und hat scheinbar ihren Spaß. Sie trinkt so viel sie möchte, reist „um die Welt“ und hat überall Menschen die sie kennt. Doch sehr wahrscheinlich ist es nicht das, was Brett wirklich möchte. Die Menschen, mit denen sie ihre Zeit verbringt, sind zum größten Teil eben nur „Bekannte“ und keine Freude. Im Grunde genommen ist Jake Barnes ihr einziger richtiger Freund. Ihm vertraut sie, er wäre der Mann für sie. Der Mann, mit dem sie ein zufriedenes Leben führen könnte, mit ihm könnte Brett zusammensein, eine Familie haben, so etwas wie Glück empfinden. Doch der Haken ist Jakes Impotenz. Brett sagt von sich selbst, dass sie nicht auf Sex verzichten will. Sie stellt die kurze fleischliche Lust, einen kurzen Augenblick der Befriedigung, über ein ganzes zufriedenes, glückliches Leben.
„`Brett, könnten wir nicht zusammen leben? Könnten wir nicht einfach zusammen leben?`
`Ich glaube nicht. Ich würde dich mit jedem betrügen. Das könntest du nicht aushalten.`
`Ich halt´s doch jetzt aus.`
`Das wäre doch anders. Es ist meine Schuld, Jakob. Ich bin nun mal so.`“9
Brett ist realistisch. Sie ist sich ihrer Schwächen durchaus bewusst. Brett weiß, dass sie nicht ohne Sex auskommen kann, Sex ist vielleicht sogar die wichtigste Sache in ihrem Leben. Um die kurze Befriedigung des Aktes zu bekommen, stellt sie alles andere hinten an. Sie sagt von sich selbst immer wieder, wie unglücklich sie ist. Doch ändern will sie nichts. Statt dessen genießt sie ihr scheinbar unbeschwertes Leben, ihre Reisen und sich von vermögenden Männern aushalten zu lassen.
Sie verwendet sogar das Wort „Schuld“, wenn sie Jake erklärt, dass sie niemals mit ihm zusammensein kann. Eine „Schuld“ läd sich jemand auf, es ist etwas Falsches was man getan hat, dann ist jemand „schuldig“. Schuldig wird man, es geschieht aktiv durch eine Tat, niemand kommt „schuldig“ auf die Welt oder wird durch Zufall schuldig. Brett weiß also, dass sie falsch handelt, sie weiß dass ihr Leben nicht das Richtige für sie sein kann. Doch sie ändert nichts, sie wählt den einfachen Weg.
An vielen Stellen wird erwähnt, wie „gut“ Lady Ashley trinken kann.
„Mike war ein entsetzlicher Säufer. Brett ein guter.“10 Aber der Alkohol und die Partys, das ganze ausschweifende Leben im Luxus, ist eigentlich nur eine Art Flucht vor Bretts innerer Unzufriedenheit. Sie reist durch verschiedene Länder. Meistens werden ihre Reisen von Männern finanziert, sie lässt sich aushalten. Möglicherweise sucht Brett unbewusst nach etwas. Es kann eine Flucht vor sich selbst sein oder eine Suche. Eine Suche nach einem „Hafen“, nach einem Ort an dem sie sich „angekommen“ fühlt. Brett probiert nicht nur die Orte aus, auch die Männer. Doch die meisten Männer können ihr nichts geben. Sie bekommt Geld von ihnen und „schelle Befriedigung“. Aber wahres Glück oder zumindest Zufriedenheit und Sicherheit können sie ihr nicht geben. Denn das würde Brett nur bei ihrem alten Bekannten Jake Barnes erhalten. Jake ist ihr Vertrauter, mit ihm kann sie über alles reden, ihm schreibt sie und bittet um Hilfe wenn es nötig ist.
Doch Brett ist entweder zu oberflächlich, um trotz seiner Impotenz mit Jake „richtig“ zusammen sein zu können, oder Lady Ashley hat selbst noch nicht erkannt, dass nur Jake die Lösung für sie sein kann.
Brett und Jake haben sich im Krieg kennen gelernt. „Barnes falls in love with Brett when she nurses him at a hospital in England after he has been wounded on the Italien front.”11
Schon zu Beginn ihrer Beziehung fiel Brett also nicht nur die Rolle der Krankenschwester zu, sie war wirklich eine. Die beiden verliebten sich sofort, doch Jakes Impotenz stand immer zwischen ihnen.
Brett lässt sich, wie erwähnt, von Männern aushalten. Sie hat nie eigenes Geld bei sich.
„`Hat Brett eigentlich Geld?` wandte er sich an Mike. `Kann ich mir kaum vorstellen. Das meiste, was Montoya von mir gesehen hat, hat sie aufgebracht.` `Hat sie denn kein Geld bei sich?` fragte ich. `Ich glaube nicht. Sie hat nie Geld. Sie kriegt jährlich fünfhundert Pfund und zahlt dreihundertfünfzig davon Zinsen an die Juden.`
`Ich nehme an, sie kriegen es an der Quelle`, sagte Bill. `Ja, es sind in Wirklichkeit keine Juden. Wir nennen sie nur so. Ich glaube, es sind Schotten.`
`Hat sie denn überhaupt nichts bei sich?` fragte ich. `Ich glaube kaum. Sie gab mir alles, als sie wegfuhr.`“12
Bretts finanzielle Verhältnisse sind undurchsichtig. Nicht einmal ihre wenigen Freunde, beziehungsweise ihr einziger Vertrauter Jake, wissen wie es ihr finanziell geht. Bill ist sich nicht einmal sicher, ob sie das wenige Geld, das sie bekommt, an Schotten oder Juden abgeben muss. Aber auch Brett selbst nimmt ihre Geldangelegenheiten sehr locker.
„`Also los`, sagte Brett, `ist das Giftzeug bezahlt? Ich muss vor dem Essen noch baden`“13
Sie macht sich keine Gedanken, wie sie ihre Rechnungen begleichen soll, da sie weiß, dass immer irgendein Mann für sie da sein wird, der sie aushält. Und falls doch aktuell kein Mann vorhanden sein sollte, der Brett all die Unannehmlichkeiten abnimmt, wendet sie sich eben an ihren alten Freund Jake.
Lady Ashley sagt immer wieder, dass sie noch baden müsse.
„`Muss mich säubern.`
`Ach Unsinn, komm mit.`
`Muss baden. Er kommt um neun Uhr an.`“14
Das „Baden“ und „Säubern“, wie Brett es nennt, könnte zwei unterschiedliche Gründe haben. Zum einen badet sie, weil sie sich innerlich schmutzig fühlt. Sie fühlt sich „hurenhaft“, wie sie selbst sagt.
„`Ich hab immer das gemacht, was ich gewollt habe.`
`Ich weiß.`
`Ich fühl mich so hurenhaft.`
`Na`, sagte ich.
`Mein Gott`, sagte Brett. `Was man als Frau so alles durchmachen muss.`“15
Brett fühlt sich unsauber. Als hätten die vielen Männer sie beschmutzt.
Der andere Grund könnte sein, dass Brett für die vielen Männer „sauber“ sein möchte. Wie eine Hure wäscht sie sich vor jedem neuen Freier, damit er nichts zu beanstanden hat und damit er nicht den Mann, der vorher bei der Hure war, an ihr riecht. Brett wäscht sich auffällig oft vor dem Essen. Wahrscheinlich muss sie nach dem Essen für die Speisen „bezahlen“. Sie geht mit dem jeweiligen Mann ins Bett. Er bezahlt das Essen mit Geld, sie gleicht es wieder aus. Da sie kein Geld zur Verfügung hat, muss sie sich etwas anderes ausdenken. Sie muss den Luxus, den sie genießt, mit ihre Körper bezahlen. Da ist es kein Wunder, dass Brett sich „hurenhaft“ fühlt, im Grunde ist sie nichts anderes als eine Prostituierte.
Am Ende des Romans beschließt Brett dann doch, ihr Leben zu ändern.
„`Ich spreche ja auch nur so drum herum. Weißt du, Jake; ich fühl mich verdammt anständig.`
`Sollst du auch.`
`Weißt du, man fühlt sich irgendwie wohl, wenn man beschlossen hat, keine solche Hure zu sein.`“16
Brett und Jake fahren mit einem Taxi durch die Stadt. Sie lehnen sich eng aneinander und wissen beide, dass sie zusammen hätten glücklich sein können.
„`Ach Jake`, sagte Brett. `Wir hätten so glücklich zusammen sein können.`
Vor uns hielt ein berittener Schutzmann in Khaki, der den Verkehr regelte. Er hob seinen Stab. Das Auto stoppte plötzlich und warf Brett eng an mich.
`Ja`, sagte ich. `Ganz schön, sich das auszumalen, nicht wahr.`“ 17
Beide wissen, dass es eine schöne Vorstellung ist, doch dass sie niemals zusammen sein werden. Jake kann Brett einfach nicht das geben, was sie möchte.
Brett ist stark und unabhängig. Das zeigt sich auch am Beispiel des Stierkampfes. Für eine Frau völlig untypisch, kann sie hinsehen, wenn die Stiere auf brutale Art getötet werden.
„`Nächstes Mal will ich unten sitzen.` Brett trank aus ihrem Absinthglas. `Sie will die Stierkämpfer in der Nähe sehen.` sagte Mike.“18
Bretts Bekannte befürchten, dass es Brett als Frau nicht gefallen könnte, die Stierkämpfe aus geringem Abstand anzusehen. Zu der Zeit in der der Roman spielt waren Frauen „zarter“, beziehungsweise taten so, da sie so erzogen worden waren. Kaum eine Frau, die etwas auf sich hielt, hätte sich damals einen Stierkampf aus der Nähe angesehen, ohne in (gespielte) Ohnmacht zu fallen. Allerdings hätte auch kaum eine Frau so viel Alkohol getrunken, wie Brett es tut, oder sich so viele sexuelle Freiheiten genommen, wie sie.
Brett ist also keine typische Frau die 20er Jahre. Vielleicht waren damals doch mehr Frauen wie Brett, aber wenn, dann keinesfalls öffentlich!

4. Wie beeinflusst Lady Brett Ashley die Männer in ihrer Umgebung ?


Brett ist vielleicht das, was man heutzutage abwertend als „Schlampe“ bezeichnen würde. Sie schläft mit vielen Männern, hat Spaß an ihrer Sexualität und lässt sich von Männern aushalten. Sie trinkt viel und lebt ein vollkommen freies, wenn auch unglückliches Leben.
Im Grunde kann man sagen, Lady Brett lebt wie ein Mann. Oder zumindest so, wie ein typischer Mann gerne leben würde.
Doch trotz all dieser männlichen Eigenschaften (sie hat sogar kurze Haare), wird sie von den „echten“ Männern in ihrer Umgebung bewundert, geliebt und verehrt. Immer wieder versuchen sich ihre Verehrer vor ihr möglichst gut darzustellen, was auch oft zu Auseinandersetzungen und Streit in der Gruppe um Brett herum führt. Die Männer sind eifersüchtig aufeinander. Besonders hart trifft es oft Jake Barnes, Bretts Vertrauten.
Schon zu Beginn des Romans trifft Jake Brett in einer Bar. Bei ihr ist eine Gruppe für ihn fremder Männer. Jake ist in Brett verliebt und kommt mit der Situation nicht klar.
„Der blonde Wellige antwortete: `Mach dir keine Sorge, mein Lieber.` Und bei ihnen war Brett. Ich war wütend. Irgendwie ärgerte ich mich immer über diese Bengels. Ich weiß, dass man sie amüsant findet und dass man tolerant sein soll, aber ich hatte Lust, mich auf einen von ihnen zu stürzen, irgendeinen, nur um diesem überlegenden gezierten Posieren ein Ende zu machen.“19
Obwohl diese Männer, mit denen Brett in die Bar kommt, homosexuell sind, und somit eigentlich keine Gefahr für Jake in Bezug auf Brett darstellen, hat Jake Schwierigkeiten mit der Situation. Vielleicht liegt es sogar gerade an der Homosexualität ihrer Begleiter. Denn ebenso wie sie, kann auch Jake auf Grund seiner Impotenz keine sexuelle Beziehung mit Brett führen. Die Homosexuellen, mit denen sie zusammen ist, haben ebenso wie Jake, eine rein emotionale Beziehungen zu Lady Ashley. Gerade deshalb ist er wahrscheinlich so wütend. Nun betrügt sie ihn nicht nur sexuell, was für ihn in Ordnung wäre, da er ihr sexuell überhaupt nichts bieten kann, aber nun betrügt sie ihn auch noch emotional.
Jake ist sonst glücklich, wenn er mit Brett zusammen sein kann.
„Wir tanzten nach der Harmonika, und irgendwer spielte Banjo. Es war heiß, und ich war glücklich.“20
Brett schafft es den Ich-Erzähler glücklich zu machen. Allerdings ist dieses Glück immer nur von kurzer Dauer. Er weiß, dass er nicht langfristig mit ihr zusammen sein kann, eben deshalb genießt er die kurzen Momente des Glücks um so mehr.
So bald Brett einen Raum betritt ist sie der Mittelpunkt, und die Männer „reißen sich um sie“. Besonders Robert Cohn ist sehr in Brett verliebt. Zu Beginn des Romans trifft er sie zufällig in einer Bar wieder. Er belegt sie sofort mit Beschlag und redet auf sie ein.
„Wir verließen den Tanzboden. Ich nahm meinen Mantel von einem Haken an der Wand und zog ihn an. Brett stand an der Bar. Cohn redete auf sie ein. Ich blieb an der Bar stehen und bat um einen Briefumschlag. (…) Wir gingen zur Tür. Cohn sprach immer noch auf Brett ein.“21
Nur in kurzen Sätzen, ganz nebenbei erwähnt Jake, dass Cohn auf Brett einredet. Denn diese Tatsache ist für ihn ganz normal. Wo Brett hinkommt steht sie im Mittelpunkt, jeder will etwas von ihr, die Männer benehmen sich anders als sonst, wollen sie beeindrucken und sie für sich gewinnen.
Jake Barnes würde alles für „seine“ Brett tun. Er ist ihr vollkommen verfallen. Dass sie sich höchstwahrscheinlich niemals ändern wird, und die beiden nie „wirklich“ zusammen sein werden, spielt für ihn dabei keine Rolle. Vielleicht will er es auch schlicht nicht wahrhaben.
„Schließlich verstößt Jake gegen seine innere Überzeugung, nur um Brett einen Gefallen zu tun. Der Ich-Erzähler nimmt diesen Vorfall so wichtig, dass er ihm ein ganzen Kapitel widmet (Kap. 16), welches vielleicht als der dramatische Angelpunkt des gesamten Romans betrachtet werden kann.“22
Im 16. Kapitel hat Brett die Reisegruppe verlassen und ist mit dem Stierkämpfer Romero gemeinsam abgereist. Doch dann wurde sie von Romero verlassen und wendet sich wieder einmal an ihren alten Freund Jake. Anstatt Brett dieses Mal ihren Fehler allein „ausbaden“ zu lassen, oder ihr wenigstens etwas Zeit zum Nachdenken zu geben, macht Jake sich sofort auf den Weg, um seine Angebetete zu „retten“. Vielleicht hofft Jake, dass er Brett auf diese Art endgültig für sich gewinnen kann. Doch seine Rechnung geht nicht auf.
Romero ist im Grunde der einzige Mann, der Brett verlässt. Er ist zwar ebenfalls zunächst fasziniert von ihr, doch dann versucht er sie zu ändern, sie weiblicher zu machen.
„`Wahrscheinlich haben sie ihn mit mir im Café aufgezogen. Er wollte, dass ich meine Haare wieder wachsen ließe. Ich mit langen Haaren! Ich würde ja maßlos aussehen.`
`Komisch.` `Er sagte, es würde mich weiblicher machen. Aber ich würde wie eine Vogelscheuche aussehen.`“23
Romero ist der einzige Mann, den Brett nicht so beeinflussen kann, wie sie es mit den anderen tut. Zuerst scheint dies zwar so, aber nach nur kurzer Zeit, wird sie von dem Stierkämpfer verlassen. Brett ist eine selbstbewusste, moderne Frau, ein spanischer Stierkämpfer, der noch die alten Traditionen verinnerlicht hat, kommt mit ihrer Art nicht klar.
Besonders Robert Cohn macht sich in seiner Verliebtheit geradezu lächerlich. Durch seine merkwürdige, zum Teil auch „weichere“ und nicht typisch männliche Art, bringt Cohn die anderen Männer in der Gruppe gegen sich auf. Obwohl Brett vor der Reise nach Spanien eine kurze Affäre mit Cohn hatte, geht er während der Fiesta allen und somit auch Brett auf die Nerven. Zunächst wird Cohn nur „geneckt“, doch diese „Neckereien“ steigern sich immer weiter, so dass Cohn am Ende so verzweifelt ist, dass er sich nur noch mit seinen Fäusten zu wehren weiß. Cohn zerbricht an Brett. Er kann nur noch an seine kurze Affäre mit ihr denken, eine Tatsache, die ihm nun niemand „mehr nehmen kann“. Wenn die anderen sich über ihn lustig machen, nimmt er dies zunächst kaum ernst, er klammert sich an die schöne Zeit, die er mit Brett verbracht hat.
„Cohn saß immer noch am Tisch. Sein Gesicht hatte den gelben, bleichen Ausdruck angenommen wie immer, wenn er beleidigt wurde, aber irgendwie schien es ihm angenehm zu sein. Das Kindische, Trunken-Heroische daran. Er hatte ein Affäre mit einer adeligen Dame gehabt.“24
Nur so hält er wahrscheinlich die Beleidigungen der anderen Männer überhaupt aus. Er könnte ja auch einfach abreisen, doch er bleibt wegen Brett. Er wird gedemütigt, und es macht ihm kaum etwas aus. Obwohl Brett ihn oft verteidigt und sagt, dass ihre Begleiter Cohn in Ruhe lassen sollen, ist sie ebenfalls von Cohn genervt und will ihn eigentlich nicht mehr um sich haben. Cohn will das nicht wahrhaben, der alte Spruch „Liebe macht blind“ trifft hier vollkommen zu. Cohn sieht nur, was er sehen will. Sein Liebe zu Brett macht ihn blind für ihre Ablehnung, er lässt sie demütigen, nur um mit ihr zusammen zu sein.
Ein weiterer Verehrer von Lady Ashley ist Michael, oder auch Mike genannt. Auch er ist Brett so sehr verfallen, dass er sich fast alles von ihr gefallen lässt. Er kutschiert sie durch die Stadt, sogar Jake besucht er mitten in den Nacht gemeinsam mit Brett. Er gibt ihr Geld so viel sie möchte, sogar um die Portierfrau in Jakes Haus zu bestechen, gibt er Brett Geld. Es ist Mike dabei egal, ob das Geld in diesem Fall dazu dient, einen anderen Mann zu treffen, so lange er mit der bezaubernden Brett zusammen sein kann. Brett ist sich ihrer Macht über Mike durchaus bewusst. Sie hat kein schlechtes Gewissen, Mike wie ein Tier zu behandeln, dem man einfach Befehle geben kann.
„`Lieber`, sagte sie, und dann: `Soll ich ihn wegschicken?`
`Nein, er ist nett.`
`Ich schicke ihn weg.`
`Nein, nicht.`
`Doch, ich schick ihn weg.`
`Das kannst du doch nicht einfach.`
`Werden wir sehen. Bleib hier. Ich sag dir, er ist verrückt mit mir.`“25
Jake und Brett reden über Mike, als wenn dieser gar nicht da wäre. Sie diskutieren, als wäre Mike kein Mensch, nur irgendein Gegenstand, oder eben ein Tier, das man wegschicken kann, wenn es stört. Jake sieht keine Konkurrenz in Mike. Er sagt, Brett solle ihn nicht wegschicken, da Mike nett sei. Er weiß, dass Mike nur einer von vielen ist, die Brett eine Weile aushalten und von denen sie früher oder später genug hat.
Ebenso wie auch Cohn, lässt Mike all das mit sich machen. Er ist Brett so sehr verfallen, dass er alles tut, um mit ihr zusammen zu sein. Dass er sich dabei zum Narren macht, merkt er gar nicht.
Brett macht die Männer um sich herum unglücklich, allen voran Jake. Doch ihr Leid versuchen die Protagonisten in Alkohol und mit Partys zu ertränken. Carlos Baker bringt es auf den Punkt:
„The Woman he loves, Lady Brett Ashley, sleeps with a boxer, then with a matador. Brett and Jake suffer – but without talking about it. Romanticism? Yes, in a sense, but a silent romanticism, drowned in cocktails and champagne.”26
Die Männer verhalten sich wie Idioten. Sie würden alles für ihre angebetete Brett tun.
„Cohn still upholds a romantic view of life, and since he affirms it with stubborn persistence, he acts like a goad upon he wiser contemporaries.“27 Besonders Cohn glaubt noch an ein gemeinsames Leben mit Brett. Vermutlich denkt jeder von Bretts Liebhabern, er wäre derjenige, der sie verändern könnte, sie „zähmen“ könnte. Doch keiner schafft es.
Dies scheint eine verkehrte Welt zu sein. In vielen anderen Romanen, oder auch in der „Wirklichkeit“ ist es oft so, dass Männer diejenigen sind, die frei sein wollen, die man nicht „zähmen“ kann. Viele Frauen fallen auf diese Art Mann herein, denken sie könnten sie verändern, oder gar vor sich selbst „retten“. Doch in „Fiesta“ nimmt diese Rolle eine Frau ein. Brett verhält sich wie ein altes Männerklischee. Die Männer um sie herum, ihre Liebhaber, verhalten sich wie sich sonst meist nur Frauen verhalten.
Brett ist eine Nymphomanin. Sie kann ihre Lust, ihr Verlangen nach immer neuen Männern nicht kontrollieren. „She is a creature of appetites which she makes no pretense of controlling, indeed, seems unable to control.“28 Vielleicht wünscht sie sich, sie könnte mit Jake glücklich werden, könnte ein Leben nur mit ihm führen. Doch sie schafft es nicht, sie ist maßlos. Ihre eigene Sexsucht, ihre eigene Maßlosigkeit macht sie selbst am Ende unglücklich und selbstverständlich auch die Männer um sie herum.
Brett ist der Mittelpunkt der Gruppe. Alles dreht sich nur um sie.
„… and Brett, who was the pivot of the group. Brett was a young Englishwoman, who was getting a divorce from a man she had never loved, to marry another whom she did not love, either. The development of their relations is seen trough the eyes of the newspaper correspondent, who she had been rendered impotent by a wound received in the War – a brutally efficient symbol of `a lost generation`. It was he whom Brett loved and who loved Brett.”29
Alles dreht sich um Brett, und in Bretts Leben geht es nur um oberflächlichen Spaß, Alkohol und Sex mit möglichst vielen Männern.

5. Ist Lady Brett Ashley wirklich eine für Ernest Hemingway typische Frauen-Figur?

Wie zu Beginn bereits erwähnt, ist eine „typische“ Frauenfigur bei Hemingway eher die „Unterdrückte“. Sie versucht stets Konflikte zu vermeiden, nimmt lieber in Kauf selbst beleidigt zu werden, wie zum Beispiel in „Schnee auf dem Kilimandscharo“. Besonders in dieser Geschichte versucht Helen eine harmonische Beziehung zu Harry zu führen. Sie will ihn an sich binden, lässt sich dafür fast alles gefallen.
„Ich zanke mich doch nicht. Ich will mich nie zanken. Komm, wir wollen uns nicht mehr zanken. Einerlei, wie gereizt wir sind. Vielleicht werden sie heute mit einem neuen Lastauto zurückkommen. Vielleicht kommt das Flugzeug.“30
Man kann fast sagen, Helen ist süchtig nach Harmonie. Obwohl sie gar nicht weiß, dass Harry sterben wird, was ihr harmoniesüchtiges Verhalten sogar erklären würde, will sie nicht streiten. Obwohl sie durchaus das Recht hätte auf Harry wütend zu sein, versucht sie die Situation zu retten.
In „Schnee auf dem Kilimandscharo“ und auch ebenso in „In einem andern Land“, ist der Mann der Held und Protagonist der Geschichte. Zwar sind stets auch die Männer gescheiterte Figuren, dennoch stehen sie im Mittelpunkt. Normalerweise sagen die Männer in Hemingways Erzählungen „wo es lang geht“, sie dominieren die Geschichte, die Handlung und auch die Frauen. Die Frauen spielen meist nur eine Nebenrolle. Oft sind sie Krankenschwestern oder verhalten sich wie Krankenschwestern, in dem sie die Männer pflegen.


Häufig wird in Hemingways Geschichten viel Alkohol konsumiert. In „Schnee auf dem Kilimandscharo“ trinken die beiden Protagonisten Whisky, obwohl sie lieber bei Kräften bleiben sollten. Auch in „In einem andern Land“ wird Frederic Henry immer wieder Alkohol an sein Krankenbett gebracht, und das obwohl Alkohol bestimmt nicht förderlich für seine Heilung ist. Man kann Hemingway hier zu Gute halten, dass es früher „so üblich“ war, in schwierigen Situationen Alkohol zu trinken. In vielen alten Filmen sieht man die Hauptdarsteller oft mitten am Tag mit einem Whisky, Brandy oder Ähnlichem in der Hand. Vermutlich war man sich zu dieser Zeit der Gefahr des Alkohols noch nicht so bewusst, wie heutzutage.
Andererseits gibt der Alkohol der Geschichte auch eine ganz andere Stimmung. Es wird lockerer, die Konflikte rücken in den Hintergrund. So ist es auch in „Fiesta“. Die Protagonisten „ertränken“ ihre Sorgen im Alkohol. Trotz der hohen Temperaturen in Spanien gibt es kaum eine Szene, in der nicht getrunken wird.
Brett ist da keine Ausnahme. Wie fast alle anderen „Hemingway-Frauen“ auch, trinkt sie wann immer sich die Möglichkeit ergibt.
Man kann also sagen, dass Brett in einigen Dingen typisch für Hemingway ist. Sie trinkt viel, und auch die Rolle der Krankenschwester fällt ihr teilweise zu. Nachdem er von Cohn verprügelt wurde, pflegt Brett Romero wieder gesund. Auch die Tatsache, dass sie eine gescheiterte Figur ist, dass sie nicht glücklich ist, und vor allem, dass sie keine glückliche Beziehung führen kann, spricht dafür, dass Brett eine „typische Hemingway-Frau“ ist.
Doch auf der anderen Seite stehen viele Dinge, die Brett für Hemingway völlig untypisch machen. In erster Linie, dass sie emanzipiert ist. Sie ist nicht diejenige, die unterdrückt wird, die sich von Männern alles gefallen lässt. Sie würde sich nie in der Weise beleidigen lassen, wie Helen es in „Schnee auf dem Kilimandscharo“ tut. Brett würde sich zanken wollen. Sie lässt sich nichts gefallen, ist nicht nur eine Nebenfigur. Sie ist die Heldin in „Fiesta“.
Die klassischen Männer-Frauen Rollen, die Stereotypen wie man sie aus Geschichten und Filmen, die um den 2. Weltkrieg herum und vorher spielen kennt, werden hier umgekehrt. Brett führt die Gruppe an, alles dreht sich nur um sie.
So warten die Männer in Spanien auf ihre Ankunft, erst als Brett mit tagelanger Verspätung erscheint, beginnt der Urlaub richtig. Die Tage, die die Männer zuvor allein mit Angeln verbringen, sind langweilig. Langweilig für den Leser und auch für die Figuren, es passiert eigentlich nur etwas, wenn Brett der Szene beiwohnt.
Brett sieht auch äußerlich nicht so aus, wie es in den 20er Jahren üblich war. Sie hat kurze Haare, ist eher der burschikose Typ. Sie trägt, was ihr gefällt. Ob es den Männern, oder auch dem aktuellen Mann an ihrer Seite gefällt, ist ihr egal.
„`Brett, du bist eine schöne Frau. Wo hast du den Hut her?`
`Freund gekauft. Gefällt er dir nicht?`
`Es ist ein schrecklicher Hut. Kauf dir doch ´n anständigen Hut.` (…)
Brett zog den Filzhut weit über ein Auge und lächelte darunter hervor.“31
Sie bleibt sich selbst treu, zumindest was ihren Kleidungsstil und ihre kurzen Haare angeht. Brett lässt sich von niemandem etwas vorschreiben, das wird besonders bei Äußerlichkeiten deutlich. Von Mike lässt sie sich nicht den Filzhut verbieten, und von Romero, in den sie vielleicht sogar ein bisschen verliebt ist, lässt Brett sich nicht vorschreiben, ihre Haare wachsen zu lassen.
Die meisten Frauen der 20er Jahre und auch die meisten „Hemingway-Frauen“ werden so dargestellt, als würde sie „alles“ für die Männer tun. Als würden sie den Männern hinterherlaufen, und alles daran setzen geliebt zu werden und eine harmonische Beziehung zu führen. Brett ist anders. Sie schreibt zum Beispiel keine Briefe. Und das, obwohl sie Mike sogar heiraten will.
„´Ich werde ihn heiraten`, sagte Brett. `Komisch, seit ´ner Woche habe ich nicht an ihn gedacht.`
`Schreibst du ihm nicht?`
`Ich? Nein, schreibe niemals Briefe.`
`Er schreibt dir doch sicher.`
`Natürlich, sogar fabelhafte Briefe.`“32
Natürlich ist Brett nicht ernsthaft in Mike verliebt. Sie will ihn nur wegen des Geldes heiraten. Wenn sie wirklich verliebt wäre, würde sie wahrscheinlich auch Briefe schreiben, doch das ist nicht ihre Art.
Brett ist frei und emanzipiert, ganz im Gegensatz zu den meisten Frauen in Hemingways Erzählungen. Sie führt ihr eigenes Leben, lässt sich von niemandem etwas vorschreiben. Doch unglücklich ist sie trotzdem. Sie ist, wie fast alle Figuren die Hemingway geschaffen hat, eine gescheiterte Person.

6. Fazit

Zusammenfassend kann man nun sagen, dass Lady Brett Ashley keine typische „Hemingway-Frau“ ist. In einigen Punkten hat sie zwar mit den andern Frauen, wie Catherine oder Helen einiges gemeinsam. Dennoch unterscheidet sie sich von den anderen Frauen stark.
Einige Feministinnen werfen Ernest Hemingway vor ein „chauvinistisches Schwein“ zu sein. Das mag teilweise vielleicht gar nicht so falsch sein. Zumindest dann nicht, wenn man nur Geschichten wie „Schnee auf dem Kilimandscharo“ oder „Oben in Michigan“ gelesen hat. Das sind Kurzgeschichten, in denen die Frauen unterdrückt werden, sich alles gefallen lassen und nur eine Nebenrolle spielen.
Besonders in „Oben in Michigan“ wird deutlich, wie wenig Macht die Frauen bei Hemingway in der Regel haben. Liz ist in Jim verliebt, dennoch ist der erste Geschlechtsverkehr der beiden mehr eine Vergewaltigung.
„`Du darfst es nicht tun, Jim. Du darfst nicht.`
`Ich muss. Ich will. Du weißt, dass wir müssen.`
`Nein, wir müssen nicht, Jim. Wir müssen nicht. Ach, es ist nicht recht. Oh, es ist so groß und tut so weh. Du darfst nicht, o Jim, oh.`
Die Fichtenplanken des Anlegeplatzes waren hart, spliterig und kalt, und Jim lag schwer auf ihr, und er hatte ihr weh getan.“33
Liz wehrt sich nicht gegen Jim. Sie sagt zwar halbherzig, dass es nicht in Ordnung ist, was er tut und sagt kurz, dass er ihr weh tut. Aber sie lässt es mit sich geschehen, wahrscheinlich weil sie denkt, dass er das Recht dazu hat. Brett würde dieses niemals tun, sie würde sich nichts von Jim gefallen lassen. Liz ist es gewohnt, dass Männer ihr sagen, was sie tun und lassen soll. Sie kennt es nicht anders. Brett hingegen ist die, die die Macht hat. In „Fiesta“ ist Brett „der Mann“.
Die meisten Frauen bei Hemingway leben für die Männer. Ihr Ziel ist es, eine harmonische Beziehung zu führen, die Männer an sich zu binden und glücklich und zufrieden zu sein. Brett will wahrscheinlich eigentlich auch glücklich sein. Doch sie lebt nicht für die Männer, die Männer leben für sie. Sie ist es, die die Männer um sie herum ausnutzt. Sie lässt sich aushalten, ist an Geld interessiert und ist eine Nymphomanin, die ihre Lust nicht zügeln kann. Die Stereotypen Werte, die besonders in den 20er Jahren noch aktuell waren, werden in „Fiesta“ umgekehrt. Brett nimmt die Klischeerolle eines Mannes ein, ist die „Starke“, während die Männer in „Fiesta“ mehr die Frauenrollen einnehmen und schwach sind.
Scheitern werden alle, das ist typisch für Hemingway.
Doch Brett kann man nicht als klassische „Hemingway-Frau“ bezeichnen.

 

Fußnoten:

1. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950.
2. Hemingway, Ernest: Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber. In: Schnee auf dem Kilimandscharo. Hamburg: Rowohlt 1977.
3. Hemingway, Ernest: Schnee auf dem Kilimandscharo. Hamburg: Rowohlt 1977.
4. Schößler ,Franziska: Einführung in die Gender Studies. Berlin: Akademie Verlag S. 87.
5. Schößler ,Franziska: Einführung in die Gender Studies. Berlin: Akademie Verlag S. 67.
6. Schößler ,Franziska: Einführung in die Gender Studies. Berlin: Akademie Verlag S. 64.
7. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S. 20.
8. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S. 21.
9. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S. 43.
10. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S. 109.
11. Bernice, Kert: The Hemingway Women. Toronto: W.W. Norton & Company 1983 S. 167.
12. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S. 168.
13. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S. 107.
14. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S. 56.
15. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S. 136.
16. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S. 180.
17. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S.181.
18. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S. 123.
19. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S. 18.
20. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S. 20.
21. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S. 21.
22. Fiedler, Hans-Joachim. Individuum und Gemeinschaft in Hemingways Romanen. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades des Fachbereichs Philosophie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Kiel: 1976 S. 64.
23. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S. 177.
24. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S. 131.
25. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S. 43.
26. Baker, Carlos. Hemingway and his Critics. New York: Hill and Wang 1961 S. 44.
27. Spilka, Mark. The Death of Love in The Sun Also Rises. In: Hemingway and his Critics. New York: Hill and Wang 1961 S. 80.
28. Baker, Carlos. Hemingway and his Critics. New York: Hill and Wang 1961 S. 187.
29. Baker, Carlos. Hemingway and his Critics. New York: Hill and Wang 1961 S. 13.
30. Hemingway, Ernest: Schnee auf dem Kilimandscharo. Hamburg: Rowohlt 1977 S. 74.
31. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S. 59-60.
32. Hemingway, Ernest: Fiesta. Hamburg: Rowohlt 1950 S. 49.
33. Hemingway, Ernest: Oben in Michigan. In: Schnee auf dem Kilimandscharo. Hamburg: Rowohlt 1977 S. 120.