Hausarbeit zum Thema Matthew Barney

Matthew Barneys „Cremaster 3” – Die Frau zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit

Inhalt:

  • 1. Einleitung
  • 2. Welche Art weiblicher Wesen werden im Cremaster 3 gezeigt
  • 2.1. Die Tänzerinnen
  • 2.2. Die Leopardenfrau
  • 2.3. Die Frau im weißen Abendkleid
  • 2.4. Die Zombie-Leiche
  • 2.5. Die Kartoffelschälerin
  • 2.6. Die Revue-Girls
  • 3. Die Frauen im Cremaster 3 als künstliche Wesen
  • 4. Die Zwitterwesen im Cremaster 3
  • 5. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Frauen-Figuren
  • 6. Fazit

1. Einleitung

In meiner Hausarbeit werden ich mich mit den verschiedenen Frauen-Figuren in Matthew Barneys Cremaster 3 beschäftigen. Ich werden zunächst die unterschiedlichen Figuren aufzählen und beschreiben. Anschließend werde ich zeigen, in welcher Weise sie als künstliche Wesen dargestellt werden. Im dritten Teil widme ich mich den Zwitterwesen des Cremaster 3, und versuche ihre Bedeutung zu analysieren. Zum Schluss beschreibe ich dann die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der weiblichen Figuren im Film.

2. Welche Art weiblicher Wesen werden im Cremaster 3 gezeigt?
2.1 Die Tänzerinnen

Gleich im ersten Level des Chysler-Buildings befinden sich duzende Tänzerinnen. Die Frauen tragen schwarz-weiße Kostüme, mit plüschigen Ohren. Auf den ersten Blick erinnern sie an Playboy-Bunnies. Bei genauerem Hinsehen erkennt man jedoch, dass sie nicht etwa Häschen, sondern Schafe darstellen sollen. Allerdings stecken sie nicht in ganz-körper-Schafskostümen, sondern sind sehr sexy gekleidet. Obenrum sind die Kostüme zwar weiß, plüschig und hochgeschlossen, jedoch tragen die Tänzerinnen nur schwarze Hotpants und schwarze Netz-Strumpfhosen an den Beinen. Passend dazu auch schwarz-weiße High-Heels. Um den Hals tragen die Mädchen schwarze Bänder, die zu einer Schleife gebunden sind. Dies erinnert an eine Fliege am Anzug eines Mannes. Man merkt, dass in Matthew Barneys Werkenbis ins kleinste Detail mit den Geschlechtergrenzen gespielt wird und sie verwischt werden.


Die weiß-rosa Ohren die die Tänzerinnen am Kopf tragen weisen sie einerseits als Schafe aus. Andererseits macht es sie zu einer Art Spielzeug. Zu niedlichen Tieren oder auch Kuscheltieren, mit denen man spielen kann. Genau wie die Playboy-Bunnies, für die man sie, wie gesagt, auf den ersten Blick halten könnte, stellen sie Sexobjekte dar. Niedliche Schäfchen, mit denen ein Mann spielen kann.
Passend dazu tanzen die Frauen auch. Sie führen eine Choreographie auf, wie sie vor mehreren Jahrzehnten in verruchten Bars gezeigt wurde. Sie steppen und tanzen eine Art Cancan. Sie erinnern an die „Leichten Mädchen“ der 20er oder 30er Jahre, die käuflich und dem Freier dann für Geld zu Willen waren.

2.2 Die Leopardenfrau

Die Leopardenfrau wird von Matthew Barneys Lieblingsmodel Aimee Mullins verkörpert. Diese befindet sich auf der dritten Etage des Chrysler Buildings. Sie ist zuerst noch „die Frau im weißen Abendkleid“, verwandelt sich dann aber während einer Umarmung mit dem Lehrling, der von Matthew Barney selbst gespielt wird, in die Leopardenfrau. In dieser Rolle zerkratzt sie ihm den Rücken und kämpft mit ihm. Äußerlich ist sie eine Mischung aus Leopard und Mensch. Ihr Oberkörper ist nackt und nur ein wenig geschminkt, also immer noch ein menschlicher Rumpf. Die Beine allerdings tragen die typische Musterung eines Leopardenfelles. Auffällig sind, neben dem beweglichen Schwanz, auch die Füße, die auf Grund von Aimee Mullins´ Behinderung, an ihre Beine angesetzt wurden und somit von echten Raubtiertatzen nicht zu unterscheiden sind. Bemerkenswert ist, dass Aimee Mullins als „Frau im weißen Abendkleid“ auf ihren Glasfüßen scheinbar Probleme beim Laufen hat. Wenn sie sich aber in die Leopardenfrau verwandelt, kann sie sich mühelos bewegen.
Der eigentliche Blickfang aber ist der Kopf und das Gesicht des Models. Abgesehen von der nach hinten aufgetürmten Frisur, ist besonders das Gesicht außergewöhnlich. Mit einer aufgeklebten Nase und perfektem Make up könnte man es auf den ersten Blick für ein echtes Leopardengesicht halten. Die am Kopf befestigten Katzenohren vervollständigen das Bild des Zwitterwesens. Scheinbar absolut zufrieden und entspannt liegt sie später in einer „Katzenpose“ auf einer Art Katzenbaum und leckt sich die Hand. Aus größerer Entfernung ist Aimee Mullins nun kaum mehr von einem echten Leoparden zu unterscheiden.

2.3 Die Frau im weißen Abendkleid

Bevor sich Aimee Mullins in die Leopardenfrau verwandelt, trägt sie ein weißes Kleid und geht, ebenfalls auf der dritten Ebene, hin und her. Das Kleid scheint von vorn ein knapp geschnittenes Abendkleid zu sein unter dem sie ohne Zweifel nichts anderes mehr trägt. Doch erst als sie sich umdreht, wird deutlich, wie knapp es ist. An der Rückseite wird es nur ein einer Stelle zusammengehalten und verdeckt gerade ihren Po. Dafür trägt sie lange weiße Handschuhe und auf dem Kopf eine Art „Schwesternhäubchen“, das zusammen mit dem weißen Kleid, stark an eine Krankenschwester erinnert. Am auffälligsten sind aber wieder die nicht vorhandenen Füße und Unterschenkel, die diesmal durch Glasstiefel ersetzt wurden. Dies führt dazu, dass Mullins beim hin-und-her gehen sehr künstlich wirkt. Ihr Laufen wird die ganze Zeit von einem klirrenden Geräusch begleitet. Bei näherem Hinsehen wird klar, dass dies von Metall oder Ähnlichem, herstammt, welches hinten an ihrem Kleid befestigt ist. Es wirkt in dieser Szene so, als sei Aimee Mullins´ natürliche Nacktheit, ihr natürlicher Körper, in ein künstliches Kostüm, mit Glasfüßen, klirrendem Metall und einem Kleid das mehr ein Tuch als ein richtiges Kleidungsstück ist, gepackt worden.

2.4 Die Zombie-Leiche

In der langen Version des Cremaster 3, also nicht in „The Order“, kommt auch ein weiblicher Zombie vor. Sie befindet sich unterhalb des Chrysler-Buildings und beginnt sich aus der Erde hervorzugraben. Vor langer Zeit befand sich an dieser Stelle eine Farm und als der Zombie sich nun aus ihrer Grabstätte empor gräbt, kommen auch Überreste von Ziegen zum Vorschein. Der Zombie selbst wird sofort wieder durch die aufgehende Sonne getötet, als sie die Eroberfläche erreicht. Die Untote ist zwar schon verwest, man kann aber noch ihre roten Haare erkennen. Allerdings sind ihre Augen entfernt worden. Getötet wurde sie nur vier Schüsse ins Herz, wie man an den Einschusslöchern auf ihrer Brust erkennen kann.

2.5 Die Kartoffelschälerin

In der langen Version des Cremaster 3 gibt es auch eine Szene, in der eine Frau im Chrysler Building sitzt und Kartoffeln schneidet. Sie scheidet die Kartoffeln mit Klingen an ihren Schuhen zu „fünfseitigen Keilen und stopft sie unter das Fundament der Bar, um diese und damit das gesamte Gebäude aus der Balance zu bringen. “1
Dabei trägt sie ein Pailletten-besetzte Strümpfe aus dem gleichen, festen Material wie ihre Handschuhe. Nancy Spector schreibt dazu: „In der Heroine, die in ihrem feingesponnenen Kettenhemd wie eine keltische Kriegs- und Erntegöttin aussieht, meint man das Unbewusste des Wolkenkratzers zu erkennen. Ihre stille Präsenz im weißen Kubus lässt nichts Gutes ahnen. Das Resultat ihrer Taten wird von den Freimaurern im nebenliegenden Abteil mit Senkblei und Wasserwaage registriert- sie passen auf, dass nichts schief geht.“2
Eine Frau, die Kartoffeln schält, könnte man auch als typisches Beispiel für eine Hausfrau sehen. Doch dadurch, dass sie es ist, die das gesamte Fundament des Gebäudes zum wanken bringt, ist sie keine Hausfrau, die „alles mit sich machen lässt“. Nur scheinbar fügt sie sich und erledigt die „Hausarbeit“, in Wahrheit aber kann sie „die Welt“ bewegen.

2.6 Die Revue-Girls

Diese Frauen kommen auch im „Cremaster 3 – The Order“ vor. Sie tragen jeweils nur ein winziges Höschen. Ihre Brustwarzen sind mit Sternen beklebt. Bis auf die langen, weißen Handschuhe, die Schuhe und eine Art von Hut sind sie nackt. Die Revue-Girls sind am Anfang jeder „The Order“- Etagenszene zu sehen, wie sie die jeweiligen Hauptdarsteller präsentieren. Jedes mal, wenn am Ende der Szene der Hauptdarsteller, also der Lehrling, von der jeweiligen Etage fällt, fällt er in eine Art Brunnen oder Pool, in dem die Girls sitzen. Ihnen scheint es nichts auszumachen, dass plötzlich ein Mann zu ihnen fällt, sie lachen sogar.

3. Die Frauen im „Cremaster 3“ als künstliche Wesen

Nicht nur im Cremaster 3, sondern auch in seinen andern Filmen, liebt es Matthew Barney mit der Künstlichkeit zu spielen. Er verwandelt Menschen in Walfische wie in „Drawing Restraint 9“ oder lässt merkwürdige Zwitterwesen in seinen Filmen auftauchen. In diesem Fall, im „Cremaster 3“, fällt in diesem Zusammenhang besonders das Model Aimee Mullins ins Auge. Sie ist ohne untere Gliedmaßen geboren worden, unterhalb des Knies fehlen also Beine und Füße. Doch anstatt sie in ihrer Natürlichkeit auftreten zu lassen, trägt sie in jeder Szene Beinprothesen.
Als Leopardenfrau kommt es ihr ihre Behinderung fast schon zu Gute, denn so wirkt sie einer echten Raubkatze noch viel ähnlicher. Zu ihrer Verkleidung gehören natürlich auch die nach hinten aufgetürmten Haare und der geschminkte, nackte Oberkörper. Aber richtig authentisch wirkt sie erst durch die Pfoten, die ihre Beine auf den ersten Blick wie die eines echten Leoparden erscheinen lassen. Dennoch ist sie natürlich kein richtiger Leopard, sondern eine künstliche Kopie. Sie ist ein Frau, die versucht ein Leopard zu sein. Dies gelingt ihr zwar außergewöhnlich gut, jedoch ist es nach wie vor nicht echt.
Noch deutlicher wird die Künstlichkeit bei Mullins in ihrer Rolle als Frau mit dem weißen Abendkleid. Sie trägt hier durchsichtige Beinprothesen aus Glas. Schon für sich allein gesehen wirken diese wie der Innbegriff des künstlichen. Eine erste Assoziation beim alleinigen betrachten der Prothesen ist ein Science-Fiction-Film oder eine ferne Zukunft. Sie wirken sauber, fast steril. Eben dies steht im krassen Unterschied zu Aimee Mullins im weißen Kleid. Wie schon erwähnt, ist dieses Kleid mehr ein Tuch, es erinnert fast an eine Tischdecke, die sie sich um den Körper geschlungen hat. Ihr unter der „Decke“ nackter Körper ist eben die Natürlichkeit schlechthin. Nackt und unverändert, „wie Gott sie schuf“.


Andererseits passen die Glasprothesen zum Kleid, wenn man das Model mit einer Krankenschwester vergleicht. Wie gesagt, wirken die Prothesen steril, wie OP-Besteck im Krankenhaus. Mullins trägt zu dem Kleid auch ein Häubchen auf dem Kopf, dass an eine Krankenschwester erinnert. Vielleicht soll sie dem Hauptdarsteller des „Cremaster 3“, dem Lehrling, helfen, ihn heilen. Diese Heilung kann rein physisch gemeint sein, da ihm ja die Zähne auf brutale Weise herausgebrochen wurden oder auch psychisch. Der „Cremaster 3“ ist das mittlere Stück des gesamte Zyklus. „Als Mittelstück reflektiert es wie ein doppelter Spiegel die früheren und späteren Teile. Im Laufe der biologischen Evolution, die der Cremaster-Zyklus nachzeichnet, erfolgt in der dritten Phase eine Umwertung: Auf halben Weg zur Differenzierunguflehnung steht unleugbar fest, dass die Trennung der Geschlechter trotz hartnäckiger Auflehnung nicht mehr zu verhindern ist. Diese Erkenntnis wird allerdings nicht passiv hingenommen; sie verlangt die Sammlung innerer Kräfte für den bevorstehenden Kampf zwischen Entropie und Wachstum.“3
Schreibt Nancy Spector in ihrem Buch über Matthew Barney. Möglicherweise soll die „Krankenschwester“ dem Lehrling also eine Hilfe sein um den Kampf zu gewinnen.
Auf den Glas-Prothesen kann Aimee Mullins nur schlecht laufen. Wie in viel zu engen Schuhen oder auf sehr hohen Absätzen balancierend, läuft Mullins wackelig und künstlich. Der Zuschauer bekommt den Eindruck, dass sie sich auf diesen Prothesen nicht wohlfühlt. Man hat fast schon Angst um sie, weil sie jeden Moment umzufallen droht. Was für ein Unterschied ist es da, als sie sich plötzlich in den Leoparden verwandelt und sich nun frei Bewegen kann. Nun rennt sie herum und läuft schnell, was vorher unmöglich schien. Sie ist nun sogar so frei, dass sie mit dem Lehrling kämpfen kann.
Einige Experten sind der Ansicht, dass die Leopardenfrau das Alter Ego des Lehrlings darstellen soll, mit dem er kämpft. Jedoch scheint er nicht zu gewinnen. Denn auch hier fällt er am Ende nach unten, in die Mitte des Chrysler Buildings, in den Brunnen zu den „Badenixen.“
Ein weiteres Beispiel für „künstliche Frauen“ im Cremaster 3, sind die Tänzerinnen. Wie schon erwähnt, erinnern sie an Playboy-Bunnies, die meiner Meinung nach, der Inbegriff einer künstlichen Frau sind. Meist haben sie Unsummen investiert um ihren Körper so zu verändern, dass er in ein künstlich geschaffenes Ideal passt. Genau diesen Eindruck erwecken auch die Tänzerinnen in den Schafskostümen. Schon allein ihr einstudierter Synchron-Tanz wirkt, als hätten sie viel Zeit investiert um ein perfekten Bild zu liefern. Auch sehen die Frauen praktisch identisch aus, nur wer genau hinsieht erkennt Unterschiede. Sie sind also eigentlich keine einzelnen Individuen, zumindest nicht, so lange sie in den Schafskostümen tanzen und ihre Show durchziehen. Auch die weißen Handschuhe, die jedes „Schaf“ trägt, wirken unecht. So als wollten sie keine Fingerabdrücke hinterlassen, mit denen man sie identifizieren und vielleicht auch auseinander halten könnte. Dass die Frauen ausgerechnet Schafskostüme tragen, könnte Zufall sein. Allerdings erweckt es die Assoziation eines „dummen Schafes“, wie es im Volksmund heißt.
Die Revue-Girls sind den Tänzerinnen sehr ähnlich. Sie tragen zwar andere Kostüme und tanzen nicht, sondern präsentieren die anderen Darsteller, dennoch sind sie auch Frauen, die vor Zuschauern auftreten. Da sie noch weniger Kleidung tragen als die „Schafe“ erinnern sie noch mehr an Stripperinnen oder sogar Prostituierte. Man kann sich gut vorstellen, dass sie nach der „Show“ in einer kleinen und heruntergekommenen Garderobe sitzen und sich abschminken. Nur was auf der Bühne passiert, zählt, nur das Äußere ist wichtig. Man kennt Bilder von Künstlern, beziehungsweise Tänzerinnen oder auch Stripperinnen, die sich stundenlang zurechtmachen um auf der Bühne perfekt zu sein. Die Zuschauer merken nicht, wie viel Arbeit sie investiert haben und sollen es auch nicht merken. Aber wenn die Show vorbei ist, ist auch der Zauber zu Ende und das künstlich aufgebaute Bild, die schöne Maske, wird zerstört und heruntergenommen. Genau diesen Eindruck machen die Revue-Girls. Ein schöner Schein, aber die Wahrheit sieht wahrscheinlich anders aus. Man könnte meinen, dass sie durch ihre Nacktheit an Natürlichkeit hinzugewinnen, doch meiner Meinung nach, passiert genau das Gegenteil. Zwar wirken die Mädchen souverän und selbstbewusst, aber dennoch gehört auch die Nacktheit zur Show. Sie ist ein Teil ihres Kostüms. Im Alltag wird sich keine von ihnen so kleiden, wie sie es auf der Bühne tut.
Auch die Zombie-Leiche ist ein Beispiel für die Unnatürlichkeit bei Matthew Barney. Schon allein ihre bloße Anwesenheit widerspricht alles Naturgesetzen. Sie ist eine Untote, die wieder aufersteht. Das passiert in der realen Welt natürlich nicht. Möglicherweise ist sie eine Metapher für den eben schon erwähnten Kampf, den der Lehrling zu gewinnen versucht. Er versucht noch einmal aufzustehen, beziehungsweise sammelt noch einmal all seine Kräfte um zu gewinnen, aber er wird zurückgeworfen, verliert. Denn die Leiche wird ja auch von der Sonne zerstört, nachdem sie sich mühsam an die Erdoberfläche gegraben hat.

4. Die Zwitterwesen im Cremaster 3

„Barney beschwört den Moment, da sich der Fötus noch nicht entschieden hat, ob er Mann oder Frau werden will, und alles ´offen´ ist. Der Gedanke, dass es in der menschlichen Entwicklung eine Phase des Vorgeschlechtlichen gibt, hat ihn fasziniert: Zu diesem Zustand muss man doch zurückkönnen, zurück zum ´Sowohl-als-auch´, in den Urstrom des Lebens, der noch nicht ausgehärtet ist zu Männern und Frauen, Dingen und Wesen, Raum und Zeit.“ Dieses Zitat aus der „Zeit“4 erklärt ein wenig, warum bei vielen von Matthew Barneys Werken Zwitterwesen vorkommen. Oft lässt er eine Mischung zwischen Mensch und Tier auftreten, wie in „Drawing Restraint 9“ in dem er und seine Freundin Björk sich in Wale verwandeln. Hier will ich mich aber auf den Übergang, beziehungsweise die Vermischung von Mann und Frau beschränken.
Der „Cremaster 3“ steht in der Mitte des Cremaster-Zyklus und ist sozusagen „das Rückrat zwischen den beiden Hälften. Dabei wird das Chrysler Building als „Spiegel“ benutzt um den Wendepunkt noch deutlicher zu machen“. 5
„Obwohl seine aufs Großmeisterliche zielende Kunst den Eindruck erzeugt, betont männlich bis macho zu sein, legt Barney sein Körperkino andererseits so an, dass sexuelle und sonstige Unterschiede immer wieder zugunsten von Zwitterwesen, androgynen Gestalten, organisch-anorganischen Hybriden aufgehoben werden. Er sucht die Zusammenarbeit mit einer Popikone der Weiblichkeit wie Ursula Andress (in ´Cremaster 5´, 1997) oder einem Männlichkeitsdarsteller wie Norman Mailer (´Cremaster 2´, 1999). Aber er gibt diesen sexuell so eindeutigen Figuren irritierende Rollen: Andress wird zur „Königin der Kette“, einer Übermutter und obskuren Geliebten, Mailer zu Harry Houdini, dem legendären Entfesselungskünstler und einem der Heroen in Matthew Barneys Pantheon. (…) Dabei versteht Barney sich nicht als Politiker der Sexualität, seine sexuelle und geschlechtliche Mythographie ist in keine sozialen Kämpfe, etwa der Schwulenbewegung oder der queer politics, einbezogen, sondern beharrt auf einer forcierten Autonomie, die er selbst immer wieder als ´autoerotisch´ bezeichnet. `Mein System ist geschlossen. Die verschiedenen Figuren, die da auftauchen sind letztlich eine einzige Person.`“ 6 schreibt das Kölner Magazin „Stadtrevue“ zu diesem Thema. Ein Beispiel für die Zwitterwesen im „Cremaster 3“ ist der Lehrling selber. In der Szene, in der er auf dem Zahnarztstuhl gefoltert wird, liegt sein Penis abgetrennt vor ihm. Diese „Entmannung“ macht ihn in diesem Moment fast zu einer Art Frau. Ohne Penis ist er kein „richtiger“ Mann mehr. Das was ihn als Mann ausmacht, wurde ihm genommen.
In ihrem Buch über Matthew Barney schreibt Nancy Spector: „Der Cremaster-Zyklus spielt mit der Möglichkeit, diese Phase durch eine Rebellion gegen den Teilungszwang endlos auszudehnen. Er dokumentiert in fünf Teilen den inneren Kampf gegen die Determination und den Phasenverlauf vom völligen Aufstieg zum völligen Abstieg.“7 Sie schreibt weiter, dass die Stimmung im „Cremaster 1“ noch völlig feminin sei. Dieses erklärt sie damit, dass jeder Embryo zu Beginn weiblich ist. Der Cremaster-Zyklus ist also wie ein Berg aufgebaut. Der „Aufstieg“ ist weiblich. Mit dem „Cremaster 3“ ist die Bergspitze erreicht. Dort verändert sich das Geschlecht. Deshalb spielen hier die Zwitterwesen eine besonderer Rolle. Der Abstieg ist dann männlich geprägt. Dies hängt sicherlich auch mit dem Namen der Filmreihe „Cremaster“ zusammen. Der Cremaster ist ja ein Muskel an den Hoden, der je nach Außentemperatur den Hoden hebt und senkt. Auf- und Abstieg wie bei einem „Berg“, so auch der Cremaster-Zyklus. Nancy Spector bezeichnet den Anfang des Zyklus als „bisexuellen Urzustand“.8 Weiter meint sie, dass „der männliche Zustand des Abstiegs nicht ohne weiblichen Gegenpart gedacht werden kann.“9
Die Zwitter, allen voran der entmannte Lehrling sind also der Höhepunkt des Zyklus, sie sind die Bergspitze. Sie zeigen eine Umwandlung. Zwar irritiert es ein wenig, dass der Lehrling ja vom „echten“ Mann zur einem Penislosen Geschöpf gemacht wird, und die Verwandlung damit eigentlich falsch herum geschieht. Jedoch denke ich, dass es unwichtig ist, in welche Richtung er sich verwandelt. Denn wie schon erwähnt, stellt die „Bergspitze“ eine Art Spiegel dar, man kann also auch in die andere Richtung blicken.
Auch in einer anderen Szene wird auf die Verwandlung angespielt. Als der Lehrling auf Aimee Mullins im weißen Kleid trifft, ist er wie ein Travestie-Künstler gekleidet. Er trägt ebenfalls ein Tuch um den Leib, das aussieht, wie ihr Kleid. Er hat auch ein „Schwesternhäubchen auf dem Kopf. Aber am auffälligsten sind seine Schuhe. Es sind High-Heels, die Mullins Glas-Schuhen gleichen. Da sich die beiden in dieser Szene näher kommen, eng umschlungen im Raum stehen und kurz davor sind, sich zu küssen, bevor Mullins sich in die Leopardenfrau verwandelt ist seine plötzliche Weiblichkeit sehr irritierend.
Dennoch stellt auch diese Begegnung einen weiteren Schritt zur Verwandlung dar. Der Lehrling selber macht diese Verwandlung durch. Erst wird ihm sein Penis genommen, dann kleidet er sich auch noch weiblich mit einem Kleid. Er verwandelt sich für einige Momente in eine Frau. Auch hier spielt es wieder keine Rolle in welche Richtung die Geschlechtsumwandlung sich bewegt, da, wie schon erwähnt, die „Bergspitze“ ein Spiegel ist und man auch in die entgegengesetzte Richtung blicken kann. Auch der Lehrling trägt, in das weiße Tuch gewickelt, kleine Glöckchen oder ähnliches am Rücken, die auch bei ihm ein klirrendes Geräusch verursachen. Wie schon erwähnt, wirkt dieses klirren besonders unnatürlich. So ist er in seiner Rolle als Frau, ebenfalls künstlich, wie eigentlich alle Frauen im „Cremaster 3“.
Matthew Barney liebt es, mit dem Körper zu spielen. Dabei benutzt er seinen eigenen genau so wie den seiner Schauspieler. Ulf Poschard schreibt dazu: „Der Körper wird zu Welt gemacht. Die medizinischen Instrumente, die bei Barney in Installationen und Videos immer wieder auftauchen, dienen dazu, den Körper zu öffnen.“10 Diese Öffnung ist sicherlich für die Geschlechtsumwandlung sehr wichtig. Der Körper muss schließlich dazu bereit sein. Er muss innerlich geöffnet werden um den nächsten Schritt zu gehen.

5. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Frauen-Figuren

Die Frauen in Matthew Barneys Cremaster 3 spielen alle unterschiedliche Rollen. Zum Teil werden sie mit Tieren verglichen bis zu dem Punkt, an dem der Zuschauer sie schon fast als Tier wahrnimmt, wie bei der Leopardenfrau. Andere sind reine Sexobjekte, wie die Revue-Girls.
Andererseits haben alle eine Gemeinsamkeit: Keine von ihnen ist natürlich. Jeder wird auf ihre Art als ein Kunstwerk dargestellt. So zum Beispiel die Tänzerinnen. Wie schon erwähnt, würden sie auf keine Fall in ihrem Alltag solche Kostüme tragen. Sie spielen eine Show, ein Theater bei dem sie sich einige Zeit perfekt geben müssen. Nachher können sie sich entspannen. Fast das gleiche gilt für die fast-nackten Revue-Girls. Sie präsentieren die anderen Darsteller und spielen eine Show. Ähnlich wie bei der „Frau im weißen Kleid“, wird bei den Stripperinnen ein hohes Augenmerk auf die Schuhe, beziehungsweise die Füße gelegt. Auch sie tragen Glas-Schuhe, wie in einer Nahaufnahme der Füße deutlich gezeigt wird.


Auch die Füße und Beine der Tänzerinnen werden mehrmals gezeigt. Während der mehr als 10 Minuten andauernden Tanzszene der „Schäfchen“ zeigt die Kamera häufig nur die Füße in den schwarz-weißen High-Heels. Oder auch die in schwarzen Netzstrumpfhosen steckenden Beine, die die Mädchen durch die Luft wirbeln.
Bei Aimee Mullins fallen die Füße und Beine natürlich am deutlichsten ins Auge, da diese bei ihr nicht vorhanden sind. Sie werden zwar durch Prothesen ersetzt, aber das macht die Tatsache der fehlenden Gliedmaßen kaum weniger auffällig.
Die Frau die in einer Art Abendkleid in der Küche Kartoffeln schneidet, tut dies ja auch mit ihren Füßen.
Nur bei der „Zombie-Frau“ wird keinen besonderen Wert auf die Füße gelegt.
Eine weitere Gemeinsamkeit der Frauen im „Cremaster 3“ ist, dass sie alle auf ihre Art Sexobjekte sind. Man kann, flapsig ausgedrückt sagen, „für jeden ist etwas dabei“. Sie sind unterschiedlich, aber dennoch befriedigen sie die unterschiedlichen Bedürfnisse. Aus der Rolle fällt hier nur wieder der Zombie. Zwar gibt es sogar ein Wort für das Bedürfnis sexuellen Kontakt mit Toten zu haben. Jedoch glaube ich nicht, dass die Leiche hier für Nekrophilie steht. Auch die Leopardenfrau passt nicht ganz in diese Theorie. Doch auch wenn sie nichts mit Sodomie zu tun hat, könnte sie für etwas Wildes und Ausgelassenes stehen. Wie schon erläutert, sind sollen die Tänzerinnen, meiner Meinung nach, eine Art Playboybunnies darstellen, die willig sind und die Fantasien der Männer befriedigen. Ähnlich auch die Revue-Girls. Die Kartoffelschälerin ist für mich eine Art Hausfrau. Dass sie die Männer hintergeht und manipuliert (in dem sie versucht das Chrysler Building aus dem Gleichgewicht zu bringen) spielt in sexueller Hinsicht keine Rolle.
Auch Aimee Mullins im weißen „Kleid“ passt hervorragend zu den anderen Frauen als Sexobjekte. Sie erinnert stark an eine Krankenschwester, wie sie häufig in Männerfantasien vorkommt.
Der große Augenmerk, der auf die Füße der Frauen gelegt wird, passt ebenfalls in die „für-jeden-ist-etwas-dabei“-Theorie. Denn auch ein Schuhfetischismus ist bei sexuellen Männerfantasien keine Seltenheit.
Doch trotz allem glaube ich nicht, dass Matthew Barney die Frauen in seinen Filmen nur als Sexobjekte benutzt. Dass sie auch als solche dargestellt werden, ist keine Fragen und bleibt nicht aus, wenn viele von ihnen fast nackt auftreten. Dennoch braucht er sie auch für die Verwandlung von Mann zu Frau oder eben andersherum. Denn wie Nancy Spector in ihrem Buch schreibt, kann es keinen „männlichen Zustand ohne weiblichen Gegenpart“11 geben. Dabei könnte die Nacktheit in der die Frauen zum Teil auftreten für das Ursprüngliche stehen. So wie „Gott sie schuf“, man wird schließlich nackt geboren. Im Gegensatz dazu steht die Künstlichkeit, die sie sich nach und nach angeeignet haben. Die Umwelt hat sie dazu veranlasst, sich anzukleiden.
Matthew Barney hat früher selbst als Model gearbeitet. Vielleicht kann man sich so erklären, warum die Frauen bei ihm auf diese Weise dargestellt werden. Gerade im Modebusiness werden sie oft nur als Anziehpuppen oder eben Sexobjekte gesehen. Respekt vor der Individualität der Mädchen hat man kaum.

6. Fazit

In Matthew Barneys „Cremaster 3“ kommen mehr Frauen vor, als es zunächst den Anschein hat. Ich habe mich in meiner Hausarbeit aber nur auf einige von ihnen beschränkt. Diese Frauen verbinden viele Gemeinsamkeiten. Natürlich sind auch einige Unterschiede vorhanden, aber ich denke, die Gemeinsamkeiten überwiegen. Am auffälligsten ist hierbei wohl die künstliche Art und Weise in der alle mehr oder weniger dargestellt werden. Auch als Sexobjekt können alle im Film vorkommenden Frauen gedeutet werden. Sie nur als Sexobjekt zu sehen, ist aber sicherlich zu oberflächlich.
Allgemein kann man sagen, dass die Weiblichkeit für Matthew Barney eine große Rolle spielt. Der Cremaster-Zyklus steht für eine Geschlechtsumwandlung. Das Ganze kann man als „Berg“ sehen, mit Aufstieg, Abstieg und dem Cremaster 3 in der Mitte als Bergspitze. Eben deshalb sind gerade für diesen Film Frauen und auch Zwitterwesen zwischen Mann und Frau so wichtig.

 

Fußnoten:

1. Spector, Nancy: Matthew Barney. The Cremaster Cycle. Köln: Museum Ludwig 2002. S.48.
2. Ebd. S. 48.
3. Spector, Nancy: Matthew Barney. The Cremaster Cycle. Köln: Museum Ludwig 2002. S.41.
4. http://www.zeit.de/2002/25/200225_ cremaster_xml?page=all
5. Vgl. http://www.taz.de/pt/2002/06/04/a0155.1/textdruck
6. http://www.stadtrevue.de/index_archiv.php3?tid=214&bid=2
7. Spector, Nancy: Matthew Barney. The Cremaster Cycle. Köln: Museum Ludwig 2002. S.33.
8. Ebd. S. 35.
9. Ebd. S. 73.
10. Poschard, Ulf: Cool. Hamburg: Rogner & Bernhard GmbH & Co. Verlag KG 2000. S. 166.
11. Spector, Nancy: Matthew Barney. The Cremaster Cycle. Köln: Museum Ludwig 2002. S.73