Rezension zu „Wer die Nachtigall stört“

Der Roman „Wer die Nachtigall stört“ von der US-amerikanischen Autorin Harper Lee erschien im Jahr 1960. Im folgenden Jahr erhielt sie dafür den Pulitzer-Preis. Seit dem Welterfolg von „To kill a Mockingbird“, wie der Roman im amerikanischen Original heißt, hat Harper Lee kein weiteres Buch mehr geschrieben.

Scout erzählt aus der Ich-Perspektive


„Wer die Nachtigall stört“ erzählt die Geschichte eines kleinen Mädchens – Jean Louise Fink, genannt Scout -, die gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Jem und ihrem alleinerziehenden Vater Atticus Fink in den 1930er Jahren in einer kleinen Stadt in Alabama lebt. Aus der Ich-Perspektive beschreibt Scout ihre ersten Erlebnisse in der Schule, das gemeinsame Spielen mit Jem und das Leben in der zunächst noch recht idyllisch wirkenden Nachbarschaft.
Doch schneller als der kleinen Erzählerin wird dem Leser klar, dass die Kleinstadt Maycomb County nicht so friedlich ist, wie sie sich mit ihren gepflegten Vorgärten und Schaukelstühlen auf den Veranden gern gibt.

Die Sklaverei wurde zwar in den USA bereits 1865 offiziell abgeschafft, allerdings hatten in den 1930er Jahren – vor allem in den Südstaaten – Schwarze noch längst nicht die gleichen Rechte wie Weiße. Scout, ihr Bruder Jem und Dill – ein befreundetet Junge der meist den Sommer in Maycomb verbringt – müssen sich deshalb zunehmend mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen.

Rassismus, Vorurteile und Beleidigungen

Vor allem als ihr Vater, der Anwalt und Abgeordnete Atticus, der den gesamten Roman über für die Kinder stets ein liebevoller Vertrauter ist, zum Pflichtverteidiger für den schwarzen Farmarbeiter Tom Robinson berufen wird, müssen Scout und ihr Bruder lernen, dass in den Köpfen der meisten ihrer Nachbarn nicht alle Menschen gleich sind.
Robinson wird angeklagt, eine junge weiße Frau vergewaltigt zu haben. Ihm droht dafür die Todesstrafe. Allerdings ist Atticus Fink von Anfang an davon überzeugt, dass sein Mandant unschuldig ist. Jedoch weiß Atticus auch, dass Robinson – als Schwarzer – kaum eine Chance hat, freigesprochen zu werden.

Trotzdem setzt Atticus Fink – ein überzeugter Gegner der Rassentrennung – sich mit allen Kräften für seinen Mandanten ein. Aufgrund der Vorurteile vieler Bürger, die teilweise auch vor Gewalt nicht zurückschrecken, bringt er sich dadurch zunehmend in Gefahr. Oftmals als „Niggerfreund“ bezeichnet, leidet nicht nur er unter den Beschimpfungen und dem Getuschel der Nachbarn, auch seine Kinder müssen viele Beleidigungen ertragen.
Dennoch will Atticus – gerade wegen seiner Kinder – Tom Robinson verteidigen. Er ist der Meinung, er könne sich selbst und seinen Kindern sonst nicht mehr in die Augen sehen. Atticus war zwar für Scout und Jem immer auch eine Autorität, dennoch ist er oftmals eher Freund als Vater, der seine Kinder ein vorurteilsfreies Weltbild lehren möchte.

Kindliche Fragen verdeutlichen die Sinnlosigkeit

Scout und Jem – beide etwa im Grundschulalter – verstehen den Sinn der meisten Beleidigungen gar nicht, obwohl sie durchaus merken, dass ihr Vater dadurch verbal angegriffen wird. Häufig fragen sie ihren Vater oder die schwarze Haushälterin Calpurnia nach dem Sinn der Beschimpfungen, der ihnen dann weitestgehend erklärt wird.

Genau das ist einer der Punkte, die Harper Lees Roman so herausragend machen. Kinder, die aufgewachsen sind, ohne dass sie von ihren Eltern mit Vorurteilen beeinflusst wurden, kommen schließlich von allein nicht auf die Idee, dass schwarze Menschen „schlechter“ oder „weniger Wert“ sein könnten, als weiße. Durch ihre auf den ersten Blick naiv anmutenden Fragen über die Gründe für den Hass ihrer Mitmenschen auf Schwarze führt die Autorin den Lesern die Sinnlosigkeit und willkürliche Unlogik der Rassentrennung vor Augen.

Der mysteriöse Nachbar Boo Radley

Ein parallel zum Robinson-Prozess laufender Erzählstrang befasst sich mit dem mysteriösen Nachbarn Boo Radley. Boo verlässt scheinbar niemals das väterliche Haus, Gerüchten zufolge höchstens in mondlosen Nächten. Boo soll geisteskrank sein, missgebildet aussehen und seinen Vater mal mit einem Messer verletzt haben.


Kein Wunder, dass derartige Geschichten über das Nachbarhaus und seine Bewohner Scout, Jem und Dill faszinieren. Über mehrere Jahre versuchen sie immer wieder Kontakt mit Boo Radley aufzunehmen. Sie sind neugierig und wollen ihn unbedingt sehen.
Die aufgeweckten, gutherzigen Kinder wollen Boo allerdings keinesfalls Angst einjagen, oder sich über ihn lustig machen. Obwohl sie wissen, dass es unhöflich und sogar gemein ist, sich beispielsweise an das Radley-Haus zu schleichen, um Boo wenigstens ein Mal zu Gesicht zu bekommen, siegt doch immer wieder die kindliche Neugier.

Die beiden Handlungsstränge werden am Ende des Romans zusammengeführt, wenn Boo den Kindern das Leben rettet, als der aufgebrachte und von Atticus vor Gericht bloßstellte Vater des angeblich von Tom Robinson vergewaltigten Mädchens – Bob Ewell – Scout und Jem mit einem Messer angreift.

Die Nachtigall als Symbol für die Unschuld

Die im Titel des Buches genannte Nachtigall kommt selbst gar nicht vor. Sie ist vielmehr ein Symbol für die Unschuld. Den Kindern wird erklärt, dass man auf eine Nachtigall niemals schießen darf, weil sie niemandem etwas Böses tue und die Menschen nur mit ihrem Gesang erfreue.
Scout sagt später, dass Boo Radley – genau wie eine Nachtigall – nicht gestört werden sollte.
Aber auch der unschuldig verurteilte Tom Robinson, der bei einem Fluchtversuch erschossen wird, noch bevor Atticus Fink gegen die Verurteilung Berufung einlegen kann, kann als „Nachtigall“ gedeutet werden. Ähnlich wie bei der sinnlosen Abschlachtung des Singvogels, hat auch Robinson niemandem etwas zuleide getan, ist stattdessen ein guter Mensch, der trotzdem kaltblütig erschossen wird.

Den Kindern wird während ihres Heranwachsens immer deutlicher, dass die Menschen ganz und gar nicht nur „gut“ sind, wie sie es zunächst geglaubt haben. Hinter Teegesellschaften, Kirchgängen und Wohlfahrtsveranstaltungen findet man bei genauerem Hinsehen eine Welt aus Intoleranz, Vorurteilen und Hass gegenüber weniger gut angesehenen Menschen – allen voran Schwarzen.

Ein umstrittener Roman

„Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee ist in den USA immer noch ein umstrittener Roman. Zum einen wird die politisch unkorrekte Sprache, wie etwa bei dem Wort „Nigger“ kritisiert. Allerdings sind die meisten Experten der Meinung, dass Lee selbst mit diesem Wort ganz und gar nicht die schwarzen Menschen verurteilen wollte.

Stattdessen macht sie so vielmehr in klaren Worten deutlich, wie schlecht Schwarze damals behandelt wurden und wie selbstverständlich das abwertende Wort „Nigger“ gebraucht wurde.

Einigen konservativen US-Bürgern gefällt es andererseits nicht, wie negativ die Gesellschaft in dem Roman dargestellt wird. Häufig wurde „Wer die Nachtigall stört“ deshalb aus dem Unterricht an öffentlichen Schulen verbannt.

Ein wichtiges Stück Literaturgeschichte


Gerade deshalb ist der Roman ein wichtiges Stück Literaturgeschichte, das fast schon zur Allgemeinbildung gehört. Das Buch ist nicht kompliziert geschrieben, sodass sich der Rezipient gut vorstellen kann, dass eine Neunjährige die Geschehnisse in ihren eigenen Worten wiedergibt.
Genau das führt aber dazu, dass dem Leser die Absurdität der konservativen Denkweise sowie die Scheinheiligkeit der beschriebenen Kleinstadtbewohner besonders deutlich vor Augen geführt wird.