Rezension zu „Der Hauptmann von Köpenick“

Viele werden „Der Hauptmann von Köpenick“ schon in der Schule gelesen haben. Zugegeben, es ist kein besonders angenehmes Buch für einen 14-jährigen Schüler.
Carl Zuckmayer schrieb die Tragikomödie in drei Akten im Jahr 1930. Rund ein Jahr später wurde das Theaterstück am Deutschen Theater in Berlin erstmalig aufgeführt. Die Regie übernahm damals Heinz Hilpert, Werner Krauß spielte die Hauptrolle.

Die Bürokratie legt Steine in den Weg


Das Stück erzählt die Geschichte des arbeitslosen Wilhelm Voigt, der im Jahr 1906 in Deutschland lebt. Er kommt gerade frisch aus dem Gefängnis und ist auf der Suche nach Arbeit und einer Wohnung. Doch die Bürokratie legt ihm einen Stein nach dem anderen in den Weg. Er braucht einen Pass, um eine Arbeitsstelle zu bekommen und wiederum eine Arbeit, um sich die Papiere ausstellen zu lassen.
So hangelt er sich von Tag zu Tag und – in Begleitung anderer armer Gestalten – auch von Kneipe zu Kneipe. Ohne Geld und oft ohne zu wissen, wo er die nächste Nacht verbringen wird.

Der Protagonist möchte sich in die Gesellschaft einfügen

Voigt möchte ein „anständiges“ Leben führen. Er will es so machen, wie es die strengen Vorschriften verlangen. Doch jedes Mal, wenn er zu einem der zahlreichen Ämter geht, um Hilfe zu bekommen, wird er abgewiesen und gerät mit den stark militärisch geprägten Bürokraten aneinander. Schnell fällt ihm auf, dass Männer mit einem militärischen Grad viel besser angesehen sind. Der Protagonist hat nicht gedient, aber zu seinem Glück hat er im Gefängnis alles über die militärische Laufbahn gelernt.

Er sieht keinen Ausweg mehr und möchte endlich zur Ruhe kommen. Voigt will nicht mehr gejagt und vertrieben werden. Deshalb beschließt er, sich diese absurden Regeln nicht weiter gefallen zu lassen. In einem Geschäft für Karnevalskostüme ersteht Wilhelm eine Hauptmannsuniform. Er weiß, dass er als Hauptmann Macht hat und die Leute ihn akzeptieren werden.

Voigt verkleidet sich als Hauptmann


Er tut nun das Unglaubliche und doch Naheliegende: Voigt gibt sich als Hauptmann aus. Mit ein paar Soldaten, denen er zufällig auf der Straße begegnet, und die nicht daran zweifeln, dass er ein echter Hauptmann ist, dringt er in das Rathaus von Köpenick ein. Dort kann er ohne Schwierigkeiten den Bürgermeister Dr. Obermüller und den Stadtkämmerer verhaften.
Doch Voigt hat wieder kein Glück. Denn in Köpenick gibt es gar keine Passstelle, er erreicht sein Ziel, endlich seine Papiere ausgestellt zu bekommen, wieder nicht.

Das Stück endet, wenn Voigt sich freiwillig der Polizei stellt. Seine Aktion, sich als falscher Hauptmann auszugeben, geht durch die Medien und er wird gesucht. Der Protagonist hofft, dass er, wenn er erneut eine Haftstrafe abgesessen hat, endlich doch noch einen Pass ausgestellt bekommt.
Auf dem Polizeirevier bittet man ihn, noch einmal die Uniform anzuziehen. Voigt hat sich selbst damit noch gar nicht im Spiegel gesehen. Er tut es, und als er sein Spiegelbild sieht, lacht er. Was weiter mit Wilhelm Voigt geschieht, erfährt der Leser nicht.

Eines der bekanntesten deutschen Werke

Carl Zuckmayer Stück ist gelungen. Nicht umsonst ist „Der Hauptmann von Köpenick“ seit Jahrzehnten eines der bekanntesten Werke der deutschen Literatur. 1956 wurde das Schauspiel mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle verfilmt.
Zudem beruht „Der Hauptmann von Köpenick“ auf einer wahren Begebenheit. 1906 drang der arbeitslose Wilhelm Voigt wirklich in das Rathaus vom Köpenick ein und stahl dort die Staatskasse.

Berliner Dialekt erschwert das Lesen

Zuckmayer schafft es, die Obrigkeitsgläubigkeit im damaligen Deutschen Reich geschickt durch den Kakao zu ziehen. Er zeigt auf, wie jemand der nichts mehr zu verlieren hat, sich auf intelligente Weise den Glauben an die Übermacht des Militärs zunutze macht.

Dennoch muss man zugeben, dass „Der Hauptmann von Köpenick“ nicht gerade sehr angenehm zu lesen ist. Es ist generell immer ungewohnt und somit schwieriger, ein Theaterstück zu lesen. Abgesehen von ein paar Regieanweisungen, erfährt der Leser nur, was die handelnden Personen sagen. Beschrieben oder gar erzählt wird so gut wie nichts.
Besonders anstrengend ist aber der Berliner Dialekt, den fast alle Charaktere zumindest in der ersten Hälfte sprechen. Wer nicht gerade in Berlin aufgewachsen ist und somit mit dem Dialekt bestens vertraut ist, muss sehr langsam lesen, damit ihm nichts von der Handlung entgeht.

Intelligent und kritisch

Carl Zuckmayer Stück ist absolut lesenswert. Die Botschaft ist intelligent und kritisch gegenüber der Staatsmacht. Doch ein Lesevergnügen ist „Der Hauptmann von Köpenick“ nicht. Wer sich für Politik oder die deutsche Geschichte interessiert, wird vielleicht Freude an dem Buch haben. Wer sich aber beim Lesen einfach nur amüsieren will, ist hier falsch.
„Der Hauptmann von Köpenick“ von Carl Zuckmayer ist beim Reclam für 2,60 Euro erhältlich.