Beispiel für eine Reportage

So ist das mit dem Fahrradfahren – und auch im Unterricht

„Wenn ihr so auf der Straße fahrt, liegt ihr ganz schnell unter einem Auto!“ Verkehrssicherheitsberater Matthias Reul* ist nicht zufrieden mit den Grundschülern, denen er die Verkehrsregeln beibringen soll. 21 Viertklässler der Grundschule* üben auf dem Platz wie man sich sicher auf einem Fahrrad durch den Straßenverkehr bewegt.
Die  Jugendverkehrsschule ist eine Übungsfläche, auf der im Miniaturformat echte Verkehrsflächen nachgebildet sind. Inmitten dem realem Straßenverkehr, vorbeirasenden Autos, Straßenbahnen und dem lauten Alltag der Stadt bildet der Übungsplatz eine kleine Welt für sich. Ampeln, Zebrastreifen und Verkehrschilder gelten für die Schüler genau wie auf der echten Straße, nur ohne die im schlimmsten Fall tödlichen Konsequenzen, falls doch mal eine rote Ampel übersehen wird.
„Mir gefällt das Training“, sagt der achtjährige Roland*. „Ich finde es wichtig, dass man die Verkehrsregeln kennt.“


Die Kinder haben Spaß an den Übungen und sind interessiert, nur an der nötigen Disziplin fehlt es noch. „Einige Kinder werden die Prüfung am Ende des Trainings nicht bestehen“, meint Lehrerin Yana Erman*. „Manchmal kennen sie zwar die erlernten Regeln, aber drei Minuten später haben sie sie wieder vergessen. So ist das mit dem Fahrradfahren – und auch im Unterricht.“
Wacklig bewegen sich die Kleinen auf ihren Rädern über das Übungsgelände. Ein Junge fällt hin, rappelt sich aber schnell auf, steigt wieder auf sein Fahrrad und fährt weiter. Immer wieder muss Verkehrssicherheitsberater Matthias Reul* ihren die Schutzhelme zurechtrücken oder ermahnen aufmerksam zu sein. „Das ist deine zweite Verwarnung. Beim nächsten Mal sitzt du auf der Bank und kannst zuschauen“, ruft er über den Platz. „Langsam fahren!“
Unbeholfen und unfreiwillig komisch wirkt es, wenn der 47-jährige Polizist auf dem kleinen gelben Kinderfahrrad mit den roten Punkten vormacht, wie man an einer Kreuzung abbiegt. „Es kann nicht sein, dass ich etwas erkläre und ihr quatscht die ganze Zeit“, ermahnt er die Schüler. „Jetzt stellt euch vor, ihr seit auf dem Stadtplatz* an der großen Kreuzung. Ihr als kleine Radfahrer mitten in dem ganzen Verkehr. Da würde nicht mal ich mich wohlfühlen.“

2010 wurden laut Unfallstatistik der Berliner Polizei 282 Kinder als Radfahrer im Straßenverkehr verletzt, 24 davon schwer. Im gleichen Jahr starben in Berlin sechs Menschen bei einem Unfall mit dem Fahrrad.
„Solch ein Unterricht ist sehr wichtig für die Kinder“, meint Zena Asnil*, die an der Grundschule* Türkisch und Sachkunde unterrichtet. „Viele kommen jeden Tag mit dem Fahrrad zur Schule, da müssen sie wissen wie man sich im Straßenverkehr verhält.“
Auch manche Eltern haben Angst um ihre Kinder und begleiten sie, wenn möglich, auf dem Weg zur Schule mit dem Rad. „Ich fahre immer gemeinsam mit meiner Schwester zur Schule“, erzählt Ronald* selbstbewusst während einer kurzen Übungspause. „Angst habe ich dabei nicht. Ich bin an die vielen Autos gewöhnt und kann auf mich selbst aufpassen.“
Hauptteil der zweistündigen Übung ist an diesem Tag der sogenannte „Trick 17“. Anstatt beim Links abbiegen mitten über eine Kreuzung zu fahren sollen die Kinder zunächst geradeaus über die Ampel fahren, dann im 90 Grad Winkel die Straßenseite wechseln, um anschließend rechts um die Kurve zu biegen. Kaum ein Kind versteht die Anweisungen sofort. Fragende Kinderstimmen  „Wohin sollen wir jetzt?“ und  „Soll ich jetzt zu dieser Ampel fahren?“ mischen sich mit lauten Rufen der Erwachsenen: „Hast du nach links, rechts und hinten geguckt?“,  „Findest du das witzig? Da bist du aber der Einzige!“ und „So machst du das Rad kaputt.“
Leicht ist es weder für die Schüler noch für die Erwachsenen. Bei der zweiten von drei praktischen Übungen am Platz fährt keines der Kinder fehlerfrei. Die Verkehrserziehung ist Pflicht für die Viertklässler. „Wer die Prüfung im Mai nicht besteht, darf bei Klassenfahrten nicht an Fahrradausflügen teilnehmen. „Wenn die Schüler die theoretische und die praktische Prüfung erfolgreich absolviert haben bekommen sie einen Fahrradführerschein“, erklärt Zena Asnil*. „Die Eltern sind dann natürlich sehr stolz auf ihre Kinder.“


Doch bis dahin ist es für einige noch ein langer Weg.  Vor allem der neunjährige Junge mit dem auffälligen gelben Helm hält sich oft nicht an die Regeln, fährt los ohne sich umzuschauen und übersieht rote Ampeln. „Vorsicht“, ruft Matthias Reul* und hält das Kind gerade noch an der Schulter fest, bevor es scheinbar planlos über die Kreuzung fahren will. „Jan* ist unser Problemkind“, meint Yana Erman*. „Er ist sehr unkoordiniert und kann sich nur schlecht konzentrieren. Die Probleme die er im Alltag hat spiegeln sich hier wider. Ich denke, er wird es nicht schaffen.“

*Name von der Redaktion geändert.