Hausarbeit zum Thema Popkultur

Ist Edie Sedgwick eine für die Popkultur typische Figur?

Inhalt:

  • 1. Einleitung S.3
  • 2. Was ist Popkultur? S.4
  • 3. Wer war Edie Sedgwick? S.9
  • 4. Was macht Edie zur Ikone der Popkultur? S.13
  • 5. Was spricht dagegen, dass Edie typisch für die Popkultur ist? S.18
  • 6. Fazit S.20

 

1. Einleitung

Edie Sedgwick, das als Andy Warhols Muse bekannt gewordene Society Girl wurde am 20. April 1943 in Santa Babara, Kalifornien, geboren. Sie starb nur 28 Jahre später am 16. November 1971 am gleichen Ort. Ihr Leben war aufregend, außergewöhnlich, ja geradezu spektakulär. Geboren als Kind reicher Eltern zog sie als junge Frau nach New York. Sie arbeitete als Model, Schauspielerin und wurde zum It-Girl und zur Stilikone. Ihr Look wurde millionenfach kopiert, auch heutzutage denkt man bei riesigen Ohrringen, dick geschminkten Wimpern und einem knabenhaft dünnen Frauenkörper an Edie Sedgwick.


Einen Großteil ihres Erfolges verdankt Edie wohl dem Künstler Andy Warhol. Durch ihn wurde sie berühmt, er formte sie nach seinen Vorstellungen und sie avancierte zum Liebling der New Yorker High Society. Andy Warhol gilt als Ikone der Pop-Art. Seine sogenannte Factory, der Ort an dem die meisten seiner Werke entstanden, wurde weltbekannt. Auch Edie lebte einige Zeit bei Warhol in der Factory.
In dieser Hausarbeit soll geklärt werden, ob Edie Sedgwick eine typische Figur der Popkultur ist. Steht sie für all das, was die Popkultur ausmacht? Lebte sie „den Pop“?
Im zweiten Kapitel wird zunächst erläutert, was Popkultur überhaupt bedeutet und was es ausmacht. Was meinen bekannte Autoren zu Warhol und Edie? Im dritten Kapitel soll beschrieben werden, wer Edie Sedgwick war. Woher stammte sie und wie hat sie gelebt?
Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, was Edie zur Ikone der Popkultur macht, was spricht für die These, dass sie typisch für den Pop ist? Das fünfte Kapitel beschreibt, was dagegen spricht. Warum ist Edie vielleicht doch keine typische Ikone der Popkultur?
Im sechsten und letzten Kapitel wird ein kurzes Fazit gezogen werden, in dem abschließend geklärt werden soll, wie Edie zur Popkultur steht.

2. Was ist Popkultur?

Pop ist ein großer Begriff. Kaum jemand würde von sich behaupten, die perfekte
Definition von Pop oder Popkultur gefunden zu haben. Im Alltag bringt man mit dem Thema Pop vor allem bunte Bilder, flotte Musik und einen lockeren Lebenswandel in Verbindung. Umberto Eco bringt mit dem Begriff Pop vor allem auch die Pop-Art und die Verwendung von alltäglichen Dingen in Zusammenhang, die zu Kunstobjekten gemacht werden.
„Ihre künstlerischen Vertreter haben auch andere Beweggründe: wenn sie alltägliche Objekte zum Gegenstand ihres ästhetischen Interesses machen, schaffen sich die Voraussetzung dafür, dass sich auch an diesen Objekten, die in der Konsumgesellschaft ein unscheinbares Dasein fristen, eine gewisse Schönheit entdecken lässt.“1
Weiter meint Eco, dass die Pop-Bewegung mit der sogenannten Konsumgütergesellschaft Hand in Hand geht, zumindest in den USA. Er sagt im Interview, dass die Europäer nicht in der Lage sind, die Konsumgütergesellschaft zur gleichen Zeit zu lieben und zu kritisieren, aber
„Für den Amerikaner hat die Konsumgesellschaft etwa den gleichen Wert wie für uns die Bäume, die Flüsse die Wiesen und die Kühe. Das heißt die reine Natur. (…) Deswegen hat der amerikanische Künstler den Gebrauchsgegenständen gegenüber auch eine völlig andere Einstellung. Er kann sie gleichzeitig lieben und verabscheuen.“ 2
Er meint, dass auch bei Versammlungen linker Studenten die Coca-Cola-Flaschen rumgereicht werden, ohne sich darum zu kümmern, dass sich die Marken-Cola mit der eigentlichen Ideologie wiederspricht. Die Amerikaner haben, laut Eco, also Spaß am Konsum und können gleichzeitig gegen den Kapitalismus eingestellt sein.
Eco spricht in dem Interview auch darüber, ob die Popkultur bedeutet, dass der Geschmack vulgär geworden ist. Er spricht dabei von einem „Aufstieg des Vulgären“.
„Da ich den Geschmack nicht für einen absoluten, sondern für einen historisch bestimmten Wert halte, würde ich sagen, dass der Pop unwiderstehlich all jene Dinge verwandelt hat, die der Geschmack von gestern noch für vulgär hielt. (…) Der Pop, die große Mode des Pop, hat diesen unaufhaltsamen Aufstieg des Vulgären als Zeichen sozialer Abgrenzung bewirkt.“3
Guter Geschmack“, dass bedeutet, laut Eco, heute auch für Frauen, die „etwas auf sich halten“ in Kaufhäusern einzukaufen. „Ein Beispiel: Die aktuelle Mode der geflickten und verblichenen Hosen.“4
Passend zum Vulgären meint auch Dietrich Dietrichsen, dass Pop eine gewisse Niveaulosigkeit beinhaltet.
„Unser `populär` steht einerseits im Gegensatz zu `elitär`, meint also inklusiv, andererseits im Gegensatz zu `anspruchsvoll`, meint also `niveaulos`, den Niveauverlust mithin den man eingehen muss, wenn man über die Eliten hinauswirken will.“
Pop ist für ihn eine „von oben aus gedachte Produktion, für untern oder nach unten hin.“ 5 Ob Edie Sedgwick vulgär oder etwa niveaulos war, soll später noch geklärt werden. Vollkommen widersprechen kann man diesem Vorwurf jedenfalls nicht.
Laut Diedrichsen ist Pop eine „Transformation, im Sinne einer dynamischen Bewegung, bei der kulturelles Material und seine sozialen Umgebungen sich gegenseitig neu gestalten und bis dahin fixe Grenzen überschreiten: Klassengrenzen, ethnische Grenzen oder kulturelle Grenzen.“6
Die Grenzen werden also überschritten, ja nahezu aufgelöst. Besonders interessant ist hier, dass die Klassengrenzen, laut Diedrichsen, nicht mehr gelten. Das betrifft sicherlich auch Edie. Sie stammt aus einer sehr reichen und hoch angesehenen Familie. Doch sie bleibt nicht in diesem behüteten Kreis reicher Menschen, sie bricht aus in eine Welt, in der nicht alles gut ist. Sie umgibt sich nun auch mit Menschen, die nicht zu ihrer „Klasse“ gehören. Doch auch dies soll später noch genauer erläutert werden.
Pop, das bedeutet für Diedrich Diedrichsen auch sexuelle Befreiung und „völlig neue künstlerischen Verfahren“7. Andy Warhol war kein klassischer Künstler. Er hat eben diese „völlig neuen Verfahren“ ausprobiert und er war damit erfolgreich. Edie Sedgwick hat ihn dabei begleitet, sie hat mitgewirkt bei seiner seltsamen Art Filme zu drehen. Auch sexuell lebten die Bewohner der Factory sehr offen. Oft waren sie nackt oder zumindest oben ohne. Sie gingen mit ihren Körpern ganz natürlich um, ohne Scham oder Scheu.
Diedrichsen meint weiter, dass Warhols Art zu arbeiten stark dem sogenannten Camp ähnelt.
„Warhol operiert überdreht, aber ohne Ironie mit den Codes, Gebräuchen und auch Werten der normalen US-Gesellschaft (Stars, Hollywood, Reichtum, Berühmtheit etc.) und hielt sich nur nicht an die Regeln über die Erreichbarkeit und Verwendungsweise in bezug auf die Codes und Werte, auf die er sich bezog.“8
Genau bei alle diesen Dingen ist auch stets Warhols Muse Edie dabei. Auf dem Höhepunkt ihrer Freundschaft unterstützt sie ihn, wo sie nur kann. Teilweise lässt sie sich vor laufender Kamera demütigen, um Andy zu gefallen. Allerdings muss man an dieser Stelle bedenken, dass Edie lange Zeit stark Drogenabhängig war, weshalb sie vielleicht gar nicht ganz verstanden hat, wie sehr sie ausgenutzt und gedemütigt wurde.
Thomas Hecken schreibt über Pop, dass die Anhänger einen alternativen Lebensstil bevorzugen.
„Besonders Sprechweisen, Ticks, bohemehafte Selbststilisierung bieten den zumeist jüngeren Anhängern umgekehrt genügend avantgardistischen Reiz, um den gewünschten Zusammenhang von Kunst und Leben innerhalb einer Szene, im Rahmen eines alternativen Lebensstils herzustellen.“9
Dies trifft genau auf die Leute in Andy Warhols Factory zu. Und somit natürlich auch auf Edie Sedgwick. Bohemehaft, und das eigenen Leben zu Kunst zu machen, innerhalb eines alternativen Lebensstils. Das ist im Grunde genau das, was den Lebensstil der Factory-Mitglieder beschreibt.
Drogen waren, wie schon ansatzweise erwähnt, auch ein großer Teil von Edies Leben. Und laut Thomas Hecken, auch für die anderen Anhänger der Popkultur. „His next Stepp was to abstract himself in action. Tea made this possible. Tea (marihuana) and other drugs supplied the hipster with an indispensable outlet.”10
In Büchern und in Filmen über Edie Sedgwick wird sie so dargestellt, als wäre sie am Höhepunkt ihrer Popularität ständig unter Drogeneinfluss gewesen. Das war höchstwahrscheinlich auch so. Auf Fotos hat sie so gut wie immer eine brennende Zigarette in der Hand, im Film „Factory Girl“, in dem Sienna Miller die Rolle der Edie übernimmt, wird deutlich gezeigt wie Edie an den Drogen zu Grunde geht. Edie beschränkt sich vor allem nicht nur auf Marihuana, sondern spritzt sich „Cocktails“ aus verschiedenen Aufputschmitteln. Sie wird schnell süchtig und gerät schnell immer tiefer in den „Drogensumpf“. Am Ende stirbt sie an einer Überdosis. Und das mit nur 28 Jahren.
Hecken schreibt weiter, dass Pop Wünsche erfüllt. Die Leute wollen, dass die von ihnen gekauften Produkte eine gewisse Vorstellung erfüllen, die die Kunden dort hineinprojizieren.
„Packard dokumentiert in aller Ausführlichkeit die größtenteils erfolgreichen Anstrengungen der Werbung, den Konsumenten zu immer neuen Käufen anzuleiten; dazu weise sie den Käufer nicht auf die materiellen Vorzüge des jeweiligen Produkts hin, bilanziert Packard in vertrauter Weise die Geschichte der Werbung, sondern lasse das Produkt mit Vorstellungsbildern verschmelzen. Der Kunde kaufe daraufhin weniger eine Sache, als vielmehr Bilder und Wünsche, die seine eigenen Lüste, Statusinspirationen und Selbstprojektionen imaginär erfüllen.“11
Edie hatte das Pech, auch nur eine Projektion zu sein. Warhol machte eine Art alter Ego aus ihr. Er formte sie so wie er sie haben wollte, nutzte sie aus, so dass er noch erfolgreicher war. Im Film „Factory Girl“ wird gesagt, dass auch wenn Edie heruntergekommen aussieht, im Handumdrehen ein neuer Modetrend daraus wird. Die Menschen sehen also das, was sie sehen wollen in Edie.
Warhol hat silber-blondes Haar. Auch Edie, die eigentlich eher braune Haare hat, färbt sich ihr Haar im gleichen Ton wie Andy Warhol. Damit ist sie ihm scheinbar noch näher und passt auch besser in seine Factory hinein.
„In dem komplett silbrig gestalteten Environment seiner Factory stehen dann nicht nur silberne Möbel und Gebrauchsgegenstände, in ihm bewegt sich auch der Künstler selbst mit entsprechend eingefärbtem Haar, wie es der Reporter 1965 in einem Superpop betitelten Zeitungsartikel gleich zu beginn breit ausmalt.“12
Warhol selbst war der Künstler, er bestimmte wie die Factory eingerichtet war und welche Haarfarbe er trug. Aber Edie ist für Warhol nur ein „Gebrauchsgegenstand“, wie all die anderen, die in seiner Factory herumstehen.
Hecken schreibt weiter, „folgt man der Newsweek-Definition, zählt zu Pop allerdings auch das Rebellische, aber letztlich ist doch alles nur ein Spaß.“13 Das ist eine Aussage, die ziemlich genau auf Edie Sedgwick zutrifft. Sie ist schon auf eine Art rebellisch, vor allem gegen ihre Eltern. Sie stammt aus einer sehr reichen Familie, die schon seit vielen Generationen zur Oberklasse Amerikas gehört. Edie bricht aus, gibt mehr Geld aus als sie hat und führt kein Leben, wie es sich ihre Eltern vorstellen, sie rebelliert. Andererseits ist für Edie diese Rebellion, zumindest bis zu einem gewissen Zeitpunkt, nur Spaß. Sie will ihr Leben genießen, ohne Zwänge, frei sein und das tun, wozu sie Lust hat. Das sieht man sogar an ihrem Kleidungsstil. Edie denkt nicht groß darüber nach, was sie anzieht. Sie will sich nicht den aktuellen Trends beugen. Gerade dadurch wird sie selbst zum Trendsetter, sie setzte neue Trends, sie wird zur Stilikone. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Drogen sie vollkommen zerstört haben, hat Edie Spaß. Sie feiert wilde Partys und genießt ihr Leben. Ihr Pech war es nur, dass sie es zu weit getrieben hat.
„… die Teenanger finden sich insgesamt zur auffälligen, von der Mehrheit der Erwachsenen geschiedenen Subkultur erhoben“14, schreibt Hecken. Auch dies passt. Wie eben erwähnt, will Edie nicht so sein wie ihre Eltern. Sie will frei sein und sich nicht an Regeln halten. Sie fühlt sich so wahrscheinlich besser und auch „erhobener“, mächtiger als all die Menschen, die sich an Regeln und Konventionen halten müssen.
Auch wenn Edie vom Altern her eigentlich auch schon erwachsen ist, fühlt und benimmt sie sich doch wie ein Teenanger. Sie rebelliert wie eine 16-jährige und das, obwohl sie ca. zehn Jahre älter ist.
„…die jugendliche Kleidung symbolisiert eine Art Revolte (…) die Kleidung bilde nicht nur das Kennzeichen für Jugendlichkeit, sondern steht für eine viel tiefergehende Abgrenzung von erwachsenen Werten ein.“15 Edie benimmt sich wie ein Kind oder wie eine Jugendliche. Sie will auch mit ihrer Kleidung zeigen, wie „abgegrenzt“ sie ist. Sie trägt meiste einen wilden Stilmix aus teurer Designerkleidung und Flohmarkt-Fundstücken. Dazu so gut wie immer sehr große, auffällige Ohrringe. Ihre Eltern würden so etwas niemals tragen, deshalb trägt Edie es.

3. Wer war Edie Sedgwick?

Edie wurde nur 28 Jahre alt. In ihrem kurzen Leben arbeitete sie vor allem als Schauspielerin, Fotomodell und war auf dem Höhepunkt ihrer Karriere ein Star in der New Yorker Gesellschaft. Durch ihre Drogenabhängigkeit zerstörte sie sich allerdings selbst. Nach zahlreichen Klinikaufenthalten starb Edie Sedgwick im November 1971 in Santa Barbara, Kalifornien.


Edith Minturn Sedgwick, wie Edie richtig hieß, wurde in eine traditionsreiche und äußerst wohlhabenden Familie hineingeboren. Sie hatte sieben Geschwister. Edies Familie war nicht nur eine etablierte Familiendynastie mit eindrucksvollem Stammbaum, sie war auch psychotisch vorbelastet.
Schon mit 13 Jahren, als Edie nach San Francisco geschickt wurde, um dort zur Schule zu gehen, entwickelte sich bei ihre eine Magersucht. Auch bulimische Phasen gab es. Nachdem Edie von der Schule genommen wurde, sie aber auch im exklusiven Mädcheninternat St. Timothy´s große Probleme hatte sich einzuleben, wurde sie nach einer Zwischenphase in Europa, 1962 in die psychiatrische Klinik Silver Hill in Connecticut eingewiesen. Da Edie durch ihre Magersucht inzwischen nur noch etwa 45 Kilo wog, wurde sie in eine geschlossene psychiatrische Klinik in New York verlegt. Dort wurde sie schwanger, allerdings wurde ihr geraten das Kind abzutreiben. Wer der Vater des ungeborenen Kindes war, wurde nie geklärt.
Im Herbst 1963 begann Edie ein Kunststudium an der Harvard University. Zu dieser Zeit machte sie ihre ersten Erfahrungen mit Drogen, vor allem mit LSD. Im März 1964 erhängte sich Edies Bruder Francis Minturn (Minty) an einer Badezimmertür in der psychiatrischen Klinik Silver Hill. Edie litt sehr unter dem Selbstmord ihres geliebten Bruders und gab ihrem Vater die Schuld an seinem Tod.
Nach nur einem Jahr Studium ging Edie aus nach New York. Begleitet wurde sie dabei von ihrem Bekannten Chuck Wein, den sie in Harvard kennen gelernt hatte, und der später eine Art Manager für sie wurde. Schnell wurde Edie als Partygirl in ganz New York bekannt. Zu diesem Zeitpunkt galt sie bei ihren Bekannten noch als sehr sympathisch und äußerst unkompliziert.
Sie verdiente ihr Geld, welches sie eigentlich noch gar nicht nötig hatte, als Model. Edie wurde unter anderem Covergirl der Vogue. Mit ihren auffällig geschminkten riesigen Augen, ihren kurzen Haaren und ihrer sehr schmalen Figur wurde sie zur Stilikone. Sie kombinierte ihre körperlichen Merkmale meist mit schwarzen, engen Strumpfhosen, Streifenshirts, kurzen Pelzmänteln und sehr großen Ohrringen. Auch das sogenannte „kleine Schwarze“ wurde durch Edie Sedgwick erst richtig berühmt und beliebt.
Im Januar 1965 traf Edie zum ersten Mal auf Andy Warhol. Kurz zuvor war ihr älterer Bruder Robert bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen. Warhol war zu diesem Zeitpunkt auf der Suche nach einem jungen Mädchen, mit der er Filme drehen konnte, und die er zu einer Art Alter Ego von sich machen konnte. Nur zwei Monate später, also im März 1965, war Edie ständig in Warhols Factory. Auch ihr Bekannter Chuck Wein ging dort ein und aus.
1965 wurde Edie für den begehrten Titel „Mädchen des Jahres“ nominiert. Ihr Aufstieg ging weiter. Andy Warhol förderte sie, wo er nur konnte. Er nahm sie mit auf Partys, drehte Filme mit ihr und genoss ihre Begleitung im Rampenlicht. Als sie den ersten Film mit Warhol drehte und dabei einfach nur stumm auf einem Koffer saß und rauchte, schien sie ein „armes, kleines, reiches Mädchen“ zu sein. So hieß dann auch der nächste Film, den Andy Warhol mit ihr drehte. In „Poor Little Rich Girl“ übernahm sie die Hauptrolle. Für Warhol typisch, kam es im Grunde kein Drehbuch. Edie sollte ganz sie selbst sein. Sie wurde zum Star des Undergroundfilms und reiste mit Warhol nach Europa, um noch bekannter zu werden.
In den folgenden Filmen, die die beiden zusammen drehten, wurde immer deutlicher, wie sehr Edie von Andy ausgenutzt wurde. In Beauty # 2 wird 70 Minuten lang gezeigt, wie Edie mit Gino Piserchio rauchend auf dem Bett sitzt, Wodka trinkt und interviewt wird. Die Fragen, die Chuck Wein ihr auf dem Off stellt, werden nach und nach immer direkter und unangenehmer für Edie.
Gino versucht während des Films mit Edie zu schlafen, sie aber will dies nicht. Sie wirft am Ende einen Aschenbecher in Weins Richtung. Edie wird hier klar als Opfer dargestellt, was sie allerdings eigentlich auch im wahren Leben war.
Doch das schadete ihrem Image nicht. Sie wurde immer mehr zur Ikone und ihre Look wurde weltweit kopiert. Ihr wurden Affären mit Mick Jagger, Bob Dylan und Jim Morrison nachgesagt.
In ihrem letzten Film, den Edie mit Warhol zusammen drehte „The Death Of Lupe Velez“ wird sie gezeigt, wie sie sich in eine Toilette erbricht und so tut, als würde sie an ihrem eigenen Erbrochenen ersticken. Die Dreharbeiten waren schwierig. Edie konnte sich den Text nicht merken, beschimpfte die Mitarbeiter und zeriss wütend das Drehbuch. Ihr Drogenkonsum wurde immer heftiger. LSD war ihr ständiger Begleiter.
Ende 1965 begann Edies Affäre mit Bob Dylan. Es wird angenommen, dass er für Edie die Lieder „Just like a woman“ und „Leopard skin pill-box hat“ geschrieben hat. Beide wurden auf Bob Dylans Album „Blonde on Blonde“ veröffentlicht, das 1966 erschien. Dass die beiden wirklich eine Affäre hatten, sind jedoch nur Spekulationen. Manche Zeitzeugen, wie der Schauspieler Patrick Tilden, berichten eher davon, dass Edie in einen guten Freund Dylans verliebt gewesen sein soll.
Edie war zu dieser Zeit nur noch selten „Gast“ in Warhols Factory. Das führte dazu, dass Warhol eine Nachfolgerin für Edie suchte. Ein Mädchen, das er genau so formen konnte wie seine Muse Edie. Sie war ersetzbar geworden. Das war sie schon zuvor, nur wusste dies niemand. Die Gesellschaft liebte Edie, sie hatte Fans und Nachahmer. Doch sie war austauschbar. In den Filmen musste sie nicht viel schauspielern. Wie erwähnt, saß sie teilweise nur da, rauchte und trank und beantwortete im besten Fall gestellte Fragen. Die Wahrheit ist, all das könnte jede Frau tun. Zumindest jede, die so extrovertiert ist, wie Edie. Sie soll eine „sympathische Frau“ gewesen sein und hatte angeblich das „gewisse Etwas“. Doch fast jedes Mädchen, mit einer knabenhaften Figur wie Edie und einem gewissen Sinn für Mode, hätte ihren Platz einnehmen können. Es blieb nicht aus, dass dies auch bald geschah. Schell stieß Warhol auf das deutsche Model Nico, die ebenfalls gern schauspielerte und zudem noch Sängerin werden wollte. Nico unterschied sich zwar von Edie dadurch, dass sie eher introvertiert und geheimnisvoll zu sein schien, jedoch war dies für Warhol nicht wichtig, er sah es sogar als schöne Abwechslung an. Edie war noch nicht ganz vergessen. Andy soll Lou Reed gebeten haben, einen Song über Edie zu verfassen. Das von Edie handelnde Lied „Femme Fatale“ wurde von der deutschen Nico gesungen.
Die „echte“ Edie Sedgwick schaffte es unterdessen, einen Vertrag für einen Film mit Bob Dylan zu erhalten. Auch durch eine Rat von Dylans Manager Albert Grossman hin, entzweite sich Edie immer mehr mit Warhol. Anfang 1966 stritten sich die beiden lautstark in einem New Yorker Restaurant. Edie wollte nicht mehr mit Warhol zusammenarbeiten. Zudem ging es um Bob Dylan und Warhol teilte Edie mit, der Dylan geheiratet hatte. Er wusste, dass Edie in Dylan verliebt war.
Andy Warhol litt unter dem Streit und dem Bruch mit Edie. Dies soll der Anlass dafür sein, dass er von nun an Liebe als Illusion bezeichnete. Edie hingegen verfiel immer mehr den Drogen. Trotz des Streits kam sie oft in die Factory zurück und fragte Warhol nach Drogen oder nach Geld. Angeblich gab er Edie ab und zu ein wenig Geld.
Nachdem sie im Oktober 1966 aus Versehen ihre Wohnung in Chelsea in Brand gesteckt hatte, Edie aber bis auf kleinere Verbrennungen unverletzt blieb, wollte Warhol einen Monat später noch einen letzten Film mit seiner Muse drehen. Dieser Film mit dem Titel „The Andy Warhol Story“ sollte Edie vor dem Verfall retten. Andy wollte ihr helfen. Doch Edie stand während der Dreharbeiten so unter Drogeneinfluss, dass der Film nur mit Mühe und Not zu Stande kam. Aufgeführt wurde „The Andy Warhol Story“ nur ein mal in der Factory. Die anderen „Bewohner“ fanden ihn überaus schlecht, ein Anhänger von Warhol soll sogar gefragt haben, ob der Projektor nicht lieber ausgeschaltet werden sollte.
Danach besuchte Edie ihre Eltern in Santa Barbara. Doch die Reise endete mit einer Einweisung in ein Krankenhaus, da Edies Mutter bemerkte, wie stark ihre Tochter drogenabhängig war. Zurück in New York versuchte sie sich eine Weile als Schauspielerin in verschiedenen Produktionen, auch mit Warhol traf sie sich wieder, um kleinere Filme zu drehen.
1971, nach einer Reihe weiterer Dreharbeiten und Klinikaufenthalten heiratete Edie Sedgwick einen ehemaligen Mitpatienten einer Suchtklinik. Sie nahm eine Weile keine Drogen mehr, hatte aber am 15. November 1971 einen Rückfall und starb kurz darauf mit 28 Jahren an einer Überdosis Barbiturate. Mit Warhol hatte sie etwa fünf Jahre lang keinen Kontakt mehr gehabt. Er kam nicht zu ihrer Beerdigung.

4. Was macht Edie zur Ikone der Popkultur?

Edie war auffällig, das ist keine Frage. Nat Finkelstein und David Dalton schreiben in ihrem Buch „Edie Factory Girl“, dass sie stets im Mittelpunkt stand.
„Social life revolved around her as it had done in the years before she left home. Wherever she went she was the center of attention, a Copernican system, where she was the charismatic solar deity around whom everything revolved.”16
Wie bereits angesprochen, konnte Warhol seine Muse Edie so formen, wie er sie haben wollte. Auch wenn er gegen Ende ihrer „Freundschaft“ versuchte, Edie zu helfen, ihr ab und zu Geld gab und sich bereiterklärte noch einen Film mit ihr zu drehen, ist es klar, dass sie durch Andy erst zu Drogen gekommen ist. Man muss ihm zugestehen, dass Edies Familie psychisch vorbelastet war, ihr Bruder begann Selbstmord und zu ihrem Vater hatte sie immer ein merkwürdiges Verhältnis. Er soll sie schon als Kind missbraucht haben.
Doch Andy nutzte all dies, vielleicht auch unbewusst, zu seinem Vorteil. Er nahm sie mit auf öffentliche Veranstaltungen und schmückte sich mit ihr und ihrer Gesellschaft. Auch ihr angeblicher Manager Chuck Wein behandelte sie nicht besser, eher im Gegenteil. Bei den Dreharbeiten zu dem bereits erwähnten 70-minütigen Film „Beauty # 2“ soll Wein zu ihre gesagt haben „I hope the next 35 minutes will be fun, then you can get tired and I can give you the bottle of pills. You can take the three pills, then Gino and I can leave. I can wake you up tomorrow and we´ll find a new doctor.”17
Alle wussten, wie schlecht es Edie ging, dass sie ständig unter Drogeneinfluss stand und daran zu Grunde ging. Aber in der oberflächlichen Welt Warhols und seiner „Freunde“ tat dies nichts zur Sache. Die meisten von Warhols Bekannten nahmen regelmäßig Drogen, es war keine große Sache. Scheinbar kamen alle anderen damit besser klar, als die labile Edie. In der Factory ging es hauptsächlich um Spaß und ein wildes und ausgelassenes Leben. Die Leute wollten frei sein, liefen nackt durch die Factory und probierten alles aus. Doch echte „Freunde“ waren die Mitglieder der Factory nicht. Eigentlich dachte jeder nur an sich selbst und an Vorteile, die er für sich selbst ziehen konnte. Warhol wollte vielleicht mit seiner Kunst die Welt auf etwas aufmerksam machen, ein wenig verändern oder sogar verschönern, aber seine eigene Lebensweise und somit auch die von Edie in der Zeit, als sie in der Factory ein und aus ging, war oberflächlich.
Im zweiten Kapitel wurde angesprochen, dass Pop auch etwas Vulgäres an sich haben soll. Unter „vulgär“ versteht man etwas Abwertendes, Unkultiviertes oder Unflätiges.
Man kann leider nicht leugnen, dass Edie Sedgwick im Laufe ihrer „Drogenkarriere“ gewisse unkultivierte Verhaltensweisen an den Tag legte. Der Höhepunkt ihrer „Vulgarität“ war wohl, als sie sich in einem gut besuchten Restaurant mit Warhol stritt. Im Film „Factory Girl“, mit Sienna Miller in der Rolle der Edie, wird sie besonders an dieser Stelle als sehr herunter gekommen dargestellt. Unter Drogeneinfluss, mit verschmiertem Make up stürmt sie im Film in das Restaurant und schreit Andy vor allen Leuten an. Dabei weint sie sogar ein wenig, es ist das was man unter „eine Szene machen“ versteht.
Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere allerdings, bekannt und beliebt, machte Edie in der Öffentlichkeit eine viel bessere Figur. Im November 1965 ist sie gemeinsam mit Warhol auf Filmpremieren und anderen gesellschaftlichen Veranstaltungen zu Gast. Die Fans rissen sich um sie.
„Edie, on the other hand, exults in the tumult. She´s ecstatic. She carries with her manic, anarchic joy of childhood with its disregard for putting on the breaks. Edie grabs the microphone and charms the crood, playing with them, dangling her Lurex sleeves, the strechy fabric getting longer and longer. A Pop Evita. Princess Edie and her devoted subjects ummm-ummm-ummming, the horde blending inte themselves in collectiv worship.”18 schreiben Finkelstein und Dalton über
Edie. Sie war ein Star, sie war beliebt und hatte Fans auf der ganzen Welt. Sie hatte ihre Fans im Griff, konnte mit ihnen umgehen und sie unterhalten. In solchen Momenten dachte niemand daran, dass sie sonst vulgär sein könnte. Keiner ihrer Fans ahnte, dass sie so früh sterben würden, dass sie an den Drogen zu Grunde gehen würde.
Im Übrigen zeigt der Film „Factory Girl“, der vor etwa zwei Jahren in den deutschen Kinos lief, dass Edie auch heute noch nicht vergessen ist. Sienna Miller, die Edie spielt, ist eine bekannte Hollywood-Schauspielerin, die durch ihre Rolle als Edie Segdwick noch berühmter wurde. Klatschzeitschriften behaupten, dass Miller sich während der Dreharbeiten so sehr mit Edie identifiziert haben soll, dass sie, ebenso wie Edie, magersüchtig wurde. Auch vom Kleidungsstil sind sich Segdwick und Miller durchaus ähnlich. Beide tragen einen Mix aus edler Designer-Kleidung und Vintage-Stücken aus Secondhandläden. Überhaupt ist genau dieser Look zur Zeit bei Hollywoodstars äußerst angesagt. Ob Lindsay Lohan, Kate Moss oder Nicole Richie, wenn diese jungen Frauen vor 40 Jahren gelebt hätten, wären sie auch eine Art Edie gewesen. Weder ihr Lebensstil, noch ihr Äußeres unterscheiden die It-Girls der 60er von denen von heute.


Wie bereits erwähnt wurden Edie von Bob Dylan zwei Songs gewidmet. Musik ist ein großer Teil dessen, was Pop ausmacht. Wenn man an Pop denkt, kommt einem in der Regel sofort das Wort „Popmusik“ in den Kopf. Dass „Leopard skin pill-box hat“ und „Just Like A Woman“ für extra für Edie Sedgwick geschrieben wurden, macht sie schon zu einer Art „Ikone der Popkultur“. Besonders, da diese Lieder nicht von „irgendjemandem“, sondern von dem bekannten Künstler Bob Dylan geschrieben und gesungen wurden.
Wie Umberto Eco sagt, gehen die Popkultur und die Konsumgütergesellschaft Hand in Hand. Das bedeutet, dass die Anhänger der Popbewegung gleichzeitig gern ihr Geld ausgeben. Wenn man diese These nun auf Edie bezieht, hat Eco vollkommen Recht. Edie war bekannt dafür Tausende von Dollar für Mode und Make up auszugeben. Obwohl ihre Familie sehr wohlhabend war, litt Edie am Ende unter Geldmangel. Sie liebte es, zu konsumieren, in teure Restaurants zu gehen oder viel Geld für ihr Aussehen auszugeben. Sie kaufte zwar auch in Secondhandläden ein, aber oft genug bezahlte sie mehrere Tausend Dollar in Bekleidungsgeschäften.
Man muss Edie hierbei zu Gute halten, dass ihr Aussehen ihr Kapital war. Nur durch ihr Styling, ihre knabenhafte Figur und ihre stark geschminkten Augen, wurde sie überall wiedererkannt und somit zum Vorbild vieler junger Mädchen. Der Unterschied zu den heutigen Vorbilder, wie die eben erwähnte Nicole Richie oder Lindsay Lohan ist, dass Edie eines der ersten It-Gils war. Nicole, Mischa Barton oder Lindsay sind heute fast „normal“ geworden. Es gibt viele reiche amerikanische Mädchen dieser Art. Die Klatschzeitungen berichten über sie, die Leute reden über sie, und diese Mädchen haben weltweit viele Fans. Aber zu Edies Zeiten gab es nicht viele, mehr oder weniger austauschbare, Mädchen, es gab im Grunde fast nur Edie.
Es war, wie erwähnt, bekannt dass Edie trotz ihres großen Erbes kaum Geld besaß. Ihr Erbe „verschleuderte“ sie natürlich nicht nur für ihr Äußeres, sondern auch für Drogen. Edie hatte kaum ein Maß für Geld, sie gab es einfach aus, ohne darüber nachzudenken. Das ist allerdings ein wenig verständlich, wenn man bedenkt, wie jung sie zu Beginn ihrer Karriere war und wie reich ihre Familie war. Sie musste sich schließlich zuvor nie Gedanken über Geld machen, es war ja immer welches da. So hatte sie sich angewöhnt, soviel auszugeben und zu konsumieren wie sie wollte. Konsequenzen hatte dies zunächst nicht. Erst als sie kaum noch Geld hatte, aber schon stark drogenabhängig war, ergaben sich daraus Probleme.
Deshalb kam sie, auch als sie sich schon mit Andy Warhol zerstritten hatte, immer noch in die Factory und bat Warhol um Geld. Er hatte sie für ihr Mitwirken in seinen Filmen allerdings nie bezahlt. Edie hat dafür kein Geld bekommen, nur „Ruhm und Ehre“.
Nach ihrem Leben in Warhols Factory versuchte Edie selbst Sängerin zu werden.
„Edie in her mind wanted to be part of the Velvets, but there was no place für her in the group – she couldn´t sing – so she jumped ship an dwent with the Dylan clan, and then she had a rude awakening. Nothing was going to happen with her singing career – or anything else over there.”19
Sagt Gerard Malanga in „Edie- Factory Girl“ über Edie. Sie wollte also singen, versprach sich viel von einer Karriere als Popsängerin, hatte aber nicht das Talent dazu. Als It-Girl scheint es nahe zu liegen Sängerin zu werden. Das gilt sowohl für Edie, als auch für Lindsay, Mischa, Nicole und Paris Hilton, die It-Girls von heute.
Nicht nur die Freude am Konsumieren ist typisch für den Pop. Drogen waren an der Tagesordnung. Sicherlich nicht nur in Warhols Factory, sondern in vielen künstlerischen Kreisen der 1960er und 1970er. Drogen und Partys, das gehörte zusammen und war ein großer Teil des Lebens in der Factory.
„Die Factory avancierte zum Ausflugsort der Kulturschickeria, und die Factory-Mitglieder wurden gern gesehene Gäste bei gesellschaftlichen Anlässen. Gegenkultur, Subkultur, Pop, Superstars, Drogen, Haschisch, Diskotheken – alles was als jung und `in` gilt ist zu dieser Zeit wohl erst richtig aufgekommen. Es lief immer irgendwo eine Party: wenn nicht im Keller, dann auf dem Dach, wenn nicht in der U-Bahn, dann in einem Bus, wenn nicht auf einem Schiff, dann in der Freiheitsstatue. Auf diesen Festen lernte Warhol immer neue Leute kennen, die er dann in die Factory einlud und je nach Bedarf einsetzte: Die junge ehrgeizige Schauspielerin Edith Sedgwick `Edie` genannt (….)“20
Auch Stefan Sabin ist der Meinung, dass Warhol seine Leute „je nach Bedarf“ einsetze. Er formte Edie, so wie er sie haben wollte. Er manipulierte sie, die Drogen halfen ihm dabei ihren Willen zu brechen. Edie sträubte sich allerdings kaum gegen Warhol. Sie dachte wahrscheinlich, dass das was er mit ihre machte gut für sie sei. Oder zumindest gut für ihre Karriere. Sie ahnte sicherlich nicht, dass sie so früh sterben würde, auch wenn das in „Factory Girl“ mit Sienna Miller so dargestellt wird, als wüsste Edie schon zu beginn, dass sie das 30. Lebensjahr nicht erreichen würde.
„In der Factory verhielt sich Warhol zu den meist jüngeren Mitarbeitern wie ein väterlicher Bruder, aber er ließ nie Zweifel daran aufkommen, dass er bestimmte.“21 Warhol war der „Chef“ der Factory, die anderen konnten und sollten dort ihren Spaß haben, aber Andy bestimmte am Ende alles.
Doch ein „väterlicher Bruder“ hätte wahrscheinlich nicht zugelassen, dass Edie sich so sehr den Drogen hingab. Allerdings war das normal in der Factory und in der Popkultur.
Ein weiterer Punkt, weshalb Edie typisch für die Popkultur war, ist ihre Schönheit.
„Mit der zweiundzwanzigjährigen Edie Sedgwick, die einer alteingesessenen Familie in Massachusetts entstammte, am Sutton Place wohnte und eine grauen Mercedes fuhr, verband ihn (Andy) für kurze Zeit tatsächlich so etwas wie Freundschaft. Um wie Warhol auszusehen, ließ sich Edie Sedgwick die Haare kurz schneiden und silbern färben, aber sie war und blieb schön. Edies Schönheit, ihre Herkunft, ihr Reichtum und ihre Verschwendungssucht prädestinierten sie zur Begleiterin Warhols.“22
Edie entsprach dem damaligen Schönheitsideal. Noch ein oder zwei Jahrzehnte zuvor hätte man sie für viel zu dünn gehalten. Doch auch ihre heutigen Pendants, Nicole, Mischa, Lindsay oder Paris Hilton sind sehr dünn. Auch wenn Paris und die andere Hollywood-Girls im Grunde nie direkt mit Edie Sedgwick in Verbindung gebracht werden, kann man doch sagen, dass sie Edie nicht nur ähneln, Edie ist eine Art Vorbild für die Mädchen. Wenn auch unbewusst.
Wie im zweiten Kapitel erläutert, kann Pop auch für einen alternativen Lebensstil stehen und bedeuten, dass Klassengrenzen gesprengt werden. Auch dies trifft auf Edie zu. Ihre Familie gehört zu den wohlhabendsten Familien der USA, Edie ist eine reiche Erbin. Und dennoch umgibt sie sich mit Menschen, die zum Teil viel weniger Geld besitzen als sie. Natürlich stammten auch einige Factory-Mitglieder aus wohlhabenden Familien. Dennoch ist das Leben, dass Edie in der Factory führt, ganz anders als ihre Eltern es sich wahrscheinlich für sie gewünscht hätten. Edies Eltern hätten ihr Leben wahrscheinlich für niveaulos gehalten. Und das ist auch genau ein Punkt, der mit der Popkultur zusammenhängen soll. Pop ist, laut Dietrichsen niveaulos.

5. Was spricht dagegen, dass Edie typisch für die Popkultur ist?

Im Grunde spricht nun nicht mehr viel dafür, dass Edie keine Ikone der Popkultur ist. Allerdings ist sie nicht die einzige Frau, die auf diese Art bekannt geworden ist. In der Factory lebten zahlreiche Mädchen, die Edie ähnelten. Edie ist zwar die jenige, die heute am meisten in Erinnerung geblieben ist, aber Warhol hatte mehrer Frauen mit denen er arbeitete. Sie war austauschbar.
Umberto Eco ist der Meinung, dass Pop der gängigen Meinung nach, auch etwas kritisieren will. „Durch diese Verfahrensweise wollten die Pop-Künstler ihre ironische und teils bittere Kritik an einer Kultur zum Ausdruck bringen, die in einer Flut von Konsumgegenständen untergeht.“23
Doch Edie wollte nichts kritisieren. Auch wenn sie eine schlimmer Vergangenheit hatte und ein schlechtes Verhältnis zu ihrer Familie, war es nicht in ihrem Sinn die Gesellschaft zu kritisieren. Vor allem nicht die Konsumgesellschaft. Sie war selbst ein Teil dieser Konsumgesellschaft. Edie liebte es, Unmengen von Geld für oberflächliche Dinge wie Make up oder Kleidung auszugeben. Sie konsumierte gern, ganz egal ob materielle Gegenstände wie eben Mode oder ob Drogen, von denen sie stark abhängig war.
Sie wollte keine Kritik üben, weil es ihr eigentlich gut ging. Natürlich hatte sie Probleme, die allerdings vor allem mit Drogen und mit ihrer Familie zusammenhingen, aber sie hatte ihren Spaß. Edie Sedgwick war ein extrovertiertes Mädchen, das gern im Mittelpunkt stand und Partys feierte. All das konnte sie in ihrer Zeit in der Factory genießen. Voller Spaß und eingepackt in eine weiche Drogenwelt, was läge ihr da ferner als die Gesellschaft zu kritisieren?
Eco meint vor allem, dass „Pop-Art eine ironische Kritik an der Konsumgesellschaft darstellt.“24 Aber Edie Sedgwick war nicht ironisch. Sie nahm sich selbst vielleicht nicht immer ganz ernst. Wie bereits erwähnt, wird im Film „Factory Girl“ mit Sienna Miller in der Hauptrolle, gezeigt wie Edie sagt, dass sie einfach irgendwelche Klamotten trägt, und ihre Fans machen das zu einem neuen Trend. Sie wird überbewertet. Edie nahm sich selbst also keinesfalls zu ernst, wollte wahrscheinlich einfach frei sein und ihr Leben genießen so gut es geht. Aber ironisch war sie dabei eigentlich nicht. Ironie bedeutet auch etwas überspitzt darzustellen und damit das Gegenteil zu meinen. Aber auch wenn Edie sich selbst vielleicht übertrieben präsentierte, das Gegenteil meinte sie damit nicht. Sie meint im Grunde gar nichts, sie wollte keine Botschaft verkörpern, dass überließ sie, wenn überhaupt, ihrem Freund Warhol.
Ein Punkt der eher nicht mit der Popkultur übereinstimmt, ist dass Edie eine sehr schlimme Kindheit hatte. Sie wurde von ihrem Vater missbraucht und zwei ihrer Brüder starben. Ihren Bruder Minty soll ihr Vater in den Selbstmord getrieben haben, weil Minty homosexuell war. Pop hingegen bringt man in der Regel mit einer gewissen Leichtigkeit in Verbindung. Popkultur will vielleicht kritisieren, steht aber selbst nicht für Probleme und Schwierigkeiten. Pop hat das Image einer bunten, lockeren und fröhlichen Welt. Doch Edies Vergangenheit, bevor sie in die Factory kam, war das Gegenteil. Sie verbrachte einen großen Teil ihrer Kindheit in psychatrischen Anstalten, kämpfte gegen Magersucht und somit irgendwie auch gegen sich selbst. Als Edie als junge Frau ihre Familie verlässt und nach New York kommt, wird ihr Leben zunächst positiver. Doch sie ist von ihrer Vergangenheit geprägt, kann sie nicht abschütteln. Und so hat die labile Edie Probleme, mit Drogen umzugehen. Auch die anderen Factory-Mitglieder nahmen gelegentlich Drogen, doch Edie zerbrach daran. Ihr Leben war wild und bunt, doch „leicht“ war es nicht. Edie hatte kaum ein fröhliches Leben, wie man es von einer Popikone erwarten würde.

6. Fazit

Zusammenfassend kann man sagen, dass das Society-Girl Edie Sedgwick durchaus eine Ikone der Popkultur war. Sie selbst, ihr Leben, ihr Charakter und ihr Äußeres passen fast zu 100 Prozent in das Bild, das die Popkultur und die Pop-Art aufzeichnen. Edie steht für fast alles, was Pop bedeutet.
Das einzige was dagegen spricht, ist dass sie kaum glücklich war. Sie hatte im Grunde ein trauriges Leben. Natürlich hatte sie auch Spaß, genoss den Ruhm und ihre Popularität, die Partys und ihre Freiheiten. Sie kümmerte sich kaum um das, was anderen Leute dachten. Ihr Leben war sehr kurz, sie starb mit nur 28 Jahren. Doch eine bekannte Weisheit sagt „Die guten sterben jung“. Dieser Spruch trifft auf Edie zu, wie auf kaum jemand anderen. Sie führte ein ausschweifendes Leben, sie lebte so, wie tausende ihrer Fans es gern getan hätten. Der Preis für so ein Leben scheint ein früher Tod zu sein.
Edie Sedgwick war eine schillernde Figur, sie war eine Berühmtheit und ist es heute noch. Noch heute wird sie kopiert und rezipiert. Erst vor knapp drei Jahren wurde der Film „Factory Girl“ über sie gedreht. Dies geschah aus keinem besonderen Anlass. Das zeigt schlicht, das sie auch heute noch interessant ist. Auch heute, fast 40 Jahre nach ihrem Tod, können die Rezipienten sich mit ihr identifizieren. Noch heute ist sie berühmt und beliebt. Edie steht für die Popkultur wie kaum eine andere Person.
Edie Sedgwick ist ganz klar eine Ikone der Popkultur.

Fußnoten:

1. Chrias, José Ruqué: Pop. Kunst und Kultur der Jugend. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1978. S. 9.
2. Ebd. S.10.
3. Ebd. S 16.
4. Ebd. S.16.
5. Pop – Technik-Poesie. Hg. von Marcel Hartgeschal. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1996. S. 36.
6. Ebd. S. 39.
7. Ebd. S. 39.
8. Ebd. S. 40.
9. Hecken, Thomas: Pop Geschichte eines Konzepts 1955-2009. Bielefeld: Transcript Verlag 2009. S. 55.
10. Ebd. S. 56.
11. Ebd. S. 65.
12. Ebd. S. 101.
13. Ebd. S. 104.
14. Ebd. S. 120.
15. Ebd. S. 124.
16. Finkelstein, Nat u. Dalton, David: Edie, Factory Girl. New York: VH1 Press 2006. S. 60.
17. Ebd. S. 78.
18. Ebd. S. 92.
19. Ebd. S. 109.
20. Sabin, Stefana: Andy Warhol. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1992. S. 76.
21. Ebd. S. 77.
22. Ebd. S. 77-78.
23. Chrias, José Ruqué: Pop. Kunst und Kultur der Jugend. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1978. S. 9.
24. Ebd. S. 10.