Rezension zu „Mängelexemplar“

Die Moderatorin Sarah Kuttner ist eigentlich für ihre gute Laune und ihre freche Klappe bekannt. Bei Viva hatte sie bis vor ein paar Jahren eine eigene Show, bei der sie scheinbar einfach drauflosplappern durfte. Schnell geplappert wird auch in Kuttners Roman „Mängelexemplar“, nur ohne die gute Laune.

Karo stützt in eine Depression


Die Protagonistin Karo geht auf die 30 zu und eigentlich ist das Meiste in ihrem Leben ganz in Ordnung. Sie hat einen Freund, den sie allerdings nicht wirklich leiden kann. Und sie hat einen Job als Eventmanagerin, den sie mag. Karo beschreibt sich selbst als anstrengend. Sie ist hektisch und ungeduldig, sie will immer alles sofort und kriegt es meistens auch.
Aber dann ändert sich Karos Leben. Sie verliert ihren Job, und selbst wenn die Trennung von ihrem Freund von Karo ausgeht, leidet sie darunter. Karo stürzt in eine Depression.

Doch das will sie zunächst nicht wahrhaben. Immer wieder fragt sie sich, was denn mit ihr nicht stimmt, sie will wieder „heil“ sein. Doch sie bekommt Panikattacken, Schweißausbrüche und Weinkrämpfe. Sie sucht sich Hilfe bei einem Psychiater, der ihre Depression als „Fucking Event“ beschreibt.
Karo wird von ihrem besten Freund unterstützt, zieht wieder bei ihrer Mutter ein und leidet. Sie ist am Ende und weiß nicht warum. Sie nimmt Antidepressiva, wodurch sich ihre Stimmung erst mal bessert. Aber Karo hat immer wieder Rückfälle. Wenn sie denkt, es geht ihr wieder besser, sie sei „geheilt“, wacht sie mitten in der Nacht auf und hat Panik.

Im Laufe des Romans stellt sich heraus, dass auch Karos Mutter bereits an Depressionen litt.
Karo soll lernen „sich selbst wieder zu spüren“, wie ihre Psychiaterin sagt. Der Leser begleitet die quirlige Protagonistin auf ihrem Weg voller Höhen und vor allem voller Tiefen.

Kein Lesevergnügen

Sarah Kuttner befasst sich in „Mängelexemplar“ mit einem schwierigen Thema. Depressionen sind zur Volkskrankheit geworden. Immer mehr junge Menschen in Karos Alter leiden darunter. Dennoch wollen es viele Betroffene – ganz wie zunächst Karo – nicht wahrhaben, dass sie krank sind, denken sie müssten funktionieren.
Depression heißt, dass man traurig, ängstlich oder panisch ist und das ohne jeden erkennbaren Anlass. Und das ist genau der Grund, weshalb „Mängelexemplar“ kein Lesevergnügen ist. Kuttners Roman ist gut geschrieben. Sie entwirft Wortneuschöpfungen und wirft mit faszinierenden Wortkombinationen um sich. Die Sprache des Romans ist genau wie Karos Innenleben: schnell, hektisch, zynisch und durchaus auch witzig.

Oft kann der „gesunde“ Leser, der nicht an Depressionen leidet, die Gefühle und Handlungen der Protagonistin nicht nachvollziehen. Das ist sicherlich so gewollt. Nur wer schon einmal eine depressive Verstimmung, bis hin zur echten Depression erlebt hat, weiß, wie Karo sich fühlt. Das führt wiederum dazu, dass Sarah Kuttners Roman ein hochwertiges Buch mit einem wichtigen und ernsten Thema ist, das die Lektüre aber eher anstrengend macht.

„Mängelexemplar“ zieht runter. Denn auch wenn der Leser Karos Denken nicht immer nachvollziehen kann, verbreitet es doch eine düstere Stimmung, wenn die Protagonistin seitenlang weint und Panik hat.

Immer nur so viel lesen, wie man verkraften kann


Es ist schwer zu sagen, wann man das Buch am besten lesen sollte. Denn es ist durchaus wert, gelesen zu werden – gerade in unserer schnelllebigen Zeit, in der Depressionen ein gängiges Thema geworden sind.
Auch die Selbstanalysen, denen Karo sich unterzieht, prägen zunehmend den Alltag vieler Menschen. Sie lassen sich von Psychiatern beraten, wollen funktionieren, obwohl irgendetwas in ihnen ganz und gar nicht in Ordnung ist.

Wer das Buch an einem verregneten Herbsttag liest, wird unweigerlich selbst in depressive Stimmung versetzt. Andererseits wird es auch an einem sonnigen Strand runter ziehen. Am besten ist es, „Mängelexemplar“ nicht an einem Stück zu lesen. Man sollte immer nur so viel lesen, wie man verkraften kann.

„Mängelexemplar“ von Sarah Kuttner ist für 14.95 Euro beim S. Fischer Verlag erhältlich.